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Das 100. Aachener Hospizgespräch verknüpft Verantwortungen von Bund, Ländern und Kommunen

09.02.2015 - (idw) Grünenthal GmbH

Aachen/Stolberg. In den letzten Jahren hat die Palliativ- und Hospizversorgung bundespolitisch einen großen Aufschwung erlebt. Daran waren die Aachener Hospizgespräche und ihre Teilnehmer maßgeblich beteiligt, denn mit ihrer kontinuierlichen Arbeit haben sie immer wieder wichtige Impulse gesetzt, die beispielsweise in der Gesetzgebung zur Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) auch in der bundespolitischen Diskussion Beachtung gefunden haben. So war es kein Wunder, dass anlässlich des 100. Aachner Hospizgesprächs am 30. und 31. Januar 2015 auch die Bundespolitik hochrangig und in reicher Zahl vertreten war. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe nahm sich ausführlich Zeit für den Austausch mit den mehr als 350 Teilnehmern und gab Einblicke in die aktuelle parlamentarische Diskussion um einen Gesetzentwurf zur Weiterentwicklung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland. Er wünsche sich, so der Minister, dass die Potentiale der Region Aachen schon bald überall in Deutschland den schwerstkranken und sterbenden Patienten zur Verfügung gestellt werden könnten. Dabei könne und dürfe es nicht um Lösungen von der Stange gehen. Hierfür ist eine würdige Pflege und die entsprechende Aufwertung des Berufsbildes eine wichtige Voraussetzung, so Gröhe. Insgesamt stellte der Minister die Arbeit an einer menschenwürdigen Sorgekultur jedoch auch in einen größeren gesellschaftlichen Kontext: Unsere Gesellschaft steht angesichts des demographischen Wandels auf dem Prüfstand, ob sie Generationengerechtigkeit auch dann praktiziert, wenn sie nicht mehr durch unmittelbarer verwandtschaftliche Beziehungen gelebt werden kann, so der Minister, der den Teilnehmern versprach, dass die Koalition im Bund sich mit ihrer Politik dafür einsetzen werde, dafür die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Seine Vorgängerin und jetzige Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt, eine langjährige Unterstützerin der Aachener Hospizgespräche, forderte dazu auf, die Möglichkeiten nicht-ärztlicher Heil- und Pflegeberufe zu erweitern, um deren Potentiale für eine umfassende Patientenzuwendung in das Versorgungsgeschehen zu integrieren. Darüber hinaus müssten den versorgenden Teams aber auch Freiräume eingeräumt werden, um sie von Bürokratie zu entlasten: Es kann nicht sein, dass die professionellen Versorger durch die Bearbeitung von Anträgen und die Sorge um die kontinuierliche Finanzierung von den Patienten ferngehalten werden, betonte Ulla Schmidt. Hier müssten den Teams Freiräume zur Entscheidung in eigener Verantwortung eingeräumt werden. Wir werden aber auch nicht darum herumkommen, der Hospiz- und Palliativversorgung mehr Mittel zur Verfügung zu stellen, als es bislang der Fall ist, so die Überzeugung der ehemaligen Gesundheitsministerin.

Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein und stellvertretender Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag, forderte dazu auf, auch der Koordination der verschiedenen Versorgungspartner einen verlässlichen Vergütungsanteil zur Verfügung zu stellen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur das Zähl- und Messbare finanzieren, so der Aachener Arzt. Kaum standardisierbare Aufgaben der Zuwendung und des Gesprächs ließen sich über Fallpauschalen schlecht abbilden und erforderten einen eigenen Weg der Vorhaltefinanzierung für Krankenhäuser. Insgesamt, so die Überzeugung des gelernten Arztes, können und sollten alle Bereiche des Krankenhauses von einer palliativen, beziehungsorientierten Haltung lernen.

Prof. Dr. Christoph Ostgathe, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, griff diese Überlegungen auf, indem er auf die aktuelle Unterfinanzierung der SAPV-Teams hinwies: Wir brauchen hier noch einmal die Hilfe des Gesetzgebers, denn trotz aller Verbesserungen und Erfolge der letzten Jahre zeigt sich, dass die Koordination der Aufgaben und der unterschiedlichen Professionen nicht in ausreichendem Maße finanziert werden. Ostgathe mahnte in diesem Zusammenhang einen zweiten Reformschub an, der nicht nur in der ambulanten Palliativversorgung, sondern auch im stationären Bereich die Zuwendung als notwendigen Zeitfaktor für eine umfassende Sorgekultur berücksichtigen müsse.

