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Sozomenos Kirchengeschichte erstmals ins Deutsche übersetzt

01.07.2004 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Salamanes Hermeias Sozomenos (etwa 380-445) verließ mit seiner "Kirchengeschichte" in neun Büchern erstmals das Terrain des Chronisten und näherte sich der klassischen Geschichtsschreibung an. Es entstand ein faszinierendes Dokument der antiken Lebenswelt. Nicht nur für Historiker interessant ist die jetzt in der Reihe "Fontes Christiani" (Herausgeber: Prof. Dr. Wilhelm Geerlings, Lehrstuhl für alte Kirchengeschichte, Katholisch-Theologische Fakultät) erschienene Übersetzung "Sozomenos, Kirchengeschichte - Historia ecclesiastica" von Prof. Dr. Günther Hansen (Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften), die den griechischen und deutschen Text gegenüberstellt.

Bochum, 30.06.2004
Nr. 200

Von Macht und Askese
Sozomenos Kirchengeschichte erstmals ins Deutsche übersetzt
Reihe "Fontes Christiani" schafft Zugang zu alten Geschichtsquellen

Salamanes Hermeias Sozomenos (etwa 380-445) verließ mit seiner "Kirchengeschichte" in neun Büchern erstmals das Terrain des Chronisten und näherte sich der klassischen Geschichtsschreibung an. Es entstand ein faszinierendes Dokument der antiken Lebenswelt. Nicht nur für Historiker interessant ist die jetzt in der Reihe "Fontes Christiani" (Herausgeber: Prof. Dr. Wilhelm Geerlings, Lehrstuhl für alte Kirchengeschichte, Katholisch-Theologische Fakultät) erschienene Übersetzung "Sozomenos, Kirchengeschichte - Historia ecclesiastica" von Prof. Dr. Günther Hansen (Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften), die den griechischen und deutschen Text gegenüberstellt.

Eintauchen im antiken Alltag

Sozomenos versetzt den Leser mit seinen spannenden, lebendigen Texten in die Welt des 4. und beginnenden 5. Jahrhunderts nach Christus etwa in den Alltag der antiken Mönche, die sich mit fast unerschöpflichem Einfallsreichtum in der Askese zu überbieten suchten oder berichtet von den grausamen Machenschaften Kaiser Julians das Ruder der Geschichte noch einmal herumzureißen - von der christlichen Staatsreligion zurück zum heidnischen Hellenentum. Die Übersetzung folgt der Intention des Autors und macht sie damit gerade für Laien lesefreundlich: Sozomenos beschreibt eindrucksvoll und vielschichtig den damaligen Lebensalltags und kommt doch im Stile des Historikers immer wieder auf den Punkt.

Bewunderte Enthaltsamkeit

Sozomenos wusste wovon er schrieb, als er mit warmem Ton die "mönchische Philosophie" rühmte (erstes Buch), verdankte er doch seine Bildung angesehenen Eremiten um seinen Heimatort Bethelea. So berichtet er von dem berühmten Wüstenvater Antonius, ein überzeugter Analphabet und doch von scharfem Geist und Verstand. Antonius ernährte sich allein von Brot, Salz und Wasser, lehnte es ab, sich zu waschen und zu salben, damit die natürliche körperliche Spannkraft nicht erschlaffe. Sein Schüler Paulus, der Einfältige, war mit einer wunderschönen Frau verheiratet. Als er sie eines Tages in flagranti erwischte, lautete sein kurzer Kommentar zu deren Liebhaber: "Behalte sie!" - und er ging zu Antonius in die Wüste. Der ägyptische Philosoph Amun lebte 18 Jahre jungfräulich mit seiner Frau, die ihn für diese asketische Leistung bewunderte. Sozomenos berichtet auch von dem berühmten Gelehrten und Asketen Didymus, der schon als Kind erblindete und den doch alle wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten den "Sehenden" nannten. Didymus erfand schon damals eine Art Blindenschrift.

Des Kaisers grausame Machenschaften

Faszinierend, oft erschreckend beschreibt Sozomenos, wie der nur kurze Zeit regierende Kaiser Julian, genannt "der Abtrünnige" (Apostata), sein Restaurationsprogramm des antiken Heidentums durchzusetzen suchte. Besonders die christliche Mildtätigkeit gegenüber den Armen war ihm ein Dorn im Auge und er stellte dem ein hellenisch-paganes "Charity-Programm" gegenüber. Heidnische Tempel wurden wieder aufgebaut, christliche Kirchen geschlossen, die Kirchenschätze dem Fiskus zugeführt. Das heidnisch gesinnte Volk nutzte die Gunst der Stunde durch Übergriffe und Pogrome. In Helenopolis mussten heilige Jungfrauen in aller Öffentlichkeit nackt herumlaufen, man schor ihnen den Kopf, zerschnitt sie in Stücke und warf ihre Eingeweide den Schweinen vor.

Wer war Salamanes Hermeias Sozomenos?

Salamanes Hermeias Sozomenos (etwa 380-445) stammte aus einer christlichen Familie in der weithin noch heidnischen Umgebung von Gaza. Die griechische Literatur lernte er durch intensive eigene Lektüre kennen. Rhetorik und Recht studierte er wohl in Beirut. Nach 425 siedelte er nach Konstantinopel über, wo er als Anwalt tätig war. In der Hauptstadt verfasste er eine "Kirchengeschichte" in neun Büchern der Zeit von 324 bis um 422. Neben bekannten Quellen (z. B. Sokrates, Rufin, Euseb, Athanasius, Mönchsgeschichten, syrischen Märtyrerakten) benutzte Sozomenos die "Sammlung der Synodalakten" des Sabinus und zahlreiche Urkunden, so dass sein Werk für den Historiker von großer Bedeutung ist.

Titelaufnahme

Sozomenos, Kirchengeschichte - Historia ecclesiastica, von Günter Christian Hansen aus dem Griechischen (J. Bidez) übersetzt, Brepols (Fontes Christiani Bd 73/1-4), gebunden: ISBN 2-503-52125-8 (Bd. 1), 2-503-52127-4 (Bd. 2), 2-503-52129-0 (Bd. 3), 2-50352137-1 (Bd. 4), kartoniert: ISBN 2-503-52126-6 (Bd. 1), 2-503-52128-2 (Bd. 2), 2-503-52130-4 (Bd. 3), 2-503-52138-X (Bd. 4)

Weitere Informationen

Dr. Horst Schneider (Fontes Christiani), Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Archäologie, Tel. 0234/32-24706, -24703, horst.schneider@ruhr-uni-bochum.de

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