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Verwandtenehen als Risikofaktor

30.07.2004 - (idw) Universität zu Köln

Verwandtenehen als Risikofaktor

Wandel bei den Ursachen kindlicher Hoerstoerungen

Auslaendische Kinder leiden haeufiger an genetisch bedingten Hoerstoerungen als deutsche. Verwandtenehen der Eltern, die vor allem im tuerkischen Kulturkreis traditionell stark verbreitet sind, beguenstigen die ungleiche Verteilung. Entgegengesetzt verhaelt es sich bei den vor, nach oder waehrend der Geburt erworbenen Hoerstoerungen: Waehrend sie in der Gruppe der deutschen Kinder mit etwa fuenfzig Prozent die zahlenmaessig bedeutsamste Ursache darstellen, sind sie bei den auslaendischen Kindern nur mit dreissig Prozent vertreten. Zu diesem Ergebnis gelangte Dr. Frank Richling in einer von Dr. Hans Eckel initiierten und betreuten Studie an der Klinik und Poliklinik fuer Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde der Universitaet zu Koeln.

Anhand aerztlicher Berichte und Elternfrageboegen ermittelte der Koelner Mediziner die Ursachen kindlicher Hoerstoerungen bei den Schuelerinnen und Schuelern der rheinischen Schule fuer Schwerhoerige und Gehoerlose in Koeln. Bei Abschluss der Datenerhebung war das aelteste Kind neunzehn und das juengste zwei Jahre alt; ein Drittel der Untersuchungsgruppe besass nicht die deutsche Staatsangehoerigkeit.

Dr. Richling stellte fest, dass der Anteil der genetisch bedingten Hoerstoerungen in der Gruppe der auslaendischen Kinder mit etwa vierzig Prozent nahezu doppelt so hoch ist wie der entsprechende Anteil in der deutschen Gruppe. Nach Auffassung des Koelner Mediziners laesst sich das gehaeufte Auftreten der ererbten und hier speziell der autosomal-rezessiv ererbten Hoerstoerungen bei auslaendischen Kindern durch ethnische und kulturelle Faktoren erklaeren. So erhoeht die elterliche Heirat unter Blutsverwandten die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von rezessiven Hoerstoerungen. Beruecksichtigt man die Einteilung in ethnische Gruppen, faellt auf, dass die Eltern der auslaendischen Kinder an der Koelner Schule ueberwiegend aus Zentral- und Osteuropa, seltener jedoch aus Asien oder Afrika stammten.

Die Ursachen kindlicher Hoerstoerungen unterliegen einem zeitlichen Wandel. Betroffen ist vor allem der Bereich der erworbenen Hoerstoerungen. Die klassische Ursache "Roetelnembryopathie", also die Fehlbildung des Embryos durch eine Roetelnerkrankung der Mutter waehrend der Schwangerschaft, scheint an Bedeutung zu verlieren. Ihren verhaeltnismaessig geringen Anteil an der Untersuchungsgruppe von etwa sieben Prozent fuehrt Dr. Richling auf ein effektives Immunisierungsprogramm zurueck.

Die besondere Belastung des kindlichen Organismus waehrend und nach der Geburt stellt nach Auffassung des Koelner Mediziners einen ganz entscheidenden Faktor bei der Entstehung von Hoerdefekten dar. Bei einem Fuenftel der Kinder liessen sich die Hoerstoerungen durch Fruehgeburtlichkeit, eine Herabsetzung des Sauerstoffgehalts im Organismus oder eine Kombination von mehreren Ursachen erklaeren. Da die Lebensraten von Frueh- und Mangelgeburten durch eine verbesserte Intensivmedizin und eine fruehzeitige Diagnosestellung stark ansteigen, ist mit einem weiteren Zuwachs an Kindern mit Schaeden im auditiven System zu rechnen.

Mit zehn Prozent besitzt die Hirnhautentzuendung die groesste Bedeutung bei den nach der Geburt erworbenen Hoerstoerungen. Die Arbeit des Koelner Mediziners konnte jedoch zeigen, dass Medikamenten, Virusinfektionen und Impfungen als Ursachen von Hoerdefekten eine geringe Bedeutung zufaellt.

Trotz erfreulicher Fortschritte bei der Frueherkennung von Hoerschaeden wurden die betroffenen Kinder im Durchschnitt erst mit drei Jahren einer Diagnose zugefuehrt. Bei zwanzig Prozent der deutschen aber nur acht Prozent der auslaendischen Kinder wurden die Hoerstoerungen vor ihrem ersten Geburtstag festgestellt. Gruende dafuer liegen nach Auffassung des Koelner Mediziners vor allem im kulturellen Bereich: So stellt z.B. ein behindertes Kind in den Staaten des islamischen Bereichs eine "Schande" fuer die Familie dar. Dies hat zur Folge, dass etwaige Hinweise auf Behinderung verdraengt oder verschwiegen werden. Ein weiterer moeglicher Faktor ist die Sprachbarriere: Viele auslaendische Eltern sind der deutschen Sprache nicht oder nur mangelhaft maechtig und koennen deshalb bei kinderaerztlichen Vorsorgeuntersuchungen Verhaltensauffaelligkeiten ihres Kindes nicht angeben. Effektive Reihenuntersuchungen, eine fruehe Erkennung sowie nachfolgende konsequente Behandlung und entsprechende schulische Versorgung hoergeschaedigter Kinder koennen jedoch ihr weiteres Leben entscheidend beeinflussen. Aufgrund der Moeglichkeit, auf einige Schwerhoerigkeitsformen einzuwirken und Folgeschaeden, wie z.B. Sprachstoerungen, vorzubeugen, ist es nach Auffassung des Koelner Mediziners notwendig, sich verstaerkt diesem Krankheitsbild zuzuwenden.

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Fuer Rueckfragen steht Ihnen Dr. Hans Eckel unter der Telefonnummer 0221/478-4760 (Sekretariat Frau Heske) zur Verfuegung.

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