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Konrad Schily - der Geist von Herdecke

23.06.2004 - (idw) Fachhochschule Biberach

Ein Mund, der liest; viele Ohren, die hören; Hände, die schreiben. Was sie schreiben, wisse man allerdings nicht, so Prof. Dr. Konrad Schily (* 1937), bei seiner ganz persönlichen Umschreibung von akademischer Ausbildung. Über Bildung und Bildungspolitik sprach der Gründer der Privathochschule Witten/Herdecke innerhalb des Studiums generale an der Fachhochschule Biberach. "Umdenken - Umlernen" hatte die Hochschule die Staffel des Sommer-Semesters überschrieben, die mit diesem Vortrag zu Ende ging. Und nach dem Ulmer Hirnforscher Spitzer war nun der Bruder vom Innenminister zu Gast an der Biberacher FH, den er "den berühmten Draht in die Politik" nannte.

Er selbst machte mit seinen Ideen zu Witten in den 80iger Jahren Furore; vor allem unter seinen SPD-Parteifreunden betrachtete man Schilys bildungspolitisches Treiben mit Argwöhn und sprach von einer Hochschule für lernresistente Sprösslinge reicher Eltern. Das ist lange her, und längst sonnt sich die Privathochschule unstrittig in dem Ruf einer Elitehochschule. Elite im Sinne von einzigartig. Ein Beispiel: Immer donnerstags haben die Studenten in Witten keine Vorlesungen, sondern Freiräume sich eigenständig weiterzubilden - in Literatur, Philosophie, Geschichte oder Kunst. Einschränkungen gibt es für dieses von Schily initiierte Studium Fundamentale kaum, Leistungsnachweise ebenso wenig. Schließlich steht es für Selbstständigkeit. Denn, so Schily, Bildung sei die Fähigkeit, sich unbekannte Themenbereiche selbst zu erarbeiten und das gelernte Wissen formulieren zu können: Jeweils zu Semesterende stellen die Studenten aus Witten ihre Arbeiten vor, die sie interdisziplinär erarbeitet haben - ebenfalls ein Schily-Ansatz. Fachübergreifend ins Gespräch zu kommen, hieße in den Schuhen des anderen laufen zu lernen. Jeder Berufszweig habe seine Sprache und seine Sichtweise; nur im Austausch gelänge das fundamentale Studium.
Praxisbezug lautet ein weiteres Stichwort, das Schily in seiner Hochschulgestaltung - 17 Jahre lang war er Präsident und verkörpert noch heute die Hochschule wie kein anderer - wichtig ist: Wer in Witten Medizin studiert, ist ab dem 14. Tag einem niedergelassenen Arzt zugeordnet und unterstützt ihn bei der Betreuung der Patienten. "Das eigentliche Medizinstudium", so Schily "führt zuerst an die Toten heran". Was "nicht viel mit dem Leben zu tun hat".
Doch nicht nur die Studierenden brauchen neue Freiräume, fordert Schily. Auch die Hochschulen selbst müssten mehr Spielräume erhalten, um ihre Vorstellungen von Lehre umsetzen zu können: "Verantwortung gehöre dahin, wo Kompetenz sei, so Schilys These, die sich nicht nur auf die Bildungspolitik übertragen lässt.

Schilys Anregungen fanden beim Biberacher Studium generale großen Anklang; begeistert gaben die Zuhörer Beifall. Den Geist von Witten will man künftig auch in die FH Biberach einfließen lassen: Angedacht sind - interne wie externe - Angebote in Philosophie, Literaturwissenschaft, Kunst und Soziologie.
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