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Wer geht heute noch zum Heiler?

28.07.2004 - (idw) Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Empirische Kulturwissenschaft

Nicht jeder, der krank ist oder unter lästigen Warzen leidet, geht zum Arzt. Bis in unsere Zeit haben Heiler neben der modernen Schulmedizin großen Zulauf. Der Empirische Kulturwissenschaftler Matthias Badura hat dieses faszinierende Phänomen am Beispiel einer schwäbischen Heilerin untersucht und das Gesundheitsverhalten sowie die Motive der Menschen bei der Anwendung alternativer Heilmethoden erforscht.

Empirischer Kulturwissenschaftler erforscht Aberglauben und Gesundheitsverhalten

Auf der Schwäbischen Alb in Ingen gibt es eine alte Frau, genannt Anna R., die den Menschen hilft, Warzen durch Gebete bei Vollmond verschwinden zu lassen. Die Nachfrage nach solchen Heilpraktiken ist in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen groß - vom Bauern und Handwerker bis zum Akademiker. Matthias Badura vom Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen ist dem Phänomen Anna R. auf den Grund gegangen und hat sie selbst sowie ihre Kunden zum Wegbeten von Warzen befragt. Sein Fazit: Außenseiter-Heilpraktiken haben nichts mit Rückständigkeit der Menschen zu tun, sondern eher mit einem allgemein verbreiteten zwiegespaltenen Verhältnis zur modernen, wissenschaftsbasierten Schulmedizin. In einem Punkt möchte Matthias Badura jedoch nicht missverstanden werden: "Ich kann und will mit meiner Arbeit nicht beurteilen, ob sich Warzen wegbeten lassen", betont er.

Anna R. ist sehr fromm und gottesgläubig. Die besonderen Fähigkeiten bei der Heilung wurden ihr von ihrer Mutter weitergegeben. "Anna R. sieht es als Gnade Gottes, dass er sich auch um das Verschwinden lästiger Warzen kümmert", so beschreibt es Badura. Doch die Kunden von Anna R. sind nicht immer fromm. Viele sehen das Warzen-Wegbeten pragmatisch als einen Versuch, als schmerz- und kostenlose Alternative zum Herausschneiden beim Arzt. "Auch bei ernsteren Krankheiten gehen manche Menschen nacheinander oder nebeneinander zum Schulmediziner und zum Heiler oder Heilpraktiker. Die Sozialisierung bestimmt mit, wem jemand eher vertraut", sagt Matthias Badura. Außerdem verwissenschaftliche sich die Gesellschaft immer stärker, die dadurch zunehmend verunsicherten Menschen seien auf der Suche nach Alternativen. Nachdem Badura Interviews mit Anna R. geführt hatte, hat er sich auch theoretisch mit Gebieten wie dem Gesundheitsverhalten der Menschen, Medizinforschung, Okkultismus und Aberglauben beschäftigt. Außerdem hat er qualitative Interviews mit Kunden von Anna R. geführt. Ist es den Leuten peinlich, bei Anna R. Hilfe zu suchen? "Nein", sagt Badura, "sie quellen eher über vor Mitteilungsbedürfnis." Nach fünf bis sechs Befragungen hätten sich die Aussagen wiederholt. "Bei manchen Menschen steht hinter dem Wegbeten von Warzen tiefste Überzeugung, die Leute schwören, dass es helfen muss. Manche registrieren den Behandlungserfolg zwischen Verwunderung und Gekicher." Auch bei den "Ungläubigen" habe das Fazit häufig gelautet: warum denn nicht, es hilft ja. Selbst bei einem Misserfolg habe hinterher niemand gesagt: "wie habe ich solchem Hokuspokus nur glauben können?"

Matthias Badura hat unterschiedliche Motive festgestellt, die kranke Menschen zu Heilern gehen lassen. Dazu gehört Verzweiflung, wenn die Schulmedizin versagt, Pragmatismus, Religiosität, der Glaube, dass man durch jemanden wie Anna R. bei Gott etwas veranlassen kann, aber bei manchen auch einfach der Spaßfaktor: "Es hat größeren Reiz, Steine zu sammeln, sich eine Salbe aus Tibet schicken zu lassen oder bei Mondschein zu beten als zu einem Arzt zu gehen", sagt Badura. Magie, meint der Forscher, sei im Moment auf vielen Gebieten chic und lustig. "Angefangen bei dem Erfolg der Harry Potter-Romane bis hin zu Politikern, die sich von Astrologen beraten lassen." Für manche sei das Warzen-Wegbeten einfach ein schaurig-schönes Erlebnis, das sich gut am Stammtisch erzählen lasse. Auch Skepsis gegen die Technologisierung in der Medizin spiele als Motiv mit hinein. "Anna R. ist sicherlich eine schillernde Erscheinung, aber eigentlich ist sie nur ein Beispiel für das Gesundheitsverhalten heutiger Menschen."

