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Demenzbewältigung im betreuten Seniorenwohnen

12.03.2004 - (idw) Universität Augsburg

Studie der gerontologischen Forschungsgruppe der Universität Augsburg verweist auf dringenden Handlungsbedarf und bietet entsprechende Handlungsleitlinien ---

Die von Prof. Dr. Winfried Saup geleitete gerontologische Forschungsgruppe der Universität Augsburg ist im Rahmen einer sozial-empirischen Studie erstmals der Problematik "Betreutes Wohnen und Demenz" nachgegangen. Die Ergebnisse der bundesweiten Umfrage, an der sich 445 von 581 einbezogenen betreute Seniorenwohnanlagen beteiligten, verweisen auf die Brisanz dieser Thematik und auf entsprechend dringenden Handlungsbedarf.

NICHT FÜR DEMENZKRANKE KONZIPIERT, ABER ZUNEHMEND MIT DEM PROBLEM KONFRONTIERT

Betreutes Wohnen ist eine Wohn- und Versorgungsform, die nicht für demenzkranke Senioren konzipiert wurde, sondern für ältere Menschen, die trotz gesundheitlicher Beeinträchtigungen - unterstützt durch eine seniorengerecht gebaute und eingerichtete Wohnung sowie durch ein Betreuungsangebot für den Hilfe- und Pflegefall - zu einer selbständigen Wohn- und Lebensweise fähig sind. Gleichwohl leben in betreuten Seniorenwohnanlagen auch Bewohner, die beim Einzug noch selbständig waren, mit zunehmender Wohndauer aber ausgeprägte Symptome einer Altersdemenz entwickelt haben. Bislang liegen keine empirischen Erkenntnisse darüber vor, wie viele ältere Bewohner im betreuten Wohnen von demenziellen Veränderungen betroffen sind, wie die Betreiber und Betreuungsträger der Wohnanlagen auf diese Herausforderung konzeptuell antworten und wie die Betreuungskräfte im Wohn- und Betreuungsalltag vor Ort mit dementen Bewohnern umgehen.

ANTEIL DEMENZIELL ERKRANKTER BEI 9,4 PROZENT MIT STEIGENDER TENDENZ

Die Augsburger Studie kommt zu brisanten Ergebnissen, die klaren Handlungsbedarf mit Blick auf die Demenz-Problematik im betreuten Wohnen aufzeigen: Gegenwärtig liegt der Anteil demenziell Erkrankter im betreuen Wohnen durchschnittlich bei 9,4 Prozent. Für die Zukunft aber prognostizieren 59,9 Prozent der Einrichtungen einen leichten und 16,6 Prozent sogar einen deutlichen Anstieg der Anzahl demenzkranker Bewohner. Gegenwärtig stellen Demenzerkrankungen von Bewohnern für jede dritte betreute Einrichtung mittelgroße oder große Probleme dar, für die Zukunft erwarten fast 30 Prozent große bis sehr große Probleme.

INTENSIVERE ALLTAGSBEGLEITUNG UND UMFANGREICHERE BETREUUNG

Demenzkranke brauchen mehr Aufmerksamkeit, intensivere soziale Alltagsbegleitung und umfangreichere ambulante Betreuung als nichterkrankte Bewohner. Sie führen zu einer stärkeren Beanspruchung der Betreuungskräfte und erfordern von Mitbewohnern größere Toleranz. Als ziemlich belastend werden von den Betreuungskräften insbesondere die zeitliche Beanspruchung durch Demente während der Präsenzzeit, die Unvorhersehbarkeit, was in der Nacht durch das Verhalten von Dementen in der Wohnanlage alles passieren kann, sowie die moralische Verantwortung für das Wohlbefinden von verwirrten Bewohnern bewertet. Die Betreuungskräfte realisieren unterschiedliche und z. T. sehr kreative Maßnahmen, um einen längeren, weitgehend gefahrlosen Verbleib von Dementen im betreuten Wohnen zu ermöglichen. Das Aktionsspektrum reicht vom Informationsaustausch mit Angehörigen, Hausarzt und Pflegedienst, über die Beantragung einer Pflegeeinstufung oder gesetzlichen Betreuung und Suche nach einem Heimplatz bis zu tagesstrukturierenden Maßnahmen für demente Bewohner.

