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Fortschritte bei der Behandlung von Krebs im Kindesalter

11.06.2004 - (idw) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

In Deutschland erhalten pro Jahr etwa 800 krebskranke Kinder eine Strahlen-therapie. Diese Behandlung ist bei den meisten kindlichen Tumoren unver-zichtbar. Das belegen neue Studien, die Strahlentherapeuten auf der Jahresta-gung der Deutschen Gesellschaft für für Radioonkologie, Medizinische Physik und Strahlenbiologie in Erfurt präsentieren.

Bei der Behandlung von Krebs im Kindesalter hat die Medizin in den letzten 20 Jah-ren erhebliche Fortschritte erzielt. Etwa 75 Prozent der betroffenen Kinder werden mittlerweile geheilt. Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich Ärzte der verschiedenen Fachgruppen in der pädiatrischen Onkologie schon sehr früh auf gemeinsame interdisziplinäre Konzepte verständigt und diese konsequent in Studien umgesetzt haben. Die Kinder werden mit einer aufeinander abgestimmten Kombination von Strahlen- und Chemotherapie mit oder ohne zusätzliche oder vorangehende Operation behandelt.

Im Rahmen der DEGRO werden diese Studien durch spezialisierte Ärzte der Arbeitsgruppe pädiatrische Radioonkologie (APRO) betreut. Denn es geht mittlerweile nicht mehr ausschließlich darum, das betroffene Kind zu heilen, sondern auch Langzeit-Nebenwirkungen zu vermeiden, welche die spätere Lebensqualität beeinträchtigen.

Lymphdrüsenkrebs bis zu 95 Prozent heilbar
Besonders gut sind die Heilungschancen bei Kindern mit einer bestimmten Form von Lymphdrüsenkrebs, dem sogenannten Morbus Hodgkin. Insgesamt werden 95 Prozent der behandelten Patienten wieder vollständig gesund. Aufgrund dieser hoffnungsvollen Ergebnisse versuchten Ärzte in einer Studie, Kinder mit diesem Krebsleiden ausschließlich mit Chemotherapie zu behandeln. Sie verzichteten auf die Bestrahlung, um die Nebenwirkungen der Behandlung möglichst gering zu hal-ten. Es zeigte sich jedoch, dass bei den Kindern, die keine Strahlentherapie erhalten hatten, die Rückfallquote deutlich anstieg. Darum ist neuerdings bei den meisten kleinen Patienten mit Morbus Hodgkin die Strahlentherapie wieder fester Bestandteil der Behandlung.

Knochenkrebs: Selbst bei Metastasen noch Hoffnung
Fortschritte haben die Mediziner auch in der Behandlung des aggressiven Ewing Sarkoms erzielt, dem zweithäufigsten Knochentumor im Kindesalter. Ungefähr die Hälfte der kleinen Patienten kann inzwischen durch eine Kombination von Operation, Chemo- und Strahlentherapie geheilt werden, wenn der Tumor zum Zeitpunkt der Diagnosestellung noch keine Tochtergeschwülste (Metastasen) abgesiedelt hat. Doch selbst wenn bereits Lungenmetastasen vorhanden sind, leben nach 10 Jahren noch 30 Prozent der Kinder. Durch eine Bestrahlung der ganzen Lunge mit einer niedrigen Dosis konnte die Rate der erneut auftretenden Lungenmetastasen nach deren Erstbehandlung um 24 Prozent gesenkt werden. In Erfurt stellen Strahlentherapeuten die Ergebnisse einer großen Analyse der Behandlung bei 1058 Patienten mit Ewing Sarkom vor. Kinder, deren Tumor nur knapp im Gesunden operiert werden konnte, profitierten von einer Nachbestrahlung. Sie erlitten weniger Rückfälle, ebenso jene Patienten, die auf eine Chemotherapie schlecht ansprachen.

