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Lebensfreude und Mut schöpfen in der Gruppe

08.05.2004 - (idw) Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Sportwissenschaft

Nach einer Brustkrebserkrankung betreiben viele Frauen keinen Sport, etwa aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen oder aus Angst, sich falsch zu belasten. Daher wurden spezielle Sportgruppen eingerichtet, die fachkompetent den Einstieg in den Sport erleichtern und bei der Verarbeitung der Krankheitsfolgen helfen sollen. Mit den Wirkungen des Sports auf die individuelle Art der Krankheitsbewältigung befasst sich die Sportpsychologin Ulrike Wilde-Gröber in ihrer Doktorarbeit.

Tübinger Sportpsychologin begleitet Frauen bei dem Programm "Sport nach Krebs"

"Ich rede nicht gerne über die Erkrankung, ich möchte aktiv sein und sportlich was machen", erklärte eine Teilnehmerin der Tübinger Gruppe "Sport nach Krebs" einmal der Sportpsychologin Ulrike Wilde-Gröber. Wenngleich die Frauen sehr unterschiedlich mit ihrer Krankheit umgehen, haben sie jedoch viel Freude in der Sportgruppe, und schon allein ihre Teilnahme zeigt, dass sie die Krankheit aktiv bewältigen wollen. Inwiefern Sport einen Beitrag zur Krankheitsbewältigung bei Brustkrebs leisten kann, ist das Thema von Ulrike Wilde-Gröbers Doktorarbeit. Ihre Arbeit, die sie am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Tübingen bei Prof. Hartmut Gabler anfertigt, ist nun in der Endphase.

Entstanden ist eine Dokumentation der Krebssportgruppen aus psychosozialer Sicht, bei der die subjektive Einschätzung der Betroffenen eine große Rolle spielt. Ulrike Wilde-Gröbers Erkenntnisse basieren auf Interviews mit Frauen der Tübinger Gruppe und auf einer Fragebogenaktion mit 264 Teilnehmerinnen von Krebssportgruppen aus ganz Baden-Württemberg. "Der empirisch-wissenschaftliche Nachweis der Ergebnisse war oft sehr schwer, da bei der Krankheitsbewältigung sehr viele Faktoren eine Rolle spielen, die kaum zu trennen sind." Der Sport hat über die Verbesserung der physischen Leistungsfähigkeit eine positive Auswirkung auf die Psyche. Ein konkretes Ziel ist zum Beispiel die Verbesserung der Armbeweglichkeit, da bei der Brustoperation häufig auch die Muskulatur in Mitleidenschaft gezogen wird. Außerdem kann moderates Sporttreiben das Immunsystem stärken und dem Fatigue-Syndrom entgegenwirken. Dabei handelt es sich um eine Art chronische Müdigkeit, die häufig nach Chemo- oder Strahlentherapien auftritt. Nach Erkenntnissen aus der Psychoneuroimmunologie hat mäßiges Sporttreiben einen positiven Einfluss auf die Aktivität und Funktionstüchtigkeit verschiedener krebsabwehrender Zellen, wobei die genauen Wirkmechanismen jedoch noch ungeklärt sind.

Die ersten vier Krebssportgruppen wurden 1986 vom Baden-Württembergischen Landessportbund gegründet, eine begann in Tübingen mit vier Frauen. Heute gibt es zwei Gruppen in Tübingen mit insgesamt mehr als 60 Frauen sowie verschiedene Walking-Gruppen, die aus den Krebssportgruppen heraus entstanden sind. Die Übungsleiterinnen verfügen über eine spezielle Ausbildung. Sie spielen eine wichtige Rolle in der Gruppe und tragen viel zum Gelingen bei, auf sportlicher und vor allem auf sozialer Ebene. Mit der Zeit gewinnen soziale Aspekte der Gruppe immer mehr Bedeutung. "Der Sport ist eine Art Medium oder einfach der Anlass, zusammenzukommen. In der Gruppe entwickelt sich schnell ein Gefühl der Geborgenheit und Unterstützung, auf die man bei Not zurückgreifen kann", hat Ulrike Wilde-Gröber herausgefunden. Sie hat die Tübinger Gruppe viereinhalb Jahre lang begleitet. "Die Frauen kommen auch, um Erfahrungen und Tipps auszutauschen. Dabei ist die Situation zwangloser als in einer Selbsthilfegruppe. In der Sportgruppe kann man über die Krankheit reden, aber man muss nicht. Der Krebs steht nicht im Vordergrund." In der Gruppe entstehen häufig Freundschaften zwischen den Frauen. Auch die Erfolgserlebnisse beim Sport, die Verbesserung der Leistungsfähigkeit, das Gefühl 'Ich schaffe wieder etwas', wirken sich positiv auf die Psyche aus. Da die Krebskrankheit den Alltag nicht mehr dominiert, werden Angst und Depressionen abgebaut und Gefühle der Bewältigungskompetenz und Selbstwirksamkeit aufgebaut.

