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Neue Ausgabe des DISKURS: Risikoeinschätzung - Empirisch-quantitative Verfahren in der Sozialen Arbe

20.03.2004 - (idw) Deutsches Jugendinstitut e.V.

"Helfen ist riskant." Eine in der Sozialen Arbeit nicht gerade neue Wahrheit - schließlich ist sie ja hier zu Hause. Die Vertrautheit mit Gefährdungen, Vernachlässigungen oder gar Misshandlungen unterschiedlicher Art heißt aber noch nicht, dass sich die Fachkräfte im Umgang mit ihnen schon auf sicherem Terrain bewegen. So fällt es im Einzelfall häufig schwer, die Risiken offenkundiger Beeinträchtigungen, Belastungen und Schädigungen für die Betroffenen angemessen einzuschätzen. Solche profunden Situationsbewertungen sind aber notwendig, damit in einem gegeben Fall eine rationale Entscheidung wie auch ein rasches Eingreifen gewährleistet sind.
Noch überwiegen persönliche, erfahrungsgeleitete Einschätzungen des Risikos zukünftiger Misshandlung bzw. Vernachlässigung für die Fallwahrnehmung und -bearbeitung in der öffentlichen Jugendhilfe. Strukturierte Risikoeinschätzungsverfahren hingegen, die eine empirisch gesicherte Grundlage für eine einzelfallbezogene Unterscheidung verschiedener Risikogruppen im Hinblick auf Misshandlung bzw. Vernachlässigung liefern könnten, sind - so scheint es - eher noch rar.

DISKURS 2/2003

Heinz Kindler
Ob das wohl gut geht?
Verfahren zur Einschätzung der Gefahr von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung im ASD

Die Einschätzung des Risikos zukünftiger Misshandlung bzw. Vernachlässigung stellt in Fällen von Kindeswohlgefährdung regelmäßig einen integralen Bestandteil der Fallwahrnehmung und -bearbeitung durch die öffentliche Jugendhilfe dar. Eingebettet in ein umfassendes Modell der Einschätzungsaufgaben von Fachkräften in Gefährdungsfällen wird das Konzept der Risikoeinschätzung für diesen Kontext definiert und und entlang unterschiedlicher Formen expliziert. Ausgehend von einer Analyse der Fehleranfälligkeit unstrukturierter Vorgehensweisen bei der Risikoeinschätzung wird der internationale Forschungsstand zu strukturierten Verfahren der Einschätzung von Misshandlungs- bzw. Vernachlässigungsrisiken erörtert. Auf der Grundlage von 9 Längsschnittstudien mit mehr als 14.000 teilnehmenden Familien folgert der Autor, dass strukturierte Risikoeinschätzungsverfahren einen empirisch gesicherten Beitrag zur einzelfallbezogenen Unterscheidung verschiedener Risikogruppen im Hinblick auf Misshandlung bzw. Vernachlässigung leisten könnten. Da eine solche Unterscheidung für die weitere Fallgestaltung von hoher Bedeutung sein kann, wächst auch im Jugendhilfesystem der Bundesrepublik die Nachfrage nach Risikoeinschätzungsverfahren. Neben einem Aufweis der Stärken und Schwächen der bislang in der Bundesrepublik entwickelten Verfahren plädiert der Beitrag für eine stärkere Verknüpfung mit dem internationalen Forschungsstand.


Jens Pothmann
Grenzgänge
Anmerkungen zur Anwendung von Messinstrumenten in der Sozialen Arbeit

Die Soziale Arbeit ist derzeit verstärkt auf der Suche nach veränderten Konzepten, Modellen und Strukturen sowie neuen Strategien und Instrumenten. Dazu gehört auch, die Positionierung zu Instrumenten der quantitativ-empirischen Darstellung von sozialer Wirklichkeit und zu deren Messergebnissen auf den Prüfstand zu stellen. Vor diesem Hintergrund fragen die Ausführungen nicht nur nach den Gründen für eine zu beobachtende zunehmende Akzeptanz von Dokumentations- und Messverfahren, sondern vergewissern sich auf der theoretischen Ebene über Messvorgänge als ein pädagogisches Grundproblem und schließen mit pragmatischen Überlegungen zur Anwendung dieser Instrumente am Beispiel von Verfahren zur Risikoeinschätzung in der Jugendhilfe. Im Ergebnis plädiert der Beitrag für eine Anwendung von Messinstrumenten zur Unterstützung von Handlungsentscheidungen und damit gegen eine Installierung von Handlungsautomatismen, die unmittelbar an ein bestimmtes Messergebnis gebunden sind.


