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Dick, lahm, falsch ernährt: Kinder und Jugendliche in Deutschland

29.07.2004 - (idw) Universität Bremen

Bremer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern mehr Gesundheitsförderung in Kindergarten und Schule

Jedes fünfte Kind ist zu dick. Jeder dritte Jugendliche ist übergewichtig. Immer mehr Mädchen und neuerdings auch Jungen leiden an Essstörungen. Gleichzeitig nehmen die körperlichen Aktivitäten der jungen Menschen dramatisch ab. Die Folge: Es wächst eine Generation mit gravierenden Gesundheitsproblemen heran - eine tickende Krankheitsbombe der Zukunft. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS) und der Universität Bremen beschäftigen sich mit dem Thema "Kinder und Ernährung". Und sie schlagen - gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland - Alarm, vornehm zurückhaltend nach Art von Wissenschaftlern. Die gegenwärtige Situation erfordere viel mehr präventive Aktivitäten. Kinder müssen ein besseres Essverhalten mit auf den Lebensweg bekommen und gesunde Ernährung als etwas Selbstverständliches erleben. Dazu bedarf es der systematischen Aufklärung im Elternhaus, im Kindergarten, in der Schule, im Verein, kurz überall. Gefragt ist die übergreifende Zusammenarbeit von Ärzten, Wissenschaftlern, Pädagogen, Vertretern von Medien und Politik bis hin zur Nahrungsmittelindustrie. Möhre statt Big Mac, Apfel statt Schokoriegel, Vollkornbrot statt Pizza darf nicht nur Wunsch bleiben, sondern muss immer mehr zu Wirklichkeit werden, fordern die Bremer Forscherinnen und Forscher um Professorin Iris Pigeot - oder die Krankheitsraten werden sprunghaft ansteigen und die Gesundheitskosten der Gesellschaft weiter davon eilen.

"Kinder und Ernährung" Thema im Bundesgesundheitsblatt

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Ernährung und Lebensstil entscheidenden Einfluss auf Lebenserwartung, Lebensqualität und allgemeines Wohlbefinden haben. Diese nicht ganz überraschende Aussage wird im "Bundesgesundheitsblatt. Gesundheitsforschung. Gesundheitsschutz", Heft 3 vom März 2004 mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen nachdrücklich bestätigt. Die Ausgabe "Kinder und Ernährung" des Bundesgesundheitsblatts, das das Robert Koch-Institut herausgibt, ist von den BIPS-Forschern Professorin Iris Pigeot und Dr. Hermann Pohlabeln sowie den Ernährungsmedzinischen Beraterinnen Helga Strube und Heidegret Bosche konzipiert und redaktionell betreut worden.

In Beiträgen wird über Strategien zur Prävention von Übergewicht und mögliche Veränderungen des Essgewohnheiten diskutiert. In einem weiteren Artikel weist Professorin Petra Kolip, BIPS und Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Uni Bremen, auf die Bedeutung von Geschlechts- und Schichtzugehörigkeit für das Ernährungsverhalten hin und stellt Konzepte vor, um benachteiligte Bevölkerungsgruppen mit Präventionsprogrammen zu erreichen. In anderen Aufsätzen geht es um die Aufgabe der Schule, Ernährungsbildung zu vermitteln, sowie um das Ausmaß, die Ursachen, den Krankheitsverlauf und um Präventionsprogramme gegen die wichtigsten Essstörungen im Kindes- und Jugendalter: Magersucht, Bulimie und Adipositas (Fettleibigkeit).

Adipositas - Magersucht - Ess-Brechsucht: mehr Prävention erforderlich

Über Adipositas haben Iris Pigeot und ihr Team einen ausführlichen Beitrag verfasst. Bereits seit 1997 ist Adipositas von der Weltgesundheitsorganisation zur Epidemie erklärt worden. Und diese Epidemie hat schon lange Deutschland erreicht. Fettleibigkeit wird im Kindesalter mit Übergewicht vorbereitet und hat gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit und das Selbstwertgefühl. In einer Gesellschaft, in der Schönheit Schlanksein bedeutet, ist jeder Dicke ein Verlierer. Dieses Stigma ändert zwar bei vielen Kindern und Jugendlichen nichts an schlechten Essgewohnheiten, aber das Selbstwertgefühl schrumpft mit jedem Kilo mehr und je mehr es schrumpft, desto mehr wird in sich reingestopft - ein Teufelskreis von schlechter Ernährung, Übergewicht und Minderwertigkeitsgefühlen. Das Diktat des schlanken Schönheitswahns fördert seit Anfang der 80-er Jahre auch andere Essstörungen - vor allem bei jungen Frauen - wie Magersucht (Anorexia nervosa) und Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa).

In einem gesellschaftlichen Umfeld, das von den Idealen schön, schlank, jung diktiert wird, gibt es keine Ideallösung, um gesundheitsbewusste Ernährung in die Köpfe und gesunde Lebensmittel auf den Tisch zu bekommen. Die Ernährungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus dem BIPS setzen auf Information und Prävention. Dabei kommt dem Kindergarten, der "ersten öffentlichen Erziehungsinstitution im Leben eines Kindes" eine besondere Aufgabe zu.

Professorin Iris Pigeot beschreibt Präventionsprogramme und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung im Kindesalter wie "5 am Tag für Kids" (fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag) oder "Kaspers Tipp - iss dich fit". Auch wenn der eingeschlagene Weg der Aufklärung durchaus richtig sei, fordert Pigeot nachdrücklich, den Erfolg von Programmen zur Prävention von Adipositas und Übergewicht im Kindesalter systematisch wissenschaftlich zu evaluieren, was bislang eher die Ausnahme ist. Kriterien für den Erfolg solcher Programme sind nicht nur eine Senkung der Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas sondern auch ein verbessertes Ernährungs- und Bewegungsverhalten, die Steigerung der Freude an sportlichen Aktivitäten und eine gesündere Veränderung des Freizeitverhaltens.


Weitere Informationen:

Universität Bremen
Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin
Dr. Hermann Pohlabeln
Tel. 0421 / 59 59 655
Email: pohlabeln@bips.uni-bremen.de
Heidegret Bosche (ab 16. August 2004)
Ernährungsmedizinische Beraterin
Tel. 0421 / 59 59 634
Email bosche@bips.uni-bremen.de
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