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UDE: Schranken im Kopf. Zu den Job-Chancen hochqualifizierter Migranten

06.02.2015 - (idw) Universität Duisburg-Essen

Es ist ein Schatz, der verheißungsvoll funkelt, aber noch nicht gehoben wurde: Das Wissen hochqualifizierter Migranten und Migrantinnen wird bislang zu wenig genutzt. Weltweit werben viele Länder um die besten Köpfe. Doch jene, die daraufhin auswandern, landen in der neuen Heimat oft in Jobs, die nicht ihren Fähigkeiten entsprechen. Das nutzt weder ihnen noch dem Aufnahmeland. Diesen Gegensatz untersucht Prof. Dr. Anja Weiß von der Universität Duisburg-Essen (UDE). Gerade hat sie dazu zusammen mit Wissenschaftlern aus Deutschland und Kanada eine internationale VW-Studiengruppe abgeschlossen. Work in Transition heißt die englische Publikation, die den Zugang zum Arbeitsmarkt in Deutschland, Kanada und der Türkei vergleicht. Über 200 Interviews mit gut ausgebildeten Eingewanderten wurden intensiv ausgewertet. An den Ergebnissen wird deutlich, wie wichtig die Anerkennung kulturellen Kapitals, etwa der Bildung, ist. Ebenso wird nachvollziehbar, wie Menschen in Sackgassen geraten, wenn sie vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen bleiben.

Eine anerkannte Asylbewerberin berichtet: Ich bin zur Gesundheitsbehörde gegangen und habe gesagt: Ich habe im Irak als Oberärztin gearbeitet und bin jetzt auch in Deutschland als Ärztin anerkannt worden. Dann hat der gesagt: Nein, eher können Sie als Putzfrau arbeiten, aber Ärztin geht nicht. Die Autoren schlussfolgern aus diesen und ähnlichen Erzählungen, dass nicht immer sachliche Gründe dafür ausschlaggebend sind, ob der bereits absolvierte Bildungsweg am Arbeitsmarkt verwertet werden kann. Es komme stattdessen mehr darauf an, was individuell mit Arbeitgebern und Behörden ausgehandelt werden könne.

Weiß erläutert, dass diese Prozesse, ebenso wie die Weiterqualifikation, je nach Land verschieden sind. In manchen Berufsfeldern sind aber länderübergreifend Ähnlichkeiten zu beobachten: So streben Manager in Kanada, Deutschland und der Türkei vor allem verhandlungssichere Sprachkenntnisse an. Die Ärzteschaft kämpft dagegen eher damit, bürokratische Barrieren zu überwinden. In beiden Berufsgruppen finden sich erfolgreiche Verläufe, ebenso wie bei jenen, die in internationalen englischsprachigen Berufsfeldern wie z.B. den Naturwissenschaften tätig sind.

Solche Entwicklungen sind immer mehrdimensional zu sehen. Die Suche nach Arbeit ist auch mit Prozessen der Familiengründung verwoben, sagt die Soziologin: Und auch rechtliche Beschränkungen spielen in andere Lebensbereiche hinein. Hochqualifizierte, die ohne Papiere in Deutschland leben, können derzeit nur durch eine Ehe der Illegalität entkommen. Trotzdem lehnten es einige Interviewpartner ab, gerade deshalb zu heiraten. Frauen mit befristeter Arbeitserlaubnis verwiesen darauf, dass sie unter diesen Umständen kein Kind bekommen können.

Die meisten Akademiker, die nach Deutschland und in die Türkei einwandern, werden rechtlich nicht als Hochqualifizierte behandelt, sondern als Flüchtlinge, Undokumentierte, Ehepartner oder im besten Fall Studierende. Ausländerrechtliche Ausnahmeregeln für Hochqualifizierte werden in der Praxis oft nicht umgesetzt. Berufliche Misserfolge können daher langfristig auch eine Folge von Arbeitsverboten und -einschränkungen sein.

Manche Hochqualifizierte erleben sogar offenen Rassismus. So musste sich eine Anwältin in der S-Bahn anhören, dass sie bestimmt Prostituierte sei, da sie aus Brasilien komme. Und ein Informatiker afrikanischer Herkunft erlebte einen Arbeitgeber, der beim Vorstellungsgespräch verblüfft ausrief: Aber Sie sind ja schwarz! Solche Erfahrungen tragen dazu bei, dass sich die ausländischen Akademiker teils in Positionen wiederfinden, in denen sie mit ausländischen Klienten arbeiten. In diesen ethnisierten Tätigkeitsfeldern wird ihre internationale Erfahrung geschätzt; oft sind sie dort aber auch schlechter bezahlt und haben wenig Aufstiegschancen.

Bislang fehlt auch bei der Arbeitsagentur ein grundlegendes Verständnis für die Komplexität der Arbeitsmarktintegration, so die Autoren. Sie bietet ausländischen Akademikern fast nur berufliche Umschulungen an, kein Studium. Das führt dazu, dass die Hochschulabsolventen unter den Spätaussiedlern häufiger arbeitslos sind, als beruflich Gebildete. Dies ist einer der Gründe für die Einrichtung des UDE-Projekts ProSALAMANDER. Es bietet ein passgenaues deutsches Studium für migrierte Akademiker, die zuvor unter Qualifikation beschäftigt waren. Dann muss eine Wirtschaftsingenieurin nicht als Kassiererin arbeiten, sondern sie kann wieder Chefin werden so wie in der Zeit, bevor sie sich in einen Deutschen verliebt hat.


Terminhinweis:
Die Autorin Anja Weiß stellt ihre gemeinsam mit Arnd Michael Nohl, Karin Schittenhelm und Oliver Schmidtke vorgelegte Publikation Work in Transition. Cultural Capital and Highly Skilled Migrants' am 11. Februar um 17 Uhr am UDE-Institut für Soziologie am Duisburger Campus vor.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Anja Weiß, Tel. 0176-96879051, anja.weiss@uni-due.de Weitere Informationen:http://sowi-serv2.sowi.uni-due.de/cultural-capital/
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