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Jörg-Immendorff-Stipendium zur Erforschung der Amyotrophen Lateralsklerose

18.02.2004 - (idw) Charité-Universitätsmedizin Berlin

Der bekannte Düsseldorfer Maler, Professor Jörg Immendorff, fördert mit einem Stipendium für die Dauer von einstweilen zwei Jahren die Erforschung von Ursachen und Therapiemöglichkeiten der ALS. Der Maler, der selbst seit 1998 an einer Variante der ALS erkrankt ist, unterstützt mit dem Stipendium die "Hochschulambulanz für ALS" (Leitung: Priv. Doz. Dr. Thomas Meyer) an der "Neurologischen Klinik" der Charité. Das Stipendium wird in der Arbeitsgruppe von Dr. Meyer für ein Forschungsvorhaben verwendet werden, das sich in Zusammenarbeit mit dem Berliner "Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik" der Aufklärung von Chromosomenveränderungen bei ALS widmet.
Weitere Informationen finden sich auf die Internetseite der "Hochschulambulanz für ALS" (www.als-charite.de) und in unserer Pressemeldung vom 9. Januar 2004: Chromosomenbrüche begünstigen ALS

Der britische Physiker Stephan Hawking leidet ebenso daran wie der deutsche Maler Jörg Immendorff und etwa 6.000 Patienten allein in Deutschland: Die ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) ist eine bisher unheilbare Erkrankung und wird in der Bundesrepublik jedes Jahr bei etwa 1500 Personen neu diagnostiziert. Öffentliche Aufmerksamkeit erfährt sie seit der auffälligen Häufung von ALS bei jungen, sonst gesunden Personen. So fand man in der amerikanischen Armee nach dem Golfkrieg 1990 unerwartet viele Soldaten unter 45 Jahren (insgesamt 17 Fälle), die an ALS erkrankt waren, von denen 11 seither gestorben sind (Neurology 61 [2003] 742-9). Unerklärlich ist auch die Häufung von ALS unter italienischen Fußballsprofis, die bereits 14 Todesfälle beklagen. In Deutschland sitzt als erster Bundesliga-Profi Krzysztof Nowak (Wolfsburg) mittlerweile im Rollstuhl. Ob extreme körperliche Anstrengungen, wie sie für Soldaten und Fußballer üblich sind, eine der möglichen Ursachen oder Auslöser darstellen, oder ob Drogen mit im Spiel sind, ist offen.
Typisch für die Erkrankung ist die fortschreitende Zerstörung jener Nerven in Gehirn und Rückenmark, die die Steuerung der willkürlichen Skelettmuskulatur übernehmen. Die Betroffenen leiden zunehmend an Lähmungen der Arme und Beine, später auch der Sprech- und Schluckfunktion bei erhaltenen geistigen Fähigkeiten und seelischer Erlebnisfähigkeit. Der Tod tritt meist wenige Jahre nach Diagnosestellung durch Atemlähmung ein. Die Ursachenforschung richtet sich zur Zeit auf Veränderungen an den Genen. Bei der erblichen Form der Erkrankung, die aber nur etwa fünf Prozent der Erkrankten betrifft, sind bereits veränderter Gene identifiziert. Den Ursachen der weitaus häufigeren, der sporadisch auftretenden Form der ALS, ist Privatdozent Dr. Thomas Meyer, von der Klinik für Neurologie der Charité, näher gekommen. Er konnte 85 Patienten mit ALS aus der klinikeigenen Spezialambulanz für derartige Leiden genauer untersuchen und fand bei fünf von ihnen (5.9%) Schäden an den Chromosomen. Dieser Prozentsatz liegt um einVielfaches über dem der Normalbevölkerung, wo Chromosomenschäden nur bei weniger als einem je tausend Einwohner (0,05 bis 0,1%) auftreten (Neurology 60 [2003] 1348-1350).
Dr. Meyer und seine Arbeitsgruppe fand insgesamt fünf verschiedene Arten von Chromosomenveränderungen bei ALS-Patienten. Es gab Brüche und Umlagerungen: Dreimal zeigten sich sogenannte Translokationen, (wobei sich Erbsubstanz eines bestimmten Chromosoms auf ein anderes verlagerte) und zweimal fanden sich Umlagerungen genetischen Materials innerhalb eines Chromosoms. Unklar bleibt, ob ALS die Chromosomenbrüche hervorruft oder diese zuerst da sind und den Krankheitsprozeß anstoßen bzw. unterhalten. Wahrscheinlich werden die Veränderungen der Chromosomen bereits geerbt, sind aber allein nicht hinreichend für den Ausbruch der Krankheit, sondern stellen Risikofaktoren dar. Diese Annahme wird dadurch gestützt, daß unter gesunden Angehörigen der fünf Patienten einige die gleichen Chromosomenveränderungen hatten. Weitere Aufschlüsse erwartet Dr. Meyer nun von der Analyse der Bruchstellen der Chromosomen und der benachbarten Gene, die in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin-Dahlem durchgeführt wird. Erste Ergebnisse konnten bei einem ALS-Patienten mit einer Translokation zwischen Chromosom 18 und 21 erreicht werden, die von Dr. Meyer und Mitarbeitern soeben veröffentlicht wurden ("Annals of Neurology", J.Prudlo et al. 55 [2004] 134-138). Der Bruchpunkt auf dem Chromosom 21 befand sich in engster Nachbarschaft zu einem Gen, (SOD-1) das bei der familiären Form der ALS geschädigt ist. Die enge räumliche Nähe legt Wechselwirkungen nahe.
Daß derartige Nachbarschaft indessen auch Schutz bedeuten kann, haben andere Forscher festgestellt. Sie konnten in der Umgebung des SOD-1-Gens Faktoren ausmachen, die bei Verwandten eines Erkrankten den Ausbruch der ALS verhinderten, obwohl sie Träger des mutierten Gens waren.
Solch vorteilhafte Nachbarschaft von Genen erklärt wahrscheinlich auch, warum es unter der sporadischen Form der ALS auch relativ gutartige Verläufe gibt. So lebt Stephan Hawking schon Jahrzehnte mit der Krankheit und auch in Berlin lebt ein Patient mit ALS schon 47 Jahre. Außerdem gibt es mildere Verlaufsformen, bei denen die Beine von der Lähmung verschont bleiben. Dies scheint beispielsweise bei dem Maler Immendorff der Fall zu sein.
Noch gibt es kein Heilmittel. Aber zur Zeit wird - auch an der Charité- ein Medikament der Firma Novartis bei Patienten mit ALS erprobt, das einen Wirkstoff enthält, der den Selbstmord der (Nerven-) Zellen unterbindet. Dieses Mittel wird zur Zeit auch bei Patienten mit Morbus Parkinson (Schüttellähmung) getestet.
(16.2.2004) Dr. Silvia Schattenfroh

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