In der Fragebogenuntersuchung zeigte sich, dass die subjektive Einschätzung der Frauen, viel besser mit den Belastungen der Krebserkrankung zurechtzukommen, bei denjenigen signifikant höher war, die länger als zwei Jahre an der Sportgruppe teilgenommen hatten. Dabei waren die Erwartungen, die die Frauen an die Sportgruppe herangetragen hatten, sehr unterschiedlich. Diejenigen, die vor der Erkrankung keinen Sport gemacht hatten, erhofften sich vor allem eine verbesserte Fitness, Sportlerinnen hingegen eher eine Steigerung des Wohlbefindens. Gemeinsam ist ihnen jedoch häufig die Angst, in eine "normale" Sportgruppe zu gehen. Sie möchten nicht durch ihre körperlichen Einschränkungen oder wegen ihrer Brustprothese auffallen. Ihre Erwartungen werden meistens mehr als erfüllt: "Die Frauen loben fast allesamt die tolle Stimmung, die Fröhlichkeit und Herzlichkeit in der Gruppe. Schön fanden sie außerdem den offenen und unkomplizierten Umgang miteinander, und dass neue Teilnehmerinnen sofort integriert werden. Jede Frau wird dort so akzeptiert, wie sie ist", erklärt Ulrike Wilde-Gröber und man merkt ihr an, wie sehr ihr das Thema ans Herz gewachsen ist.

Auch traurige Momente werden zusammen gemeistert, wenn es einen Todesfall gegeben hat. "Aber", erklärt die Sportpsychologin, "die meisten Frauen können gut damit umgehen. Sie entwickeln keine Ängste oder depressiven Gefühle, wie man vielleicht erwarten könnte. Neben der Trauer empfinden die Frauen auch eine tiefe Dankbarkeit über den eigenen positiven Krankheitsverlauf. Von dieser Einstellung kann man als 'gesunder' Mensch sehr viel lernen." Die Frauen orientieren sich hauptsächlich an den Gleichbetroffenen, denen es verhältnismäßig gut geht: "Wenn sie das geschafft hat, dann schaffe ich das auch!" lautet das Motto. Hier sieht Ulrike Wilde-Gröber die wichtigste Funktion der Krebssportgruppen: "Die Betroffenen bekommen Hilfe von anderen Betroffenen. Deren Tipps sind viel authentischer, als wenn sie von außen kommen würden. Und sie sehen eine Vielfalt von Bewältigungsstrategien, aus denen sie sich dann die passende heraussuchen können."

Ziel der Psychologin ist es, die Bedeutung und Funktion der Krebssportgruppen in der psychosozialen Nachsorge von brustkrebsoperierten Frauen in ihrer Arbeit darzustellen und bekannt zu machen. Vor allem Frauen, die sich nach der Erkrankung sozial zurückziehen, könnten von einer Sportgruppe profitieren. Sie finden allerdings selten allein Zugang zur Gruppe und bedürfen der besonderen Unterstützung durch die Nachsorgeärzte. Diese aber weisen Ulrike Wilde-Gröbers Eindruck nach immer noch zu wenig auf die Sportgruppen hin. Die Krebssportgruppen zielen vor allem auf eine Verbesserung der Lebensqualität und leisten einen bedeutsamen Beitrag in der psychosozialen Rehabilitation. (6253 Zeichen)

Nähere Informationen:

Dipl. Psych. Ulrike Wilde-Gröber

Institut für Sportwissenschaft
Wilhelmstraße 124
72074 Tübingen
Tel. 0 70 71/6 74 14
E-Mail: Uli.Wilde-Groeber@onlinehome.de

Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html
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