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Mehr Realist als Rebell - Stefan Aust im Interview

02.06.2004 - (idw) Hamburg Media School

"Mehr Realist als Rebell"
In regelmäßigen Abständen bittet die
Hamburg Media School Experten zum Gespräch. Im aktuellen Interview spricht Stefan Aust, 58, seit 1994 Chefredakteur des "SPIEGEL", über seine Beziehung zu Rudolf Augstein, den Mythos SPIEGEL und das Handwerk des investigativen Journalismus.


HMS: "Herr Aust, wie wird man ohne Studium und Ausbildung an einer Journalistenschule Spiegel-Chefredakteur?"

AUST:"Ich habe mir nie vorgenommen, eine solche Karriere zu machen. Ich habe mich einfach seit der Schulzeit für den Journalismus begeistert. Alles andere hat sich dann mehr oder weniger zufällig ergeben: Nach drei Jahren bei "Konkret" und beim NDR habe ich dann über einen Bekannten Rudolf Augstein kennen gelernt."

"HMS: Und der hat Sie sofort unter seine Fittiche genommen?"

AUST: "Das kann man nicht gerade sagen. Ich habe wenig später einen Film über ihn gemacht, als er als FDP-Kandidat in den Bundestag einziehen wollte. Ein sehr kritischer Film, wie ich ihn später auch für Spiegel-TV gemacht hätte. Danach hat Augstein acht Jahre lang nicht mehr mit mir geredet. Aber als dann der Filmverlag der Autoren, der ihm gehörte, einen Film über Franz Josef Strauss drehen wollte, bekam ich einen Anruf. Und dann habe in Rudolf Augsteins Auftrag SPIEGEL-TV gegründet und mit ein paar Kollegen aufgebaut."

HMS: "Vom TV-Mann zum Magazin-Chef - ein zumindest ungewöhnlicher Weg, denn in den meisten Print-Redaktionen herrschen noch immer Vorurteile gegen Fernsehmacher. Sind Sie in der Spiegel-Redaktion auch auf Widerstände gestoßen?"

AUST: "Ja, es hieß, ich sei der falsche Mann für den Posten. Es gab die üblichen Gerüchte und Verdächtigungen; etwa, dass ich aus dem Spiegel so etwas wie ,gedrucktes Fernsehen' machen wollte. Aber Augstein hat an seiner Entscheidung, mich an die Spitze zu holen, auch gegen diese Widerstände festgehalten - und ich habe bis zu seinem Tod alle größeren Entscheidungen mit ihm abgestimmt."

HMS: "Nun sind Sie seit 10 Jahren auf diesem Posten und haben es nicht nur den Spiegel behutsam modernisiert, sondern auch die Auflage ziemlich stabil halten können. Welche Ihrer Talente und Fähigkeiten hat Ihnen auf diesem Weg am meisten geholfen?"

AUST: "Die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu können. Wir werden täglich von einer Flut an Informationen überschütten. Da sollte man ein Gefühl dafür haben, was gesellschaftlich relevant ist und sich zu einem größeren Thema entwickeln könnte. Dafür muss man bereit sein, über den Tellerrand der aktuellen Ereignisse hinauszuschauen, vorausschauend zu denken, mit Menschen zu reden, sich sein eigenes Bild von der Welt machen und sich nicht an vorgefassten Meinungen entlang zu hangeln."

HMS: "Wie entscheiden Sie in der Praxis, ob ein Thema relevant ist - beispielsweise bei der Auswahl der wöchentlichen Titelgeschichte?"

AUST: "Ich verlasse mich da auf mein Bauchgefühl. Das heißt nicht, dass das eine spontane, rein emotionale Entscheidung ist. Bauchgefühl ist für mich die Summe der Erfahrungen, die man im Leben gemacht hat; Erfahrungen, über die man intensiv nachgedacht hat. Das ist dann so etwas wie journalistischer Instinkt."

HMS: "Und dieser Instinkt hat Sie noch nicht irregeführt?"

AUST: "Natürlich gibt es Spiegel-Titel, die schlechter laufen als andere. Aber letztendlich ist es die Mischung, die das Gesicht, das Image des Spiegels ausmachen. Ich frage mich nicht, was der Leser lesen will. Ich gehe einfach davon aus, dass das, was mich interessiert, auch andere interessiert. Und wenn das auf Dauer nicht funktioniert, muss sich das Unternehmen dringend einen anderen Chefredakteur suchen."

HMS: "Das zeigt von einem nicht gerade geringen Selbstbewusstsein..."