Roger Bullock, Nick Axford, Michael Little, Louise Morpeth
Predicting the Likelihood of Family Reunification in the Foster Care System
Patterns of Separation and Return

This article considers the degree of accuracy with which it is possible to predict the family reunification of children cared for away from home. It notes the difficulties of predicting life trajectories in the social sciences, but argues that doing so is possible within certain bounds given epidemiological evidence and knowledge of the risk and protective factors present in the lives of an individual child. The article focuses on a predictive tool called Going Home? designed to help practitioners make better decisions about the return home of children from state care. Return is an under-researched area, and is rarely the romantic homecoming of Hollywood movies. The practice tool is based on retrospective and prospective research into the factors that, at different stages of the child's care career, best predict successful return home. The article lists these factors, which in turn should help practitioners to prepare the child and family for return. The last section connects the research to three broader themes, namely: the role of prediction in developing improved children's services, the value of research-based practice tools, and the effectiveness in terms of child outcomes of different methods of research dissemination.


Risikoeinschätzung bei Kindeswohlgefährdung
Heinz Kindler interviewt Chris Baird

Das Interview dient der Einführung in die Forschungen des "Children's Research Center (CRC)" über Risikoeinschätzungsverfahren. Chris Baird beschreibt den Forschungsansatz bei der Entwicklung dieser Verfahren, ihren Stellenwert im Rahmen strukturierter Systeme der Entscheidungsfindung sowie Befunde zur Fairness der Instrumente in der Arbeit mit Familien unterschiedlicher kultureller Zugehörigkeit. Die gegenwärtig vorliegenden Verfahren zur Einschätzung von Misshandlungs- bzw. Vernachlässigungsrisiken sind aussagekräftiger als viele der etwa in der Medizin verwendeten Risikoinstrumente. Trotzdem bereitet es vielen Fachkräften - aus mehreren Gründen - Unbehagen, Familien, die aufgrund einer Gefährdungsmeldung mit dem Jugendhilfesystem in Kontakt kommen, hinsichtlich ihres Misshandlungsrisikos explizit einzuschätzen. Ein weiteres Thema des Interviews war daher die Reaktion der amerikanischen Fachkräfte auf die Einführung von Risikoeinschätzungsinstrumenten. Chris Baird betont in seinen Antworten, dass die gegenwärtig vorliegenden Verfahren nicht der Etikettierung bestimmter Familien als Misshandler dienen. Eine solche Vorhersage werde nicht geleistet. Vielmehr geht es darum, Risikoniveau und Intensität der Hilfe möglichst gut aufeinander abzustimmen, so dass einerseits Kindeswohlgefährdungen abgewehrt werden können, andererseits aber auch ein effektiver Mitteleinsatz erfolgt.


Katrin Hater
Heute hier, morgen dort?
Aspekte der räumlichen Neuordnung familiärer Beziehungen nach einer Trennung

Trennung wird definiert als die Auflösung eines gemeinsamen Haushalts der Eltern. Die anschließende räumliche Neuordnung der Eltern-Kind-Beziehungen wird als eine sehr anspruchsvolle Aufgabe beschrieben, die vielfältige Dimensionen des Wohnens von Erwachsenen und Kindern berührt. In raumsoziologischer Perspektive wird der komplexe Prozess unter fünf Aspekten ausgelotet: wachsende Anforderungen an zeitliche Koordination und räumliche Mobilität im Alltag der Kinder, neue Formen von "Elternhaus" als Repräsentation der Elternfiguren, Aushandlungsprozesse zwischen Gast- und Wohnrechten, Wohnen über die Grenze zwischen zwei elterlichen "Hoheitsgebieten" und über die Grenze zwischen den privaten Räumen und dem öffentlichen Raum, räumliche Bedingungen für die Ablösung vom "Elternhaus". Damit wird ein theoretischer Rahmen skizziert, in dem die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen räumlichen Strukturen und der Entwicklung von Eltern-Kind-Beziehungen empirisch zu prüfen wären.


