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Psychotherapeutische Unterversorgung im Alter

13.03.2004 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Etwa jeder vierte Erwachsene in Deutschland leidet an einer psychischen oder psychosomatischen Störung. Wenngleich Menschen jenseits des 60. Lebensjahres genauso häufig betroffen sind wie Personen im mittleren Lebensalter, erfahren sie doch nur in den seltensten Fällen eine entsprechende Behandlung: Weniger als ein Prozent aller Anträge auf Psychotherapie werden für Patienten über 60 Jahre gestellt. "Damit besteht schon jetzt über Jahre eine eklatante psychotherapeutische Unterversorgung für Ältere", betont der Prof. Dr. Gereon Heuft, Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Münster (UKM), im Vorfeld einer Tagung über Konzepte und Erfolge der Alterspsychotherapie, die am Freitag und Samstag, 19./20. März 2004, im Franz-Hitze-Haus in Münster stattfindet.

Die Gründe für eine adäquate Versorgung älterer Menschen mit psychischen Störungen sind laut Heuft vielfältig. So verweist er zum Beispiel auf die weit verbreitete Auffassung vieler Ärztinnen und Ärzten, dass eine Psychotherapie bei Älteren generell nicht mehr indiziert sei, weil sie in keinen Erfolg mehr verspreche. Dieses Vorurteil habe zur Folge, dass die meisten Hausärzte auch bei massiven psychosomatischen Störungen nicht an diese Behandlungsmöglichkeit denken. Wegen mangelnder Informationen über diese Therapie wird sie andererseits von betroffenen älteren Patienten auch ihrerseits gar nicht erst eingefordert.

Eine weitere Ursache für die psychotherapeutische Unterversorgung in höherem Lebensalter sieht der münstersche Psychosomatiker in einer Furcht vieler Psychotherapeuten vor der von Freud beschriebenen "Fülle des biographischen Materials". Insbesondere eine Furcht vor der politische Dimension der Lebensgeschichte ihrer Patienten führt Heuft als Ursache für eine "Abblockung" behandlungssuchender Patienten an. Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung der Therapeuten bei der Behandlung älterer Menschen kann seinen Angaben zufolge darin liegen, dass sie das "Miterleben der Entwicklungsaufgaben in den zweiten Hälfte des Erwachsenenlebens ängstigt", sprich dass die Therapeuten Angst vor der unausweichlichen Konfrontation mit eigenem Alter haben.


Die von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des UKM in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie sowie der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie durchgeführte Tagung in Münster will dazu beitragen, das Informationsdefizit bei Haus- und Fachärzten, Psychotherapeuten und Betroffenen abzubauen. Dazu sollen verschiedene Behandlungsverfahren dargestellt und mit klinischen Beispielen und Behandlungserfolgen untermauert werden. Ein besonderer Schwerpunkt der Veranstaltung ist die Auseinandersetzung mit der politisch-historischen Dimension der heute Älteren, die überwiegend der "Kriegskinder-Generation" des Zweiten Weltkrieges angehören. Es soll dabei erörtert werden, welche Bedeutung die besondere politische Lebensgeschichte der Patienten im Hinblick auf psychotherapeutische Behandlungen hat.

Hinweis an Redaktionen: Für nähere Informationen steht Prof. Heuft im Vorfeld der Tagung unter Tel. 0251/83 5 2902 gern zur Verfügung. Darüber hinaus besteht zum Ende der Veranstaltung am 20. März 2004, um 13 Uhr, im Franz-Hitze-Haus (Kardinal-von-Galen-Ring 50) Gelegenheit zum Gespräch mit den Referenten
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