Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 19. Oktober 2017 

Balanceakt über dem Abgrund

03.02.2015 - (idw) Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Drei Stunden haben die Dreharbeiten gedauert; eine Minute und zehn Sekunden lang war der fertige Beitrag. Für einen Film über ein virtuelles Training gegen Höhenangst hat ein Team des Bayerischen Fernsehens den Spezialisten für Mensch-Computer-Interaktion Marc Erich Latoschik besucht. Oh Gott, da müsste ich mich jetzt umdrehen. Aber das geht ja gar nicht, ich stehe doch über dem Abgrund! Regine Rettners Stimme weist leichte Anzeichen von Panik auf. Kein Wunder: Schließlich steht sie gerade auf einem knapp dreißig Zentimeter breiten Steg, unter ihren Füßen gähnt ein 45 Meter tiefer Abgrund, in dem ein Wasserfall rauscht. Und jetzt soll sie auch noch Bälle, die rechts und links des Weges in der Luft schweben, mit einem Fußkick beiseite schießen. Dabei leidet Rettner, wie sie selbst sagt, unter extremer Höhenangst und muss auf Wanderungen im Gebirge an Passagen abbrechen, die von den wenigsten Wanderern als Problem angesehen werden.

Abtauchen mit der 3D-Brille

Dass Regine Rettner es überhaupt schafft, auf dieser Brücke zu stehen, hat einen einfachen Grund: Während ihres Balanceakts ruft sie sich permanent ins Gedächtnis, dass es sich bei dieser hochalpinen Umgebung nur um eine virtuelle Realität handelt. Tatsächlich steht sie in einem Labor der Universität Würzburg; der Holzsteg, auf dem sie sich bewegt, ist gerade mal zehn Zentimeter höher als der Fußboden, und Abgrund und Wasserfall sind rein digitale Erzeugnisse, die ihr auf zwei winzigen Bildschirmen vorgespielt werden von einem Gerät, das einer Tauchermaske sehr ähnlich sieht.

Regine Rettner ist Redaktionsassistentin beim Bayerischen Rundfunk in Würzburg. Für einen Beitrag, der am nächsten Abend in der Rundschau zu sehen sein wird, steht sie jetzt Modell. Wie sich Höhenangst erfolgreich mit einem Training im 3D-Labor bekämpfen lässt, will der Fernsehsender damit seinen Zuschauern zeigen. Der Experte, der dem Team dabei zur Seite steht, ist Professor Marc Erich Latoschik, Inhaber des Lehrstuhls für Informatik IX, Spezialist für Mensch-Computer-Interaktion und Hüter des Labors am Hubland-Campus.

Technik muss sich dem Menschen anpassen

Latoschiks primäres Ziel ist es allerdings nicht, Menschen dabei zu helfen, ihre Höhenangst zu überwinden. Ihn interessiert vielmehr die technische Seite; er forscht an der Zukunft der Interaktion von Mensch und Computer, wie er im Gespräch mit der BR-Redakteurin Julia Kuhles erklärt. Welche Auflösung müssen die Bildschirme in der Computerbrille haben, wie muss die Farbgebung beschaffen sein, wie weit muss das Blickfeld reichen, damit die Träger der Brille die virtuelle Realität als lebensecht empfinden: Auf Fragen wie diese sucht Latoschik mit seinem Team nach Antworten. Er will, dass sich die Technik dem Menschen anpasst nicht umgekehrt, wie das heute allzu oft der Fall sei.

Latoschiks Aussage: Hinter all dem steht letztendlich die Frage, wie der Mensch funktioniert, sorgt bei dem BR-Team für Verwirrung. Sind wir jetzt hier in der Psychologie oder der Informatik?, rutscht dem Kameramann heraus. Beides! Wir sind hier interdisziplinär, antwortet Latoschik. Ohne Kenntnisse in Psychologie und Linguistik sind Sie aufgeschmissen, wenn Sie Computer besser bedienbar machen wollen. Diesen interdisziplinären Ansatz spiegelt auch das Institut wider, zu dem Latoschiks Lehrstuhl gehört dem Institut für Mensch-Computer-Medien. Dort arbeiten Experten für Medien- und Wirtschaftskommunikation, für Medieninformatik und -psychologie, für die Interaktion von Mensch und Computer und Spezialisten für psychologische Ergonomie zusammen. Gemeinsam betreiben sie die Studiengänge Medienkommunikation und Mensch-Computer-Systeme.

