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Chinas Reformweg in der Wirtschaft ist zu Ende

30.01.2015 - (idw) Universität Witten/Herdecke

Prof. Herrmann-Pillath erklärt in seinem neuen Buch, wie China seinen Wirtschaftsstil gefunden hat und wie der Westen damit zurechtkommen kann Prof. Dr. Carsten Herrmann-Pillath analysiert in seinem neuen Buch Wachstum, Macht und Ordnung die Wirtschaftsordnung Chinas und kommt zu dem Schluss: Der Westen kann sich auf mindestens zwei bis drei Jahrzehnte einstellen, in denen China keine fundamentalen institutionellen Verwerfungen mehr erfahren wird und dadurch ein stabiler und verlässlicher Handelspartner sein wird. Das war nicht immer so: In der Mao-Zeit hatte China viele Dinge wie Gerichte und Finanzverwaltung abgeschafft, weil sie angeblich westlich-bürgerlich waren. Das hat sich in den frühen 90er Jahren gerächt, weil der Staat keine Steuern mehr einnahm und fast pleite war, erklärt Herrmann-Pillath im historischen Rückblick die Voraussetzungen. Dann gab es eine Steuerreform, die gut funktionierte. Die Zentrale in Peking hatte nun wieder Geld, aber die lokalen Gebietskörperschaften, vergleichbar mit Ländern und Gemeinden in Deutschland, bekamen von dem warmen Regen nichts ab. Das war der gewollte oder ungewollte Startschuss für die massenhafte Privatisierung der vielen lokalen Staatsfirmen. Es wird viel darüber spekuliert, ob das strategisch geplant war. Aber der Effekt ist eindeutig: Die Städte und Länder, um die deutschen Begriffe zu wählen, mussten die vorher mit hohen Subventionen am Leben gehaltenen Firmen verkaufen. Die Not wurde von der Zentrale in die Fläche umverteilt und löste so das chinesische Wirtschaftswunder aus. Daraus entstand das heutige Nebeneinander von nationaler Staatswirtschaft und regionaler Marktwirtschaft, die oft als Staatskapitalismus bezeichnet wird.

Eine weitere Besonderheit in China liegt in der schieren Größe: Dort gibt es viele Bürgermeister, die einen Einzugsbereich mit 20 bis 30 Millionen Menschen regieren. Zur Einordnung: Länder wie Portugal, Griechenland oder Dänemark haben je rund zehn Millionen Einwohner. Die Städte in China wachsen mit einer Geschwindigkeit, die wir uns hier gar nicht vorstellen können. Und trotzdem ist diese Urbanisierung für die nächsten 20, 30 Jahre eine feste planbare Größe, die das Wachstum in China treiben wird. Eben weil das Land so groß ist, so viele Reserven hat, sagt Herrmann-Pillath voraus. Und diese Dynamik entspricht so gar nicht dem westlichen Bild von einem Kommunistischen Staat, der alles plant und ordnet. Viele Kommunen in China können ihren Haushalt zurzeit nur dadurch sichern, dass sie immer mehr Ackerfläche zu Bau- oder Gewerbegebieten umwidmen. Aufsichtsrechtliche Beschränkungen sind schwach, das ist alles nicht so geordnet, wie gerade wir Deutschen das angeblich so lieben. Und in diesem Prozess der Urbanisierung entstehen dann auch neue Probleme: Da werden auch schon mal Bauern übervorteilt, die dann mit Gewalt und Unruhen dagegen protestieren und es in westliche Medien schaffen. Da gibt es wie überall, wo große Bausummen bewegt werden, Korruption. Das war in Deutschland beim Wiederaufbau nicht anders. Aber unser Bild von einem Kommunistischen System ist eben nicht eines, das mit solchen Improvisationen in Einklang zu bringen ist, beschreibt Herrmann-Pillath in seinem Buch die Irritationen im Westen. Vielleicht kann man das mit der Zeit der Industrialisierung vor der Jahrhundertwende in Deutschland vergleichen: Viele Menschen wandern zu, um Arbeit zu finden, aber die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer waren völlig ungeregelt. Hier haben sie sich in vielen Arbeitskämpfen gebildet. In China steht dieser Prozess noch aus, wird aber bei dem anhaltend hohen Wachstum sicher keine Instabilität bringen, ist sich Herrmann-Pillath sicher.

Prof. Dr. Carsten Herrmann-Pillath steht kurz vor der Wieder-Berufung zum Professor an der Universität Witten/Herdecke, an der er von 1996 bis 2008 bereits einen Lehrstuhl für Evolutionsökonomik und Institutionentheorie Inne hatte. Er ist Volkswirt und Sinologe und befasst sich seit 30 Jahren mit der Erforschung der Wirtschaft Chinas. Er ist Fellow am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt.

Außerdem ist er seit dem 24. Dezember 2014 der erste europäische Distinguished Visiting Professor am neu gegründeten Schwarzman College der Tsinghua-Universität in Peking. Der Chef des weltweit größten Investors Blackstone gründete hier mit einer 300 Mio. Dollar-Spende eine einzigartige Studienmöglichkeit für 200 Stipendiaten. http://schwarzmanscholars.org/

Carsten Herrmann-Pillath: Wachstum, Macht und Ordnung
Eine wirtschaftsphilosophische Auseinandersetzung mit China
2015, Metropolis, 586 Seiten, ISBN 978-3-7316-1108-0

Weitere Informationen bei Prof. Dr. Carsten Herrmann-Pillath cahepil@online.de
Die Handynummer können Sie unter 02302/926-805/849 erfragen.


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