Weichteiltumore: Strahlentherapie unverzichtbar
Ungefähr sieben Prozent aller kindlichen Krebserkrankungen sind sogenannte Weichteilsarkome, die vom Binde- und Stützgewebe ausgehen. Hiervon ist die häu-figste Untergruppe das Rhabdomyosarkom, das bei Kindern und Jugendlichen in Österreich und Deutschland nach einem einheitlichen Konzept im Rahmen einer großen Therapiestudie behandelt wird. Auch hier können die Ärzte Erfreuliches be-richten: Mittlerweile überleben ca. 70 Prozent der Kinder dank einer Kombination aus Operation, Chemo- und Strahlentherapie. In einer Studie haben Wissenschaftler untersucht, ob auf eine Strahlentherapie auch verzichtet werden kann. Bei 203 Patienten wurden die Behandlungsergebnisse mit und ohne Bestrahlung verglichen. Dabei zeigte sich, dass nach 5 Jahren 76 Prozent der bestrahlten Kinder krankheitsfrei waren, hingegen nur 58 Prozent in der Gruppe ohne Strahlentherapie.

Keimzelltumoren des Gehirns: fast alle Kinder werden gesund
Bei manchen Kindern "verirren" sich Keimzellen (beispielsweise des Hodens oder der Eierstöcke) ins Gehirn und entarten dort zu sogenannten Keimzelltumoren. Sie sitzen meist in der Zirbeldrüse, manchmal jedoch auch oberhalb der Hirnanhangs-drüse oder in den Hirnkammern. Diese stehen wiederum mit dem Rückenmarkskanal in Verbindung. Darum entdecken die Ärzte dort bei der Hälfte der kleinen Patienten Absiedelungen der Tumorzellen.
Man unterscheidet zwei Gruppen von Keimzelltumoren: solche, die eine tumortypi-sche Substanz (Tumormarker) ins Blut abgeben, und solche, bei denen dies nicht der Fall ist. Diese reinen "Germinome" haben etwas bessere Heilungsaussichten. Die Gruppe der Marker-produzierenden Tumore wird mit einer Kombination aus Chemotherapie, Operation und Bestrahlung behandelt, während man sich bei den "inaktiven" Tumoren auf eine alleinige Strahlentherapie beschränken kann. Forscher haben nun herausgefunden, dass die Kinder davon profitieren, wenn die Ärzte nicht nur den Tumor selbst oder das Gehirn, sondern zusätzlich den gesamten Rückenmarkskanal bestrahlen. In mehreren überregionalen Studien haben Strahlentherapeuten in kleinen Schritten die Bestrahlungsdosis verringert, um die kleinstmögliche, zur Heilung noch ausreichende Dosis herauszufinden. Die Experten präsentieren in Erfurt nun die Untersuchungsergebnisse von über 100 Kindern: Nach 10 Jahren lebten über 95 Prozent der Kinder rückfallfrei und können als geheilt betrachtet werden.

Erstes Register zur Erfassung von Nebenwirkungen der Strahlentherapie bei Kindern
Unter der Abkürzung RISK wurde 2004 mit Unterstützung der Deutschen Kinder-krebsstiftung an der strahlentherapeutischen Universitätsklinik Münster eine Zentralstelle zur Dokumentation von Therapiefolgen nach Bestrahlung im Kindesalter eingerichtet. Hier werden einerseits die technischen und medizinischen Einzelheiten der Bestrahlung und andererseits eventuell später auftretende Nebenwirkungen erfasst. In diesem weltweit ersten Register seiner Art sind bislang 186 Kinder erfasst worden. Die Strahlentherapeuten erhoffen sich von dieser Langzeitdokumentation Erkenntnisse darüber, wie die Strahlentherapie bei Krebserkrankungen im Kindesalter künftig noch effizienter und schonender gestaltet werden kann.

Pressestelle:

Prof.Dr. Marie-Luise Sautter-Bihl, Klinik für Strahlentherapie, Städt. Klinikum Karlsruhe
Tel. (0721)974-4000, Fax (0721)974-4009
während des Kongresses: Congress Center Erfurt, Meyer Saal, II. OG
Tel. (0361)400-15 12, Fax (0361)400 15 13
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