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Die Blumen des Bösen: Neues Buch über fleischfressende Pflanzen erschienen

29.07.2004 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Als der Londoner Kaufmann John Ellis 1768 in einem Brief an den Botanik-Papst seiner Zeit, Carl von Linné, von einer "merkwürdigen empfindlichen Pflanze" berichtete, die sich angeblich von Insekten ernährte, reagierte der schwedische Naturforscher äußerst unwirsch: Eine solche Pflanze sei "gegen die gottgewollte Ordnung der Natur" und mithin unmöglich. Noch heute stellen Venusfliegenfalle, Sonnentau und Wasserschlauch unsere Vorstellungen vom passiv "vegetierenden" Pflanzenreich mitunter auf den Kopf. Botaniker der Universitäten Bonn und Rostock haben nun in einem faszinierenden Buch den aktuellen Wissensstand zu den trickreichen Fallenstellern zusammengefasst.


Hochaufgelöste Bilder gibt's unter http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2004/346.html#Bilder_zu_dieser_Presseinformation
Linnés Machtwort zu der von Ellis beschriebenen Venusfliegenfalle beendete die Diskussion gleich für über 100 Jahre - ihn zu widerlegen, konnte einem Provinzbotaniker nicht gelingen. Erst 1875 bestätigte ein Revolutionär der Biologie die Existenz fleischfressender (karnivorer) Pflanzen eindrucksvoll: Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie. Doch selbst danach sprach so mancher Experte noch von "wissenschaftlichem Plunder" und "tendenziösen Fiktionen".

Inzwischen sind rund 600 verschiedene Pflanzenarten bekannt, die mit Hilfe spezieller Einrichtungen Tiere anlocken, fangen und verdauen, und Jahr für Jahr kommt eine Handvoll neue Arten hinzu. Manche wie der Sonnentau fangen ihre Beute mit klebrigen Tentakeln, andere mit einer Art "Fangeisen" - so zum Beispiel die Venusfliegenfalle, die sich nach Berührung blitzschnell schließt. Zu den kompliziertesten Konstruktionen zählen die Saugfallen der Wasserschläuche, in deren Innenraum ein Unterdruck herrscht. Stößt ein im Wasser befindliches Beutetier gegen die Fühlborsten am Falleneingang, schwingt eine Ventilklappe ins Falleninnere. Dazu braucht sie nur 1/500 Sekunde - das ist schneller als der Verschluss mancher Fotoapparate. Dabei entsteht ein Sog, der das Opfer in die Falle spült, wo es verdaut wird. Die Klappe fällt derweil zurück in die Ausgangsposition.

Die Verdauungssäfte werden übrigens nicht immer von den Pflanzen selbst hergestellt, sondern teilweise auch von Bakterien oder so genannten "Kommensalen". Diese Organismen, von denen manche Arten sogar auf ein Leben in den Fangorganen spezialisiert sind, setzen sich gewissermaßen an den "gedeckten Tisch" und ernähren sich von dem, was die Pflanze fängt. Manche von ihnen steuern immerhin wichtige Verdauungsenzyme bei.

Ratten als Beute

Die Beute der Fleischfresser variiert je nach Art: Viele ernähren sich von Insekten, andere von mikroskopisch kleinen Einzellern. In den bis zu drei Liter fassenden Fallen der asiatischen Kannenpflanzen fand man aber sogar schon Eidechsen oder Ratten. Manche Karnivoren ernähren sich jedoch auch zumindest teilweise vegetarisch: So stehen bei Wasserschläuchen regelmäßig Grünalgen auf dem Speiseplan, und das Fettkraut hat ein Faible für Pollen, die einen Großteil seiner Nahrung ausmachen können. Die Buchautoren lassen auch ein Fressgelage von wahrhaft apokalyptischem Ausmaß nicht unerwähnt: 1944 beschrieb Francis W. Oliver einen mehrere Hektar großen Sonnentau-Bestand an der englischen Küste, in dem sich nach seinen Schätzungen annähernd sechs Millionen Schmetterlinge verfangen hatten. Da verwundert es nicht, dass einige fleischfressende Pflanzen auch zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden, um Schadinsekten zu dezimieren.

Das Buch dokumentiert nicht nur die Lebensräume und Fangstrategien fleischfressender Pflanzen, sondern gibt Hobbygärtnern auch wertvolle Tipps, worauf sie bei der Kultur achten sollten. Dabei hilft der umfangreiche alphabetische Überblick über die bislang bekannten Karnivoren-Gattungen mit zahlreichen Farbfotos und rasterelektronenmikroskopischen Detailaufnahmen.

Karnivoren. Biologie und Kultur fleischfressender Pflanzen (224 Seiten, 160 Abbildungen). Prof. Dr. Wilhelm Barthlott, Prof. Dr. Stefan Porembski, Dr. Rüdiger Seine, Dr. Inge Theisen. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2004.

Hoch aufgelöste Bilder zu dieser Pressemitteilung gibt's im Internet unter http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2004/346.html#Bilder_zu_dieser_Presseinformation

Ansprechpartner:

Professor Dr. Wilhelm Barthlott
Direktor der Botanischen Gärten der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-2526
E-Mail: barthlott@uni-bonn.de
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