NUR ELF PROZENT DER EINRICHTUNGEN MIT DEMENZ-KONZEPT

Nur elf Prozent aller Einrichtungen halten ein Demenz-Konzept vor, geben also den Betreuungskräften in den Wohnanlagen Empfehlungen für den Umgang mit dementen Bewohnern an die Hand. Wo ein Belegungsmanagement praktiziert wird, d. h. eine kriterienorientierte Auswahl von Bewohnern bei Erst- und Folgebelegungen der Wohnungen erfolgt, lehnen es 33 Prozent der Einrichtungsträger ab, Interessenten mit einer beginnenden Altersverwirrtheit aufzunehmen. Die Grenze des Aufenthalts von Dementen im betreuten Wohnen ist nach Einschätzung der meisten Einrichtungen besonders bei aggressiven Handlungen, bei nächtlichem Herumirren in der Wohnanlage, bei Weglauftendenz sowie bei Selbst- und Fremdgefährdung erreicht. Auch Orientierungsprobleme, Verfolgungsideen und Halluzinationen können die selbständige Wohnsituation der Dementen gefährden und den weiteren Aufenthalt in einer betreuten Seniorenwohnanlage fraglich machen.

PROSPEKTIVES HANDELN ERFORDERLICH

Nach Auffassung der Projektgruppe sollten die Einrichtungsträger nicht abwarten bis sich die Probleme mit Dementen in betreuten Seniorenwohnanlagen zuspitzen, sondern prospektiv handeln: Es bedarf klarer Konzepte, die Möglichkeiten und Grenzen des betreuten Wohnens definieren, ein Belegungsmanagement, das für eine Bewohnerstruktur passend zum Angebot sorgt, ausformulierte Handlungsleitlinien zur Entlastung der Betreuenden, räumlich-technische Unterstützungsmaßnahmen, welche die Selbständigkeit der Bewohner fördern und gestaffelte Entgeltpauschalen, welche den höheren Betreuungsaufwand für Demente entlohnen.

HANDLUNGSLEITLINIEN FÜR EINRICHTUNGSTRÄGER

Da die bundesweite Umfrage dokumentiert hat, dass die Träger betreuter Seniorenwohnanlagen nur in Ausnahmefällen über ein Demenz-Konzept verfügen, formulierte die Projektgruppe ein Handlungskonzept für die konstruktive Auseinandersetzung und die Bewältigung der Demenzproblematik im betreuten Wohnen. Es werden darin Handlungsleitlinien für die Einrichtungsträger und die Betreuungskräfte entwickelt, die den Umgang mit der wachsenden Zahl von Dementen in den betreuten Seniorenwohnanlagen erleichtern sollen.

AB ANFANG APRIL 2004 IM BUCHHANDEL ERHÄLTLICH

Der Bericht über die bundesweite Umfrage ist unter dem Titel "Demenzbewältigung im betreuten Seniorenwohnen" soeben im Verlag für Gerontologie A. Möckl als Buch erschienen. Die Projektgruppe hat größten Wert auf eine verständliche Darstellung gelegt. Insbesondere richtet sich die Publikation an Beschäftigte in betreuten Seniorenwohnanlagen, Altenheimen, ambulanten Diensten, Sozialstationen, Wohlfahrtsverbänden sowie an Alterspsychologen, Gerontologen und Altenhilfeplaner. Das Buch (ISBN 3-928331-96-5) ist ab Anfang April im Buchhandel erhältlich. Es kann zum Preis von 25.- Euro versandkostenfrei auch direkt (per Fax 0821/555707 oder E-mail: moeckl@gmx.de) beim Verlag bestellt werden.

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KONTAKT:
Prof. Dr. Winfried Saup
Angewandte Gerontologie/Projektgruppe "Betreutes Wohnen"
Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Augsburg
86135 Augsburg
Telefon 0821/598-5611 oder -5605
e-mail: betreutes.wohnen@phil.uni-augsburg.de

ZU BISHERIGEN STUDIEN DER AUGSBURGER PROJEKTGRUPPE "BETREUTES WOHNEN":
http://idw-online.de/public/zeige_pm.html?pmid=34718
http://idw-online.de/public/zeige_pm.html?pmid=62945
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