Thomas Rauschenbach
Das Bildungsdilemma
(Un-)beabsichtigte Nebenwirkungen öffentlicher Bildungsinstanzen

Vor dem Hintergrund zentraler PISA-Befunde zeichnet der Autor einzelne Stadien des Reformprojekts Bildung nach und macht in der deutschen Gegenwartsgesellschaft ein Bildungsdilemma aus, das seinen Grund in der Verengung des öffentlichen Blicks auf den Bildungsort Schule und die Bildungsform Unterricht habe. Er plädiert für einen Perspektivenwechsel in der derzeitigen Debatte, um Bildungsprozesse als Produkt eines diachronen und synchronen Zusammenspiels von unterschiedlichen Bildungsorten und -modalitäten im Lebensverlauf von Kindern und Jugendlichen konzipieren zu können. Damit kommen mehrere Orte und Modalitäten von Bildung, Erziehung und Lernen - Familie, Schule, Peers, Kinderbetreuung, Jugendhilfe, Medien etc. - gleichermaßen in den Blick. Nach einem exemplarischen Durchgang durch verschiedene Bildungsorte und -prozesse spricht sich der Autor dafür aus, Bildung weiter zu fassen und breiter zu konzipieren als nur über Schule, und mit Blick auf die Vermittlung zentraler Kompetenzen und Lernziele auch die außerschulischen Lern- und Bildungsressourcen einzubeziehen.


Karin Schittenhelm, Mona Granato
"Geschlecht" und "Ethnizität" als Kategorien der Jugendforschung?
Junge Migrantinnen heute und die Differenzierung einer Lebensphase in der Jugendforschung

Für die sozialwissenschaftliche Forschung stellt sich die Anforderung, die Konstruiertheit geschlechtlicher und interethnischer Unterscheidungen zu analysieren, ohne diese von neuem fortzuschreiben. Um das Problem einer Reifikation zu vermeiden, schlägt der Beitrag vor, zukünftige Forschung zu jungen Migrantinnen nicht allein auf geschlechter- oder migrationsbezogene Gesichtspunkte zu verengen, sondern diese ebenso mit Blick auf allgemeine jugendspezifische Entwicklungen im Zuwanderungsland zu untersuchen. Ausgangspunkt ist die Frage, inwieweit sich Forschungsarbeiten zu jungen Migrantinnen und Ergebnisse der Jugend- und Mädchenforschung zur Kenntnis nehmen. Der anschließende Blick auf "Geschlecht" und "Ethnizität" als Kategorien der Jugendforschung zeichnet die Ergebnisse sozialkonstruktivistisch orientierter Ansätze nach. Als eine Möglichkeit, jugend-, geschlechts- und migrationsbezogene Perspektiven zu integrieren, diskutiert der Beitrag abschließend vergleichende Forschungsansätze, die junge Migrantinnen mit Bezug auf einheimische Vergleichsgruppen junger Frauen untersuchen.

Andreas Lange
Glück und das gute Leben - eine sozialwissenschaftliche Spurensuche
Verhandlungen von Kindheit, Jugend, Familie, Gender in den Sozialwissenschaften
(1. Trendbrief)

Der Trendbrief folgt der Tradition des klassischen Literaturjournals, wie es von Charles Darwin und Karl Marx geführt worden ist. In jeder Ausgabe werden ein bis zwei allgemeine sozialwissenschaftliche Themen schwerpunktmäßig anhand neuerer Literatur umrissen und auf ihre Relevanz für Familie, Kindheit, Jugend und Geschlechterverhältnisse abgeklopft.
Der erste Brief ist dem "Glück" und dem "guten Leben" gewidmet. Es geht um die sozialstrukturellen Bedingungen des Glücksbooms auf der Ebene populärer wie wissenschaftlicher Diskurse, um eine Kartographie der gegenwärtigen empirischen Glücksforschung und um ausgewählte Einblicke in deren Fundus von Einzelergebnissen. Diese reichen von individuellen Faktoren bis hin zu gesamtgesellschaftlichen. Was bislang trotz einer Vielzahl von Resultaten noch aussteht, ist eine integrale Theorie des guten Lebens.
Abgeschlossen wird die thematische Übersicht mit Überlegungen zur Anwendung der Einsichten der Glücksforschung. Sie zielen auf die Informierung der Sozial- und Gesellschaftspolitik sowie die Anreicherung der individuellen, "naiven" Glückstheorien.


Studien zu Kindheit, Jugend, Familie und Gesellschaft
München: DJI Verlag, ISSN 0937-9614
drei Hefte jährlich
Jahresabo 32 Euro (zuzüglich Versandkosten)
Einzelheft 13,50 Euro

Alleinvertrieb: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage
Bestellung: Leserservice: Tatjana Hellwig, Abraham-Lincoln-Straße 46, 65189 Wiesbaden, Tel.: 0611-7878-151, Fax: 0611-7878-423
E-Mail: tatjana.hellwig@gwv-fachverlage.de
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