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Hightech-Medizin zu Aldi-Preisen: Die Strahlentherapie ist unterfinanziert

28.06.2002 - (idw) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

(Berlin) High-Tech-Medizin zu Aldipreisen ist nicht möglich. Die modernen Methoden der Strahlentherapie müssen endlich angemessen finanziert werden, fordern Experten auf dem morgen beginnenden Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie in Berlin.

Im Jahr 2004 wird Krebs die Herz-Kreislauferkrankungen als häufigste Todesursache weltweit ablösen. Schon heute erkrankt in Industrienationen fast jeder zweite Bürger im Laufe seines Lebens an einem bösartigen Tumor, jeder vierte stirbt daran. Fortschritte in der Krebstherapie sind darum von großer Bedeutung.

Rund 60 Prozent aller Tumorpatienten erhalten eine Strahlenbehandlung. Es ist eine hoch effektive Behandlungsmethode: Mehr als ein Viertel der Patienten kann durch eine Strahlentherapie alleine oder in Kombination mit anderen Therapieverfahren geheilt werden.

Darum haben zahlreiche europäische Länder begonnen, Förderprogramme für die Strahlentherapie aufzulegen. In den Niederlanden, in Frankreich und Dänemark werden in den nächsten Jahren zusätzliche Beschleuniger installiert. Die Experten planen bei diesem Ausbau eine Zahl von acht bis zehn Linearbeschleunigern pro einer Million Einwohner.
Deutschland hat auf diesem Gebiet mit seinen Nachbarn noch nicht gleichgezogen: Derzeit stehen 5,2 Geräte pro eine Million Einwohner zur Verfügung. "Wir brauchen darum auch hierzulande ein entsprechendes Programm", fordert DEGRO-Präsident Professor Wolfgang Hinkelbein vom Berliner Universitätsklinikum Bejamin-Franklin.

Aufgrund der langjährigen Kostendämpfungspolitik gibt es an vielen Krankenhäusern darüber hinaus einen Investitionsstau. "Wir laufen Gefahr, dass sich Deutschland von den rasanten technischen Entwicklungen abkoppelt, die derzeit weltweit in der Strahlentherapie stattfinden", warnt Hinkelbein. Denn einige innovative Bestrahlungstechniken, etwa die Stereotaxie oder intensitätsmodulierte Verfahren, sind mit älteren Geräten nicht möglich.

Kritik üben die Strahlentherapeuten auch an der Finanzierung der Behandlung. Hinkelbein: "Innovative Bestrahlungstechniken werden in Deutschland nicht bezahlt." Für eine sechswöchige, tägliche ambulante Bestrahlung nach Brustkrebsoperation erhält der Arzt oder die Klinik - je nach Planungsaufwand und Anzahl der Bestrahlungsfelder - in Baden-Württemberg zwischen 1.409.- und 3.540,- Euro, in Sachsen zwischen 924.- und 2.322,- Euro.

Doch bezahlt wird damit nur eine einfache Technik über maximal drei Felder. Für eine aufwändige Bestrahlung über sieben Felder gibt es keinen Cent mehr. Die Behandlung mit einem so genannten Multi-Leaf-Kollimator, der eine zielgenaue, schonende Therapie ermöglicht, ist im Katalog ärztlicher Leistungen (EBM) erst gar nicht vorgesehen: Eine entsprechende Ziffer existiert nicht.

Gleiches gilt auch für die Behandlung von Prostatatumoren mit so genannten Seeds, winzigen radioaktiven Jod- oder Palladium-Nadeln, die in die Vorsteherdrüse eingebracht werden. Diese Therapie ist für Patienten mit einem Prostatakarzinom im Früstadium eine wenig belastende Alternative zur Operation. Darüber hinaus ist sie mit 7.000,- Euro billiger als die operative Entfernung der Drüse - gute Gründe dafür, dass die Strahlentherapie in den USA die Operation inzwischen zu verdrängen beginnt. In Deutschland gibt es indes bis heute keine Regelung zur Finanzierung. Krankenkassen verweigern darum Patienten immer wieder diese schonende Behandlungsmethode. Auch die stereotaktische Bestrahlung oder die intensitätsmodulierte Therapie (s. Pressetext Kopf-Hals-Tumoren) wird nicht routinemäßig bezahlt.

Bei anderen modernen Verfahren gibt es hingegen solche Probleme bei der Kos-tenübernahme nicht - selbst wenn deren Preise um ein Vielfaches über jenen einer Strahlenbehandlung liegen. Die Medikamente für die adjuvante Chemotherapie nach Brustkrebs (4x Epirubicin/Cyclophosphamid plus 4x Paclitacel) kosten beispielsweise 9.880,- Euro. Ein Arzthonorar von ca. 1.500,- Euro kommt hinzu. Eine sechsmonatige Therapie mit Herceptin, einem Präparat, das bei bestimmten Formen der Erkrankung eingesetzt wird, kostet - ohne Arzthonorar - sogar 23.112.- Euro. "Wir wehren uns dagegen, dass moderne Verfahren in der Strahlenbehandlung zwar ebenso erwünscht sind wie andere Behandlungsfortschritte, doch im Gegensatz zu diesen nicht bezahlt werden", kritisiert Hinkelbein.

Hinzu kommt, dass ambulante Leistungen in der Medizin nach Punkten bezahlt werden, der einzelne Punkt jedoch in verschiedenen Bundesländern sehr unterschiedliche Werte hat: beispielsweise in Baden-Württemberg 4 Cent in Sachsen dagegen nur 2.5 Cent "Diese dramatischen Unterschiede der Vergütung gleicher Leistungen erfordern dringend eine Stützung des Punktwertes für die Strahlentherapie", fordert Hinkelbein.

Die Bemühungen der Strahlentherapeuten, mit den kassenärztlichen Vereinigungen zu einer Lösung zu kommen sind flächendeckend weitgehend gescheitert. Die Folge: Es kommt vor, dass sich Patienten komplikationsträchtigeren, in jedem Fall aber teureren Behandlungsalternativen unterziehen müssen.

Geradezu grotesk ist vor diesem Hintergrund, dass immer noch Einzelfallanträge auf eine radiochirurgische Behandlung mit dem Gamma-Knife genehmigt werden. Diese Behandlung ist erheblich teurer als die stereotaktische Bestrahlung am Linearbeschleuniger, bietet qualitativ keine Vorteile, und ist unter Umweltschutzaspekten (211 radioaktive Kobaltquellen!!) äußerst problematisch.

Pressestelle:

Prof. Dr. Marie-Luise Sautter-Bihl, Klinik für Strahlentherapie, Städt. Klinikum Karlsruhe
Tel. (0721)974-4000, Fax (0721)974-4009,
Handy 0172-7326404
e-mail: Strahlentherapie@klinikum-karlsruhe.de

während des Kongresses:
Estrel Hotel, Sonnenallee 225, Berlin
Tel. (030) 6831-46101, Fax (030)6831-46102
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