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Auffällige Familiennamen - pragmatisch gesehen

22.05.2004 - (idw) Universität Leipzig

Am Anfang wollte Daniela Ohrmann ''kuriose Familiennamen'' thematisieren. Dann jedoch stieß sie auf die Verbindung zwischen der Form, dem Gebrauch und der Wirkung von Namen. Es entstand die Magisterarbeit über auffällige Familiennamen in Leipzig.

Am Ende ihrer Magisterarbeit (''Auffällige Familiennamen unter besonderer Berücksichtigung namenpragmatischer Aspekte'', Leipzig 2003)stellt Daniela Ohrmann fest: ''Interessant wäre eine größere Untersuchung zum Umgang mit ungewöhnlichen Familiennamen im Alltag, die neben Einstellungen und Befindlichkeiten der Namenträger auch die Persönlichkeit der Befragten einbezieht.'' Sie regt an, möglichst viele Träger desselben Familiennamens zu befragen - so könne geprüft werden, ''ob sich ein objektiver Zusammenhang zwischen der sprachlichen Form des Namens, dem Erleben der Namenträger und besonderen Gebrauchsaspekten des jeweiligen Namens herstellen lässt''. Das Ansinnen der Leipziger Linguistin ist weder tollkühn noch töricht. Vielmehr weist sie auf ein Blindfeld ihres Faches, der Onomastik, hin: ''Auffällige Familiennamen - vor allem ihr Gebrauch und ihre Wirkung - haben in der namenkundlichen Literatur bisher wenig Beachtung gefunden.'' Einen Schritt ist Daniela Ohrmann mit ihrer Magisterarbeit in das weithin unbekannte Terrain der Namenphysiognomie vorgedrungen; Prof. Jürgen Udolph, er hat an der Universität Leipzig den deutschlandweit einzigen Lehrstuhl für Onomastik inne, und Dr. Anne-Dietlind Krüger vom Institut für Slavistik begleiteten die Studie über ''Auffällige Familiennamen in Leipzig''.

Die Auffälligkeit beruht zunächst auf einem ''gewissen Aufmerken'' beim Gegenüber. In welcher Art und Weise sich dieses äußert, hat Daniela Ohrmann anhand von Anträgen auf Namenänderung untersucht, die Menschen mit einem mehr oder minder eigenwilligen Familiennamen beantragen können. In Leipzig haben sich zwischen 1994 und 2002 insgesamt 480 Menschen zu diesem Schritt entschlossen, das Rechtsamt der Stadt stimmte 457 Mal einem neuen Familiennamen zu.

Auch wenn zu jedem Antrag eine individuelle Stellungnahme vorliegt, so lässt sich die Auffälligkeit - als Beweggrund für den Antrag - kategorisieren. Der Fundus bewilligter Anträge zeigt mehrheitlich hauptsächlich familiäre Gründe für die Namenänderung. 326 Mal geht es - zumeist auf Grund einer Scheidung - um die Namengleichheit innerhalb einer Familie, die aus Sicht der Antragsteller schlichtweg ''von großer Bedeutung ist''. Für ihre Kinder möchten die Väter und Mütter ''ein Sicherheitsgefühl'' dokumentieren sowie ''ein greifbares und unmissverständliches Zeichen der Zusammengehörigkeit'' setzen, oder sie wollen ''psychischen Konflikten des Kindes rechtzeitig entgegenwirken'' bzw. ''den seelischen Stress beenden''. Im Vergleich spielen psychische Belange eine quantitativ nachgeordnete Rolle - in rund zehn Fällen wurden die Anträge hauptsächlich mit der Belastung durch Spott und Häme begründet, die ein anstößiger, zweideutiger oder lächerlicher Name mit sich bringt. Eine Antragstellerin schildert die Erfahrung, ''dass - egal welche persönliche Leistung man bringt, egal, welche Ausstrahlung, welchen Charakter man besitzt - es sekundär ist, sobald der Familienname bekannt ist''. Über Demütigungen berichtet ein anderer: ''... die Leute lachen über meinen Namen, lachen mich aus, provozieren mich usw.'' Aber auch das Streben, sich von einem sexuellen Missbrauch sowie extremer physischer Gewalt in der Kindheit zu distanzieren oder eine eigene Identität frei von innerfamiliären Konflikten aufzubauen, kennzeichnet diese Kategorie. Innerhalb der Gruppe ''Integration von Spätaussiedlern oder (eingebürgerten) Ausländern'' stechen die Russlanddeutschen mit 75 von 80 bewilligten Änderungen heraus. ''Man stößt auf Ablehnung oder Misstrauen, sobald man seinen (russischen) Namen nennt'', beschreibt ein Antragsteller. Ein zweiter hofft auf ''eine unauffällige Eingliederung in die Gesellschaft und damit in unsere neue Heimat''. Ein dritter wiederum stellt fest: ''Kollegen stolpern jedes Mal über meinen Namen, jeder spricht ihn auf seine Weise aus.'' Schließlich können auch wirtschaftliche Erwägungen eine Namenänderung begründen. Mit Blick auf die Wahrung der Kontinuität von Inhaber- und Firmennamen wurden diese Begründung in den von Daniela Ohrmann untersuchten Fällen aber lediglich zwei Mal als Nebenargument genannt.

Aus der onomastischen Analyse ergibt sich: Auffällige Namen sind mit allgemein verbreiteten Assoziationen und Konnotationen verknüpft. So lassen ungewöhnliche Familiennamen zwar zumeist und zuerst durch ihre sprachliche Form aufmerken, ihre Auffälligkeit aber erklärt sich letztlich aus dem Netz von Bedeutungen, in das sie eingebunden sind. Dazu gehören für Daniela Ohrmann schließlich auch jene Familiennamen, die allein für den Namenträger (und ggf. das persönliche Umfeld) negativ besetzt sind.

Die Auffälligkeit eines Namens kann unterschiedlichste Gründe haben: Familiennamen wie ''Twtzsch'' und ''Schmderer'' sind schier unaussprechlich, ''Kleine Hillmann'' und ''Joachimmeyer'' ziemlich irritierend, ''Gutenmorgen'' oder ''Durst'' lassen stutzen und ''Bierfreund'' oder ''Sorgenfrei'' schmunzeln, ''Kotz'' oder ''Penner'' werden als derb empfunden, ''Frauenschläger'' und ''Stechemesser'' müssen gar mit Ablehnung rechnen. Wie widersinnig letzteres sein kann, illustriert die 26-jährige Namenkundlerin an zwei Exempeln. ''Frauenschläger'' ist ihr ''Paradebeispiel für eine völlig falsche Interpretation''. Der Name, der sich in Deutschland etwa 30 Mal findet, meint weder einen arglistigen noch einen bösen Kerl; es ist die mittelalterliche Bezeichnung für einen Holzfäller, der in einem Waldstück arbeitet, das wiederum im Besitz eines Nonnenklosters ist - der Mann schlägt also für Frauen Holz. Ebenso muss man für ''Kleine Hillmann'' in die Historie zurückgehen. ''Eine alte Form aus dem Westfälischen'', erläutert Daniela Ohrmann - und bedauert das Verschwinden solcher Formen. ''Als Namenforscherin ist das Ändern eines solchen Namens für mich ein Verlust.''

Daniela Weber



Weitere Informationen:
Daniela Ohrmann
Telefon: 0341 97-37450
E-Mail: d.ohrmann@gmx.de
www.uni-leipzig.de/~slav
Telefax: 0341 97-37499
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