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Türkische Biographien in Deutschland

03.03.2004 - (idw) Universität Leipzig

Studium der Orientalistik, Magister mit ''Alltagserfahrungen kurdischer Frauen im Exil'', Mitarbeit am DFG-Projekt ''Türkische Unternehmer in Berlin'', Promotion zur ''Bedeutung von Arbeit in den Biographien von Migrantinnen und Migranten aus der Türkei'' - so könnte sich eines künftigen Tages der wissenschaftliche Werdegang von Carina Großer-Kaya lesen. Derzeit jedenfalls steckt die Leipziger Orientalistin mitten in den Vorstudien zu ihrer Dissertation. Eingebettet ist sie mit ihrem Vorhaben in das Promotionskolleg der Universität Leipzig ''Transnationalisierung und Regionalisierung vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart''.

Carina Großer-Kaya trägt Bausteine zusammen. Für ein Haus, mit dessen Mauern sie im kommenden Jahr beginnen will. Sie sichtet statistisches Material, prüft methodische Ansätze, fokussiert regionale Schwerpunkte und diskutiert mit Prof. Jörg Gertel. Sie schätzt ihn, den Experten für Arabistik, als Gesprächspartner mit interdisziplinärem Ansatz und offenem Stil. Sie selbst hat ihr Thema im türkischen Raum gefunden - sich in der Magisterarbeit den ''Alltagserfahrungen kurdischer Frauen im Exil'' zugewandt und anschließend an der Mainzer Johann-Gutenberg-Universität im DFG-Projekt ''Türkische Unternehmer in Berlin'' geforscht. Jetzt kehrt sie für ihre Promotion an die Universität Leipzig zurück, an der sie Orientalistik studiert hat. Ihrem Forschungsfeld bleibt sie treu: ''Bedeutung von Arbeit in den Biographien von Migrantinnen und Migranten aus der Türkei''.

Ein glatter Weg? ''Im Nachhinein betrachtet, wäre ich ohne das Mainzer Projekt nicht zur Dissertation gekommen'', sagt die lebhafte junge Frau. Luft holen und Atem schöpfen, Denkraum weiten und Vorlauf schaffen - Mainz hat sie für diese Chance genutzt. Am dortigen Geografischen Institut engagierte sie sich in einer Studie zu Unternehmern aus der Türkei bzw. türkischer Herkunft, die in Berlin ansässig sind. In der methodisch breit angelegten Untersuchung, die Ethno-Business- und Nischen-Theorie beleuchtete, zeichnete Carina Großer-Kaya für die biografischen Interviews mit den Unternehmer/innen verantwortlich. Die qualitativ orientierte Fragestellung konzentrierte sich auf die Ressourcen, die unternehmerisches Handeln prägen - dabei stehen subjektives Erleben und Wahrnehmen, zum Beispiel mit Kindheit, Schule, Migration, im Vordergrund. Über die rekonstruktive Fallanalyse werden dann Inhalt sowie Art des Erzählens und reales Erleben verglichen. Aus der Person und ihrer Geschichte erwächst schließlich die biografische Gesamtperson. Bei allen Unterschieden, die sich ihr im nächsten Schritt, im Vergleich der Einzelfälle, eröffneten, stieß Carina Großer-Kaya auf jenen Begriff, der ihr Leitfaden werden sollte. ''In allen Interviews, egal ob mit der Putzfrau aus Anatolien oder dem Unternehmer mit 500 Angestellten, spielt die subjektive Einstellung zur Arbeit eine enorme Rolle.''

Arbeit? In der derzeitigen Diskussion um den Begriff und die Zukunft von Arbeit geht es zumeist um das Angebot und die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen, um den Zugang zum Arbeitsmarkt und dessen Kriterien. Aus der Tätigkeit von Gremien wie der Kommission ''Zukunft der Arbeit'' (Friedrich-Ebert-Stiftung) gehen zumeist quantitative Studien hervor, Studien, die sich zudem ausschließlich auf Deutsche richten. Qualitative Momente wie Arbeitseinstellung und Arbeitszufriedenheit hingegen werden kaum reflektiert, und die Frage nach dem Migrationshintergrund gleich gar nicht. Dabei kristallisierte sich für Carina Großer-Kaya bereits in ihrer Magisterarbeit ''Alltagserfahrungen kurdischer Frauen im Exil'' der Begriff Arbeit als zentraler Aspekt von Identität und Integration heraus. Kurdische Frauen werden in der Bundsrepublik mit einem anderen Verständnis von Arbeit als in der Türkei konfrontiert: Definiert sich die Arbeit von Frauen dort als Familienarbeit, die in Haus und Hof geleistet wird, gilt hierzulande die außerhäusliche Erwerbsarbeit als Schlüssel zur Gesellschaft, als Möglichkeit zur Integration. ''Formal gesehen'', betont Carina Großer-Kaya.

Und nun? Die Erfahrungen und Kenntnisse aus Magisterarbeit und Mainzer Projekt bilden heute das Fundament für das künftige wissenschaftliche Gebäude. Dessen Planung zeigt sich in Form von ersten Arbeitsüberlegungen und -thesen. Die Doktorandin verfolgt den Weg von türkischen Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik bis in die zweite und dritte Generation; sie entdeckt regionale und wirtschaftliche Schwerpunkte der Migration; sie skizziert ihre Vorgehensweise.

Als die türkischen Migrant/innen in den 1960er in die Bundesrepublik kamen, kamen sie mit der Erwartung, Geld zu verdienen und in die Heimat zurückzukehren. Die ersten ließen sich in Bayern, in Baden-Württemberg und im Ruhrgebiet nieder, danach ging die Wanderungsbewegung in Süd-Nord-Richtung. Ebenso verschob sich die Konzentration von den Bereichen Bergbau und Schwerindustrie in den Dienstleistungssektor. Inzwischen haben ihre Kinder und Enkel in Deutschland die Schule absolviert, sie selbst beziehen ihre Rente - und fahren regelmäßig nach Hause. ''Oft leben sie in einer Pendelgesellschaft.'' Auf der Basis dieser Eckpunke wird Carina Großer-Kaya in diesem Jahr ihre 15 bis 20 Gesprächspartner/innen auswählen. In den qualitativen Interviews wird sie der Kernfrage nachgehen: Welche Rolle spielen diese - über die Generationen hinweg in der regionalen und wirtschaftlichen Verortung - veränderten Anforderungen bei der Einstellung zur Arbeit.

Und was bringt das Promotionskolleg? Kontakte. Das liegt auf der Hand bei 44 Doktoranden, die sich mit ihren soziologischen, linguistischen, ökonomischen, historischen und geografischen Studien am Zentrum für Höhere Studium der Leipziger Universität sammeln. Anderen erklären, was man selber macht. Verstehen, was andere umtreibt. ''Es hat ja jeder seine eigene Geschichte.'' Gleichsam wie in der biografischen Forschung.

Daniela Weber


Weitere Informationen:
Carina Großer-Kaya
Telefon: 0341 97-30247
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