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FH Aalen: Archäologische Schätze zerstörungsfrei replizieren

04.03.2004 - (idw) Fachhochschule Aalen

Seltene Schädel aus der Mittelsteinzeit vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg werden für eine Ausstellung im Villingen-Schwenninger Stadtmuseum nach dem Verfahren der Computertomographie und des Rapid Prototyping zerstörungsfrei repliziert.


Joachim Wahl, Dr. Irmgard Pfeifer-Schäller und Prof. Dr. Uwe Berger (vlnr.) beim Ausrichten des Schädels im Computertomographen. Sie starben auf grausame Weise: ein Mann mit Frau und Kind wurden im Lonetal mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen. Die Tat geschah vor rund 8000 Jahren. Dass es sich damals um ein kultisches Opferritual gehandelt haben könnte, ist nicht auszuschließen. Die Köpfe der drei Mittelsteinzeitmenschen wurden vom Rumpf getrennt und an einem separaten Ort aufbewahrt. Gefunden wurden die Schädel aus dem Mesolithikum in der Stadelhöhle, aus der auch die 32000 Jahre alte Elfenbeinfigur des Löwenmenschen stammt. Wie der Löwenmensch sind die Schädel ein archäologischer Schatz. Aus dieser Zeit sind nur fünf Exemplare erhalten. Drei davon befinden sich derzeit an der Fachhochschule Aalen. Dorthin brachte sie Joachim Wahl, Leiter des Landesdenkmalamtes in Konstanz, um sie bei Prof. Dr. Uwe Berger stereolithographisch reproduzieren zu lassen. "Weil die Funde so wahnsinnig selten sind, befinden sich die Schädel ständig auf Wanderschaft von einer Sonderausstellung zur nächsten", sagt Joachim Wahl. Darunter leiden die Originale. An ihrer Stelle sollen künftig Repliken wandern, die den Originalen täuschend ähnlich sehen.

Joachim Wahl geht davon aus, dass die drei Menschen aus der Mittelsteinzeit eine Kernfamilie bilden. Sie gehören zu den letzten Jägern und Sammlern der Zeitgeschichte. Die nächste Generation machte sich bereits sesshaft und kultivierte als Bauern die Landflächen der Region. Damit nun auch Überreste des Jägervolkes 'sesshaft' werden können, durchleuchtet Dr. Irmgard Pfeifer-Schäller die Schädel mit Röntgenstrahlen aus dem Computertomographen. Schicht für Schicht nimmt die Forscherin im Gießereilabor der Fachhochschule Aalen die Schädel mit dem Tomographen auf. Am Computer wird anschließend ein Modell von ihnen erzeugt, das Einschlüsse und sonstige verborgene Eigenschaften der Originale sichtbar macht. Die Daten des Computermodells nutzt Prof. Dr. Uwe Berger dann im Labor für Rapid Prototyping, um in einem Umkehrprozess mittels Laserhärtung Schicht für Schicht eine Replik der Schädel aus Epoxydharz herzustellen. An einer dieser Repliken möchte Joachim Wahl vom Landesdenkmalamt anthropometrische Vermessungen anstellen, die der Osteologe am Original wegen möglicher Beschädigungen nicht vornehmen kann.

Die Anstellung eines Spezialisten für Menschenknochen bei einem Landesdenkmalamt ist bundesweit einmalig. An einem Schädel aus der Alamannen- oder Merowingerzeit erklärt Joachim Wahl den unterschiedlichen Knochenbau von Männern und Frauen: Der mitgebrachte Schädel ist außerordentlich gut erhalten und stammt aus einem Gräberfeldkomplex in Villingen-Schwenningen. Die Augenwülste sind kaum ausgebildet, es fehlen markante Ansatzstellen für kräftige Muskelspindeln. Da auch der Knochenbau weniger robust ist als bei vergleichbaren Funden von Männerschädeln, handelt es sich um die Überreste einer Frau, deren Sterbealter der Osteologe auf etwa 30 Jahre schätzt. Die Ausstattung der Grabanlage lasse zudem darauf schließen, dass sie der oberen sozialen Schicht zugehörte.

Die Replik dieses 1300 Jahre alten Schädels wird für eine Ausstellung des Villingen-Schwenninger Stadtmuseum benötigt. Auf dieser sollen unter anderem die Gräber aus dieser Zeit lebensecht rekonstruiert werden. Damit die Grablegung der Alamannin authentisch dargestellt werden kann, wird die Tübinger Präparatorin Astrid Preuscholt-Güttler mit Modellmasse die Gesichtszügige der prähistorischen Frau nachzeichnen. Dafür benötigt sie die knöchernen Konturen des Schädels. Weil die Weichteile des Gesichtes nicht direkt auf den originalen Schädel aufmodelliert werden dürfen, wird an der Fachhochschule Aalen eine detailgetreue Replik zerstörungsfrei angefertigt. Empfohlen wurde Joachim Wahl die Fachhochschule von Kurt Wehrberger, der die archäologische Sammlung des Ulmer Museums leitet. Wehrberger ließ bei Prof. Dr. Berger bereits mehrere Repliken des sagenumwobenen Löwenmenschen herstellen.

Auf Prof. Dr. Berger könnte in nächster Zeit viel Arbeit zukommen: Im Rottenburger Archiv des Landesdenkmalamts befinden sich mehrere Kartons mit mehreren Tausend Knochen von der Steinzeit bis zur Neuzeit, die bei Ausgrabungen gefunden wurden und noch nicht untersucht sind.

Kontakt:

Prof. Dr. Uwe Berger
Tel. 07361/576-245
Uwe.Berger@fh-aalen.de
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