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Diktaturen im Vergleich

18.03.2004 - (idw) Universität Leipzig

Internationale Fachkonferenz zum Diktaturvergleich an der Universität Leipzig vom 18. bis 20. März 2004

Das von Prof. Dr. Günther Heydemann, Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte, initiierte Expertenseminar in Zusammenarbeit mit der Universität Magdeburg wird sich mit faschistischen und sowjetkommunistischen und nicht zuletzt mit den NS- und SED-Dikaturen beschäftigen.

Die Leipziger Historikergruppe um Prof. Heydemann hat sich mit der vergleichenden empirischen Erforschung der beiden Diktaturen in Deutschland bereits Renommee erworben. Ein umfangreicher Sammelband mit komparativen Studien zum Vergleich des NS- und SED-Regimes, von der Bundeszentrale für Politische Bildung erst vor einem halben Jahr mit 10 000 Exemplaren aufgelegt, ist inzwischen schon wieder vergriffen und stellt damit auch das große öffentliche Interesse an dieser Thematik unter Beweis. Für den Zeithistoriker der Universität Leipzig ergeben sich sehr gute Bedingungen für die Erforschung von Diktaturen nicht zuletzt auch aus der weltweit einzigartigen Quellenlage in Deutschland, zumal die Archivalien zu einer rechts- wie linkstotalitären Diktatur hier leicht zugänglich und damit auswertbar sind. Zugleich ist damit ein Paradox verbunden, wie Heydemann feststellt: Denn so verheerende Auswirkungen die beiden Diktaturen für die Deutschen selbst, für Europa und die Welt während ihrer Existenz von mehr als einem halben Jahrhundert hatten, für die zeitgeschichtliche Forschung in Deutschland wie aber auch weltweit stellt diese gleichsam ''doppelte'' Archivlage einen ''Glücksfall'' dar.
Die wissenschaftliche Debatte über totalitäre Herrschaftssysteme und das Problem des Totalitarismus geht zwar bis auf den Beginn der 1920er Jahre zurück, als wenige Jahre nach der russischen Oktoberrevolution in Italien der Faschismus aufkam und eine Partei angetreten war, die wie der Bolschewismus in der jungen Sowjetunion, den gesamten Staat und die ganze Bevölkerung dominieren, kontrollieren und nichtkonforme Teile aussondern wollte. Aber die seit dieser Zeit bestehende Debatte, so Prof. Heydemann, blieb meist bei eher theoretischen Fragen über das Wesen und die Strukturen totalitärer Diktaturen stehen. Das Anliegen der Leipziger Zeithistoriker aber ist es gerade, empirisch zu untersuchen, wie und in welchem Maße der totalitäre Anspruch tatsächlich in der Gesellschaft bis nach unten, in den Alltag hinein, durchgesetzt werden konnte, welche Beharrungs- und Widerstandskräfte dagegen standen, welche Formen von Verweigerung, Abwendung und Rückzug in die Nische gefunden wurden, aber auch welche Personengruppen die Diktaturen jeweils unterstützten. Diesen spannenden Fragen wurden inzwischen verschiedene Doktorarbeiten gewidmet, die sich mit vergleichbaren ''Sektoren'' in beiden Regimen auseinandersetzten. Eine der grundlegenden Untersuchungs- perspektiven ist dabei, wie sich Institutionen und die in ihnen tätigen Menschen in diktatorischen Systemen verhalten. So wurden bisher in Leipzig u. a. die Superintendentur der evangelischen Kirche, das städtische Kindergartenwesen sowie das Schwermaschinenbauunternehmen Bleichert/TAKRAF Gegenstand diktaturvergleichender Untersuchungen im Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus. Der Vorteil einer solchen methodologischen Herangehensweise besteht darin, dass das Vergleichsobjekt in beiden Diktaturen jeweils weitgehend unverändert bleibt. Auf diese Weise ergibt sich nicht nur eine hohe Vergleichbarkeit, welche die Forscher ''komprimierte Kompatibilität'' nennen, es ergibt sich daraus auch ein Blick in die innere Funktionsweise von Diktaturen selbst.
Wer einen Diktaturvergleich betreibt, trifft nach wie vor auf Vorbehalte in der Öffentlichkeit, aber auch in der wissenschaftlichen Forschung. Wird damit nicht die Einzigartigkeit des NS-Terrors relativiert, so die häufig geäußerte Kritik? Dazu Günther Heydemann: ''Der nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungskrieg ist und bleibt einzigartig und damit unvergleichbar. Doch gleichzeitig kann das NS-System nicht allein auf den in der Tat unvergleichlichen Genozid reduziert werden. Es hat auch im Nationalsozialismus - ebenso wie in der späteren DDR - ein gesellschaftliches Leben mit typischen Herrschaftsstrukturen und bestimmten Verhaltensweisen der Bevölkerung gegeben, das man sehr wohl miteinander vergleichen kann, ja muss. Schließlich sind Millionen von Deutschen von einer oder sogar zwei Diktaturen im Verlauf ihres Lebens maßgeblich geprägt worden. Und genau dort setzt unser wissenschaftliches Interesse an.''
Ein summarisches Fazit des Vergleichs von faschistischen und sowjetkommunistischen bzw. ''real-sozialistischen'', ''braun oder rot'' gefärbten Diktaturen bestehe darin, dass die totalitäre Durchdringung der Gesellschaft offensichtlich von unterschiedlicher Intensität war und ist. Ein Anliegen dieser komparativen zeitgeschichtlichen Forschungen sei es daher, mehr über die Herrschaftstechniken der Machthaber und ihrer Monopolparteien sowie die mannigfachen Verhaltensweisen der Bevölkerung am Beispiel der großen Diktaturen des zurückliegenden Jahrhunderts in Erfahrung zu bringen. Das könne durchaus auch dazu beitragen, heutige Gefährdungen von Demokratie frühzeitig zu erkennen - die gegenwärtige Entwicklung in Russland scheint in dieser Hinsicht zum konkreten Beispiel zu werden.


Weitere Informationen:
Prof. Dr. Günther Heydemann
Telefon: 0341 97-37052
E-Mail: gheyde@rz.uni-leipzig.de
www.uni-leipzig.de/~zeitg/heyde.htm
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