Anna R., die bei den Warzen-Heilungen aus tiefem Glauben heraus handelt, missbilligt, dass die Menschen heute nicht mehr an Gott glauben und ihre Heilungspraktiken in den Bereich der Esoterik gerückt werden. Ihr Wissen soll sterben. "Sie hat es nicht weitergegeben, mit einer einzigen Ausnahme. Nur ein junger Italiener schien ihr würdig, ihre Geheimnisse zu erfahren. Wohl weil sie gespürt hat, dass er aus einer tief religiösen Umgebung kam", erzählt Badura. Der Italiener sei in sein Heimatland zurückgekehrt und praktiziere das Warzen-Wegbeten möglicherweise dort weiter. Dies nennt Badura als Beispiel, dass man bei der Eingrenzung der Herkunft von Bräuchen sehr vorsichtig sein muss. "Es wäre denkbar", sagt er, "dass in 30 Jahren in Italien jemand nachforscht, woher diese Heilpraxis kommt und könnte es - weil alle meinen, das würde schon lange gemacht - möglicherweise für einen einheimischen, ursprünglichen Brauch halten."

Ein bestimmtes Muster, dass Heiler in bestimmten Gebieten oder bei bestimmten Bevölkerungsgruppen besonders beliebt wären, konnte Badura in seiner Untersuchung nicht feststellen. Allerdings hat er gesehen, dass Menschen, die zum Beispiel zu Anna R. gehen würden, prinzipiell geneigter sind, eine esoterische Methode wie etwa Heilung durch Steine auszuprobieren. "Da ist die prinzipielle Bereitschaft vorhanden, alternativen Heilungsmethoden eine Existenz zuzubilligen", sagt er. Städter und Landbewohner mögen seiner Einschätzung nach unterschiedliche Vorlieben bei den Methoden der Wunderheilung haben. "Doch mit Rückständigkeit hat das nichts zu tun. Heiler sind überall populär", sagt er.

Wenn Anna R. mit ihrer Methode nicht erfolgreich ist, wird sie den Grund darin suchen, dass jemand nicht an Gott oder die Methode glaubt. Ärzte sagen, so Badura, dass Warzen auf einer Virusinfektion beruhen, dass sie häufig von allein weggehen oder dass sich das Immunsystem, das sich gegen die Infektion wehrt, tatsächlich über Einbildungskraft stärken lässt. Badura hat keine Zahlen darüber, wie oft Anna R. erfolgreich ist. Er hält es für seine Untersuchung zum Gesundheitsverhalten auch nicht für wichtig, wie oft es funktioniert. "Wenn es nicht klappt, suchen die Leute die Schuld häufig bei sich selbst", hat Badura überraschenderweise beobachtet. Als Beispiel nennt er eine Mutter, deren Kind unter schwerer Neurodermitis litt. "Die Mutter hatte herausbekommen, dass eine Salbe, die sie von einem 'Geistheiler' für ihr Kind erhalten hatte, Cortison enthielt - einen Wirkstoff also, der auch in der Schulmedizin gegen Neurodermitis verwendet wird", erzählt er. Diese Trickserei habe jedoch den Glauben der Mutter in alternative Heilmethoden nicht prinzipiell erschüttert. Sie habe sich sogar vorgeworfen, bei den verschiedenen Heilungsversuchen ihres Kindes als "Störfaktor" im Weg zu sein, weil es ihr nicht möglich war, alle Methoden anzunehmen. Daraus spreche der Wunsch, so Badura, dass es noch eine andere Ordnung in der Welt gibt, die man durch eigenes Verhalten beeinflussen oder die bestehende Ordnung überlisten kann.

Was würde nach Anna R. kommen? Würde der Wunderglaube mit ihr sterben? Nach Einschätzung von Badura wird er nicht aufhören, sondern sich neue Wege suchen. "Die Bereitschaft, an Wunder zu glauben, bleibt groß. Das kann sich zum Beispiel auf den Glauben an die Auswirkungen von Erdmagnetstrahlen verlagern oder auf die Steinemedizin. Es tauchen auch neue Gestalten auf: Zum Beispiel soll es nun im Raum Haigerloch eine Türkin geben, die sich als Heilerin betätigt." (7113 Zeichen)

Nähere Informationen:

Matthias Badura

Tel. mobil 01 621 855 800
E-Mail: m.bad@gmx.de

Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

Matthias Badura hat sein Forschungsprojekt zum Gesundheitsverhalten auch als Buch veröffentlicht:
Matthias Badura: "'Herr, nimm du die Warzen mit!' - Laienmedizinische Praktiken in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb", Tübinger Vereinigung für Volkskunde, 2004 (Studien und Materialien des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen; 26), ISBN 3-932512-24-3
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