Routiniertes Interview vor der Kamera

In diese Tiefen der Details will das Drehteam heute allerdings nicht einsteigen, schließlich darf der Beitrag am Ende maximal eine Minute und zehn Sekunden lang sein. In dieser kurzen Zeit sollen die Zuschauer sich ein Bild davon machen, wie Regine Rettner auf ihren Balanceakt auf dem Steg vorbereitet wird und wie sie sich dabei schlägt. Außerdem soll Marc Erich Latoschik ihnen in wenigen Sätzen Nutzen und Grenzen des Trainings in der virtuellen Realität erklären. Das macht er ruhig und routiniert. Ohne lange nachzudenken, ohne Ähs und Hmm und vor allem ohne allzu viel Fachsprache beantwortet er Julia Kuhles Fragen und lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als der Redakteurin eine Antwort zu lange ausfällt und sie die Frage deshalb wiederholt. Dabei gelingt ihm sogar der Schlenker weg von dem Nutzen der Computerbrille in den Labors der Wissenschaftler hin zu deren Gefahren beim Privatmann.

Eine Gefahr, die bei Weitem nicht mehr Zukunftsmusik ist. Für ihre Experimente setzen Latoschik und seine Mitarbeiter auf eine Brille der Firma Oculus VR. Wem der Name bekannt vorkommt: Vor knapp einem Jahr hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Firma gekauft für den Preis von zwei Milliarden Dollar. Oculus hat die Chance, die sozialste Plattform aller Zeiten zu erschaffen und damit die Art und Weise zu verändern, wie wir arbeiten, spielen und kommunizieren, begründete Zuckerberg die Übernahme. 350 US-Dollar kostet derzeit die neueste Version der 3D-Brille; passionierte Freunde von Computerspielen können damit tiefer in virtuelle Welten eindringen als jemals zuvor.


Fahrverbot nach dem Computerspiel

Marc Erich Latoschik bereitet diese Entwicklung Sorgen: Mit dieser Technik kann man Ängste kurieren; man kann aber genauso gut auch psychische Störungen induzieren, erklärt er im Interview mit dem BR. Unerwünschte Effekte, ob absichtlich oder unabsichtlich verursacht, seien nicht auszuschließen. Welcher Fan von Computerspielen denkt schon daran, dass er nach einer oder zwei Stunden Kampf gegen Aliens unter der Brille mindestens genauso lange nicht Auto fahren oder Maschinen bedienen sollte? Wer an Latoschiks Experimenten teilnimmt, wird darauf hingewiesen. Wenn die Qualität der Bilder nicht wirklich perfekt ist, kann das Gehirn längere Zeit in einer Art Rauschzustand verharren, erklärt der Wissenschaftler ganz abgesehen davon, dass dies die sogenannte Simulatorkrankheit auslösen kann, die mit Schwindel, Übelkeit und Erbrechen einhergeht.

Technophob sind Latoschik und seine Mitarbeiter deshalb übrigens nicht ganz im Gegenteil. Die moderne Technik bietet enorme Chancen. Man muss sie nur bedacht einsetzen, sagt der Professor. Von einer Firma wie Oculus sei das nicht unbedingt zu erwarten; dort überwiege das monetäre Interesse. Umso wichtiger sei es, dass sich die Wissenschaft dieses Themas annehme. Noch wissen wir wenig von den Gefahren und so gut wie nichts über Langzeitfolgen, warnt Latoschik. Sorgen bereitet ihm unter diesem Aspekt die Geschwindigkeit, mit der die Industrie momentan immer neue und immer bessere Produkte auf den Markt wirft. Die Innovationszyklen der Industrie dauern derzeit circa sechs Monate, sagt er. In dieser Zeit habe er gerade einmal den Antrag für ein Forschungsprojekt geschrieben, um dieses Produkt wissenschaftlich zu untersuchen.


Kontakt

Prof. Dr. Marc Erich Latoschik, T: (0931) 31-85871, marc.latoschik@uni-wuerzburg.de Weitere Informationen:http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/nachrichten/ed-labor-training-hoehena... Zum Beitrag des Bayerischen Rundfunks über das virtuelle Training gegen Höhenangst
uniprotokolle > Nachrichten > Balanceakt über dem Abgrund
ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/292060/">Balanceakt über dem Abgrund </a>