AUST: "Ich würde es eher Selbstvertrauen nennen, Vertrauen in die eigene Einschätzung. Welchen Maßstab haben Sie sonst? Ich habe einen ziemlich realistischen Blick auf die Welt und bin für Ideologien und Meinungs-Moden unempfänglich. Und ich habe weder Scheu noch Hochachtung vor Politikern und sogenannten Entscheidungsträgern"

HMS: "Wenn der Spiegel eine Person kritisiert, dann nimmt er kein Blatt vor den Mund. Fühlen Sie sich nicht unwohl bei dem Gedanken, sich Feinde zu machen?"

AUST: "Es gehört zum Job eines Spiegel-Journalisten, gelegentlich Leuten auf die Füße zu treten, die man privat ganz gut leiden kann. Journalistische Unabhängigkeit - das bedeutet auch, in der Lage zu sein, die Leistung einer Person unbeeinflusst bewerten zu können, also die Sache von der Person trennen zu können."

HMS: "Spiegel-Redakteur zu werden - ist das immer noch die Krönung einer Journalistenkarriere?"

AUST: "Wenn ich mich unter den Absolventen der Henri-Nannen-Journalistenschule so umhören, dann muss ich sagen: In der Vorstellung der meisten ja. Aber nicht jeder ehrgeizige Journalist will unbedingt zum Spiegel. Denn der ist einerseits wie eine große Maschine, in der die Redakteure eng zusammenarbeiten. Andererseits gibt es auch eine Menge Entfaltungsmöglichkeiten für individuelle Leistungen, als Autor oder Reporter zum Beispiel."

HMS: "Die enge Zusammenarbeit der Redakteure wird auch beim Stil der Artikel erkennbar, die den Eindruck machen, als seien sie alle aus einem Guss: Nach einem ähnlichen Prinzip aufgebaut, die Sprache fast durchgängig von einem ironischen Unterton geprägt - von dem mittlerweile nicht wenige Leser sagen, dass er besserwisserisch klingt."

AUST: "Wir haben zu verschiedenen Themen sehr klare Positionen, die wir auch mit Deutlichkeit vertreten. Das mögen manche, die in jedem Artikel alle Pros- und Contras- ausdiskutiert haben wollen, besserwisserisch nennen. Ich nenne es Unabhängigkeit und Entschiedenheit in der Sache. Diese Entschiedenheit und Unabhängigkeit drückt sich natürlich auch in der Sprache aus, und das liest sich dann oft wie Ironie.
Jeder Text wird bei uns von Ressortleitern gründlich bearbeitet, die fast alle über langjährige Erfahrungen beim SPIEGEL verfügen. Es ist eher eine Mischung aus Gemeinschaftsproduktionen und den Artikeln einzelner Reporter oder Redakteure."

HMS: "Gibt es ihn noch - den Mythos des Spiegel?"

AUST:"Mythos ist übertrieben. Ich würde einfach von einer gelungenen Personalpolitik sprechen, durch die wir es schaffen, erstklassige Journalisten zu gewinnen und zudem Nachwuchstalente aufzubauen. Das hat uns in die Lage versetzt, oft ganz vorne zu sein, wenn es um die Aufdeckung eines Skandals oder einer politischen Fehlentwicklung ging."

HMS: "Die vielzitierte ,Macht des Spiegels' - das ist in erster Linie die Recherchekompetenz seiner Redakteure. Was muss ein guter investigativer Journalist können?"

AUST: "Er muss in der Lage sein, ein weitverzweigtes Kontaktnetzwerk aufzubauen und zu pflegen; muss neugierig sein, vielseitig interessiert, selbstständig. Er muss Themen erkennen und geduldig verfolgen. Aber das alles ist nicht nur Handwerk; es gehört auch ein gewisses Talent dazu - das wir natürlich gezielt zu fördern versuchen."

HMS: "Sie fördern nicht nur Recherchier-Talente, sondern - durch das Spiegel-Engagement im Trägerverein der Hamburg Media School - auch den Management-Nachwuchs. Zudem wird die Spiegel-Gruppe an der HMS einen speziellen Ausbildungsgang für Dokumentarfilmer anbieten. Welche Ziele verfolgen Sie mit diesem Engagement?"

AUST: "Mit dem Studiengang Dokumentation wollen wir für junge Dokumentarfilmern die Möglichkeit schaffen, die der Markt momentan kaum noch bietet: fundierte Theorie -und Praxiskenntnisse anzueignen, sich beruflich zu entwickeln und Kontakte zu knüpfen. Wir wollen helfen, diese Lücke zu schließen - ebenso wie die eines speziellen Ausbildungsangebotes für Verlagsmanager, für es bisher in Hamburg kaum gezielte Ausbildungsangebote gab. Natürlich verfolgen wir damit noch ein anderes Anliegen: den Medienstandort Hamburg zu stärken."

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