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Ethnische Minderheiten als Gründungs-Boomer

20.04.2004 - (idw) Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Wirtschaftshistorisches Projekt eröffnet neuen Blick auf Unternehmensgründungen

Jörg Baten, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Tübingen, hat in einem Forschungsprojekt die Bedingungen untersucht, unter denen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Gründungsboom von Unternehmen die deutsche Volkswirtschaft in die Weltspitzengruppe katapultierte. Jetzt liegen die Ergebnisse des Projekts vor, das von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert wurde. Baten hebt in seiner Studie besonders vier Faktoren hervor, die um 1900 erfolgreiche Unternehmensgründungen begünstigt haben: eine ethnische und religiöse Minderheit, imitierende Unternehmer, ein kleinbetriebliches Umfeld, sowie die Nähe von urbanen Verdichtungsräumen mit gut funktionierenden Arbeitsmärkten. In der Studie wurden erstmals Informationen von vielen tausend Firmen ausgewertet, die Baten in der weltweit größten Datenbank zur historischen Unternehmensforschung gesammelt hat. Dabei erfasste er nicht nur Großbetriebe, sondern auch den Mittelstand und Kleinunternehmen.

Baten stellt in seiner Studie fest, dass um 1900 besonders starke wirtschaftliche Impulse von ethnischen und religiösen Minderheiten in Deutschland ausgingen, sofern diese über ein hohes Bildungsniveau verfügten. Personen aus dieser Gruppe waren überproportional häufig erfolgreiche Unternehmensgründer. Hingegen ließ sich der Zusammenhang, den Max Weber zwischen Protestantismus und wirtschaftlicher Aktivität sah, nicht uneingeschrönkt belegen. Protestanten waren nur dann überproportional häufig unternehmerisch tätig, wenn sie eine gut ausgebildete Minderheit in einer Region darstellten. Dieser letztere Zusammenhang lässt sich auch für die jüdische Minderheit zeigen, und für heutige asiatische Minderheiten in den USA und im Pazifikraum.

Die Auswertung der Daten zeigt zudem, dass die Rolle der Imitation beim Wirtschaftswachstum neu bewertet werden muss. Denn nicht neue technische Erfindungen von Innovatoren bildeten die breite Basis für den Wohlstandszuwachs zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, sondern der imitierende Unternehmer. Dabei lieferte der Zugang zu städtischer Infrastruktur und städtischen Arbeitsmärkten die notwendige Voraussetzung, um neue Unternehmen gründen zu können. Ein besonders wichtiger Faktor war auch ein regionales Umfeld von Kleinbetrieben, in denen spätere Unternehmer zunächst als Angestellte lernten, was man zur Gründung wissen musste.

Für Baten eröffnen die Ergebnisse seiner wirtschaftshistorischen Forschung auch für heutige Wirtschaftspolitik kritische Anregungen, da sich für ihn die Verhaltensweisen der Menschen von damals und heute sehr ähneln. So hält der Wirtschaftshistoriker ein Umdenken in der Migrationspolitik für notwendig. Ein Schwerpunkt sollte hier auf Angeboten für gut gebildete Gruppen liegen, die unternehmerisches Renommee haben. Zudem wird in gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Debatten die Bedeutung der technischen Innovationen zu hoch eingeschätzt. Indem ausschließlich Innovatoren wertgeschätzt werden, fehlt den imitierenden Unternehmen die soziale Anerkennung. Gerade diese Anerkennung ist es jedoch, die Unternehmensgründer motiviert und somit Arbeitsplätze schafft. Schließlich muss die umfangreiche Subventionierung strukturschwacher Regionen neu bewertet werden. Für Baten werden dadurch finanzielle Mittel in falsche Bahnen gelenkt und die Gründungsdynamik im städtischen Umfeld unterlaufen.


Nähere Informationen:

Prof. Dr. Jörg Baten
Wirtschaftwissenschaftliches Institut
Abteilung Wirtschaftsgeschichte
Mohlstr. 36
72074 Tübingen
Tel.: 07071 / 29 - 72985
joerg.baten@uni-tuebingen.de
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