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Liebe im Schatten des Vulkan

04.06.2004 - (idw) Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt (Main)

Robert Harris' Roman 'Pompeji' und die wissenschaftliche Wirklichkeit / Zwei Vorträge

FRANKFURT. Der Vesuvausbruch, der im August des Jahres 79 n. Chr. die Städte Pompeji und Herculaneum am Golf von Neapel verschüttete, hat die Phantasie von Autoren immer wieder fasziniert. Neuestes Werk zur Katastrophe ist der Roman 'Pompeji' von Robert Harris, der sich nach seinem Erscheinen in Deutschland sogleich auf den Bestsellerlisten etablierte.

Die Intrigen-, Mord- und Liebesgeschichte spielt in den Tagen unmittelbar vor und während des Vesuvausbruchs. Harris hat die Quellen und Zeugnisse, die über Ereignis und Lebenswirklichkeit der damaligen Zeit informieren, umfassend und gründlich studiert und geschickt verarbeitet. Das macht, neben der spannenden Handlung, den Roman auch für den professionellen Altertumswissenschaftler zu einer reizvollen Lektüre.

Christoff Neumeister, emeritierter Professor für Klassische Philologie, fühlte sich durch das Buch zum Vergleich herausgefordert und wird im Rahmen zweier Vorträge die wissenschaftliche Wirklichkeit mit der des Romans in Bezug setzen. Vieles, was im Zusammenhang der Romanhandlung nur kurz angedeutet wird, kann durch die Kenntnisse des Wissenschaftlers genauer ausgeführt und ergänzt werden und so nachträglich Lesevergnügen und Bildungseffekt des Buches erhöhen - oder ihn sogar erst wecken!

Vortrag I (Mittwoch, den 09.06.2004, 19.15 Uhr)
Misenum. Villenleben am Golf von Neapel
Literarische Hauptquelle für das Ereignis des Jahres 79 n.Chr. sind die beiden 27 Jahre später verfassten Briefe Plinius d.J. an den Historiker Tacitus. Im Mittelpunkt des ersten Briefes steht der Adoptivvater des Verfassers, der Naturforscher und Offizier Plinius d.Ä., seinerzeit Kommandeur der kaiserlichen Kriegsflotte in Misenum am nördlichsten Ende des Golfes von Neapel. Anlass, über ihn, diese Kriegsflotte und ihren Hafen und das für ihre Bedürfnisse angelegte riesige Süßwasserreservoir, die Piscina Mirabilis, zu sprechen. Sie wurde über eine mehr als 40 km lange Wasserleitung von den Bergen des Hinterlandes her gespeist und spielt in Harris' Roman eine große Rolle: Die Hauptperson des Romans, Marcus Attilius Primus, ist der für sie zuständige Beamte.

In unmittelbarer Nachbarschaft von Misenum lagen einige jener großen Villen am Meer (villae maritimae), für die der Golf damals berühmt war, so auch die Villa Hortensia, die einst dem berühmten Staatsmann und Redner Hortensius gehört hatte, bei Harris aber inzwischen in den Besitz eines reichgewordenen Freigelassenen (ehem. Sklaven) Namens Numerius Popidius Ampliatus gelangt ist. Harris hat seinen Ampliatus nach dem Vorbild des Trimalchio, einer Hauptfigur von Petrons berühmten Roman 'Satyricon', gestaltet, und auch die Beschreibung eines Gastmahls, das Ampliatus in einer späteren Phase gibt, folgt dem Vorbild Petrons. Im Zusammenhang damit wäre einiges über antike Speisesitten zu sagen. Zur historischen Villa Hortensia gehörten große Fischbecken (piscinae) zur Haltung von Meeresfischen, ein sehr kostspieliges Vergnügen, das damals wohl eher als Liebhaberei reicher Villenbesitzer denn aus wirtschaftlichen Gründen betrieben wurde.

Noch eine andere villa maritima spielt im Roman eine Rolle: die bei Herculaneum gelegene Villa Calpurnia, heute besser bekannt unter dem Namen 'Villa der Papyri', weil im 18. Jh. in ihr über tausend verkohlte Papyrusrollen gefunden wurden. Sie gehören zu der Arbeitsbibliothek eines schon 40 v. Chr. verstorbenen epikureischen Philosophen namens Philodem. Die Villa Calpurnia ist übrigens in den siebziger Jahren des 20. Jh. in Los Angeles 1:1 rekonstruiert worden, um die Kunst- sammlung des Ölmilliardärs J. Paul Getty zu beherbergen. Man kann sich also anhand von Fotografien einen guten Eindruck von ihrem Erscheinungsbild machen.

Vortrag II, Mittwoch, den 16.06.2004, 19.15 Uhr
Pompei. Der Vesuvausbruch des Jahres 79

Harris' Romanhandlung führt den Leser später von Misenum und Bauli (heute Bacoli) nach Pompeji, der Stadt, in der der Freigelassene Ampliatus einst Sklave der Familie der Popidii gewesen war, einer Familie, die auch im historischen Pompeji eine politisch führende Rolle gespielt hat. Nach seiner Freilassung war Ampliatus dann reich geworden, nicht wie sein literarisches Vorbild Trimalchio durch Bankgeschäfte und Seehandel, sondern durch Baugeschäfte: Nach dem großen Erdbeben des Jahres 62 n. Chr., durch das Pompeji sehr stark betroffen worden war, hatte er Grundstücke und beschädigte oder zerstörte Gebäude billig aufgekauft, wieder hergerichtet und gewinnbringend weiterverkauft.

Ihren dramatischen Höhepunkt erreicht die Romanhandlung unmittelbar vor und während des großen Ausbruchs. Hier hat sich Harris auch der Ergebnisse moderner archäologischer Forschungen bedient. Sie sind am ausführlichsten und umfassendsten in den Veröffentlichungen des isländischen Vulkanologen Haraldur Sigurdsson dargestellt.

Kontakt: Prof. Christoff Neumeister; Institut für Klassische Philologie; Grüneburgplatz 1, 60629 Frankfurt; Tel.: 069/798-32452; Fax: 069/798-32453; E-Mail: christoffneumeister@freenet.de

Wann? 9. und 16. Juni 2004, jeweils 19.15 Uhr

Wo? Casino, Raum 1.811; Campus Westend; Grüneburgplatz 1,

60629 Frankfurt
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