In diesem Zusammenhang betonte auch Prof. Dr. Winfried Hardinghaus, Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes, dass eine patientenorientierte Wertschätzung nicht als Dienstleistung finanziert und abgerechnet werden dürfe. Noch immer, so Hardinghaus, sterben 47 Prozent der Menschen im Krankenhaus die meisten gegen ihren eigentlichen Willen. Hier müssen wir zu wirksamen Haltungen und Modellen kommen, um den Patienten ein Sterben dort zu ermöglichen, wo sie es sich wünschen.

Prof. Dr. Roman Rolke, Direktor der Klinik für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Aachen, forderte Politik und Kassen dazu auf, die Beweglichkeit für Palliativ-Stationen am Krankenhaus zu vergrößern, um in diesem Bereich den Kalkulations- und Kostendruck durch das Fallpauschalensystem zu durchbrechen. In diesem Zusammenhang müsse der Status als Besondere Einrichtung im Krankenhaussystem erweitert und auf möglichst alle Palliativstationen übertragen werden, während von Seiten der Krankenkassen zunehmend versucht werde, diesen Status vielen Abteilungen zu entziehen. Rolke nimmt aber gerade im Bereich der Ausbildung auch deutliche Verbesserungen der Situation wahr: Allmählich kommen die Absolventen einer im Sinne der Palliativversorgung reformierten Ausbildung in den Krankenhäusern an, und wir merken hier ein deutlich gewachsenes Bewusstsein der neuen Ärztegeneration, so Rolkes Urteil.

Prof. Dr. Andreas Wittrahm, Bereichsleiter Facharbeit und Sozialpolitik im Caritasverband für das Bistum Aachen e.V., lenkte in seinem Beitrag den Blick auf das in der Hospizbewegung unentbehrliche und wichtige Ehrenamt: Ehrenamtliche Tätigkeit braucht professioneller Betreuung, und diese Leistung muss finanziert werden, so seine Forderung. Zugleich müsse aber darauf geachtet werden, dass nicht professionelle Tätigkeiten durch Ehrenamtliche ersetzt würden. Hier sieht Wittrahm eine Gefahr, der wachsam begegnet werden müsse. Insgesamt aber werden die Herausforderungen größer, so dass wir auch hier sehr intensiv Nachwuchspflege werden betreiben müssen, bekräftigte der Caritas-Vertreter.

Veronika Schönhofer-Nellessen, Leiterin der Servicestelle Hospiz für die StädteRegion Aachen und damit hauptverantwortliche Veranstalterin der Aachener Hospizgespräche, wertet das 100. Aachener Hospizgespräch abschließend als wichtigen Erfolg für die Hospiz- und Palliativbewegung: Mit unserem Kernthema der Vernetzten Sorgekultur haben wir ein zentrales Thema für die aktuellen Entwicklungen in den Mittelpunkt gestellt. Es müssen jetzt Strukturen wie z.B. Koordinationsstellen geschaffen werden, die nach dem Aufbau des rechtlichen Rahmens zur Palliativversorgung Nachhaltigkeit und Kontinuität vernetzter Versorgung in den Fokus rücken. Hier werden zukünftig auch Kommunen mit in die Verantwortung für eine funktionierende und angemessene Hospiz- und Palliativversorgung eingebunden. Aachen kann hier als ein Modell dienen, wie eine solche gemeinsame Verantwortung von Bund, Ländern und Kommunen gestaltet werden kann.

Der bundesweite Kongress mit bis zu 400 Teilnehmern zu aktuellen Themen der hospiz-lichen wie palliativen Versorgung mit ca. 40 Experten aus Politik, Kassenwesen, Medizin, Pflege, Ehrenamt, Seelsorge und Wissenschaft findet seit 2006 einmal jährlich im Rahmen der Aachener Hospizgespräche statt. Die organisierende Servicestelle Hospiz für die Städte-Region Aachen wurde aus den Aachener Hospizgesprächen heraus ins Leben gerufen, um die Koordination der Hospizgespräche und des Netzwerkes zu übernehmen, Fortbildungen anzubieten, die Öffentlichkeitsarbeit weiterzuentwickeln und am Hospiztelefon zu beraten. Unterstützt wird der bundesweite Kongress von der Caritas-Gemeinschaftsstiftung für das Bistum Aachen und der Grünenthal GmbH.


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