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Europäischer Tarifbericht des WSI - 2003/2004

29.07.2004 - (idw) Hans-Böckler-Stiftung

Der Lohnentwicklung in Deutschland kommt im europäischen Vergleich nach wie vor eine Sonderstellung zu. Zu diesem Ergebnis kommt das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) in seinem aktuellen Europäischen Tarifbericht 2003/2004. Mit einer durchschnittlichen Lohnerhöhung von jeweils nur 1,6% in den Jahren 2003 und 2004 weist Deutschland den mit Abstand niedrigsten Wert in der alten EU auf.

Entgegen dem europäischen Trend bleibt die Lohnentwicklung auch im Krisenjahr 2003 hinter dem Verteilungsspielraum zurück, der sich aus der Summe der Preis- und Produktivitätssteigerungen ergibt. Im Jahr 2004 nimmt Deutschland einmal mehr die europäische Schlusslichtposition ein. Vor diesem Hintergrund erscheint die aktuelle Forderung nach tiefgreifenden Lohnsenkungen besonders absurd. "Weitere Lohnsenkungen", so der WSI-Experte für Tarifpolitik in Europa, Thorsten Schulten, "würden lediglich die zwischen blühendem Export und kränkelnder Binnennachfrage gespaltene Konjunkturlage in Deutschland weiter fortschreiben und darüber hinaus die Gefahr einer handfesten Deflation heraufbeschwören.

Im Jahr 2003 lag die Lohnentwicklung in den meisten alten EU-Staaten deutlich über den nationalen Verteilungsspielräumen. Im Durchschnitt der alten EU-Staaten stiegen die Nominallöhne 2003 um 3,1%. Gegenüber einer Preissteigerung von 1,8% und einem Produktivitätszuwachs von 0,7% ergibt sich hieraus europaweit eine positive Verteilungsbilanz von durchschnittlich 0,6 Prozentpunkten, mit denen die Verteilungsspielräume übertroffen wurden. Dabei waren es weniger die expansiven Lohnforderungen der Gewerkschaften als vielmehr die geringen Produktivitätszuwächse, die in 11 von 15 alten EU-Staaten zu einer positiven Verteilungsbilanz geführt haben.

Für das Jahr 2004 deutet sich bereits jetzt wieder eine lohnpolitische Trendwende an: Zwar erwartet das WSI in der alten EU mit durchschnittlich 2,9% einen ähnlich hohen Zuwachs der Nominallöhne wie im Vorjahr. Dieser bleibt angesichts eines sich abzeichnenden ökonomischen Aufschwungs jedoch deutlich hinter dem Verteilungsspielraum zurück, so dass die Mehrzahl der alten EU-Länder 2004 eine negative Verteilungsbilanz aufweisen werden. "Damit wird", so Schulten, "ein wichtige Chance vergeben, durch eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik die nach wie vor äußerst schwache private Konsumnachfrage in Europa zu stärken und damit eine wesentliche Vorrausetzung für mehr Wachstum und Beschäftigung zu schaffen."

Erstmalig befasst sich der aktuelle Europäische Tarifbericht des WSI auch ausführlich mit der Lohnentwicklung in den neuen EU-Mitgliedstaaten. Seit Mitte der 1990er Jahre kam es in den meisten mittel- und osteuropäischen Ländern gegenüber der alten EU zu einem beträchtlichen lohnpolitischen Aufholprozess. Auch in den Jahren 2003 und 2004 lag die durchschnittliche Lohnentwicklung mit jeweils 4,8% deutlich über dem Niveau der alten EU. Allerdings blieben die Lohnsteigerungen in den meisten neuen EU-Ländern zum Teil deutlich hinter den nationalen Verteilungsspielräumen zurück. Die Lohnpolitik war in diesen Ländern - nicht zuletzt aufgrund der zumeist nach wie vor nur schwach entwickelten tarifvertraglichen Strukturen - insgesamt nicht in der Lage, Lohnerhöhungen durchzusetzen, die der ökonomischen Leistungsfähigkeit entsprechen und einen angemessene Partizipation der Beschäftigten an der ökonomischen Entwicklungsdynamik sicherstellen.
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