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Terratec: Kühlschrank im Kleiekleid

19.02.1997 - (idw) Technische Universität Chemnitz

Kuehlschrank im Kleiekleid

OEkoverpackung aus Chemnitz soll Styropor ersetzen

CHEMNITZ. Sie sollen heil beim Verbraucher ankommen, all die Fernseher, Waschmaschinen, Elektroherde, Kuehlschraenke und Computer, die jedes Jahr millionenfach verkauft werden. Zumal sie nicht selten eine Reise um die halbe Welt hinter sich haben. Damit ihnen aber auch ja nichts passiert, werden sie bis zur Halskrause eingepackt - meist in Styropor. Dieser Kunststoff hat sich in den letzten Jahrzehnten einen immer hoeheren Marktanteil erkaempft, und seine Vorteile sind in der Tat bestechend: Anders als andere Kunststoffe ist er auch bei einem Brand ungiftig, und sogar fuer Lebensmittel ist das Material zugelassen. Waere da nur nicht der Nachteil, dass er - wie seine anderen kuenstlichen Verwandten auch - praktisch nicht verrottet. Fuer die teure Entsorgung, so bestimmt es die Verpackungsverordnung, muss letztendlich der Verbraucher ueber den Preis 3 Mark pro Kilo bezahlen. Da kommt leicht ein -zig-Millionen-Betrag zusammen.

Dass es auch anders geht, haben jetzt Forscher der Chemnitzer Uni demonstriert: Dort haben der Maschinenbauprofessor Klaus Nendel und der Diplom-Ingenieur Thomas Ansorge ein neues, biologisch abbaubares Verpackungsmaterial aus Getreidekleie entwickelt, das sie vom 4. bis 7. Maerz auf der Terratec in Leipzig vorstellen werden. Aus der Kleie und geringen Mengen von ebenfalls abbaubaren Zusatzstoffen wie zum Beispiel wiederaufbereiteter Baumwolle lassen sich nach einem kuerzlich zum Patent angemeldeten Verfahren Polster aehnlich der ueblichen Styroporpolster formen. Das Material hat in Tests den Aufprall eines 15- Kilo-Hammers aus 75 Zentimeter Hoehe ausgehalten. Mit der neuartigen Polsterung lassen sich groessere Teile, wie etwa Waschmaschinen oder Moebel, mit weniger Material verpacken als es bei Styropor der Fall ist. Dass auch der gepresste Stoff sich sehr gut kompostieren laesst, haben Versuche in Chemnitz bereits gezeigt.

Das Besondere an der neuen Verpackung: Die Kleie muss nicht, wie etwa Raps und andere nachwachsende Rohstoffe, extra angebaut werden. Sie faellt in grossen Mengen beim Mahlen von Getreide praktisch als Abfall an - etwa ein Viertel des Korns besteht daraus. In Reformhaeusern wird sie als Lebensmittelzusatz verkauft, weil sie zum groessten Teil aus

Zellulose besteht. Die kann zwar vom Menschen nicht verdaut werden, stellt aber einen wertvollen Ballaststoff dar. Der ueberwiegende Teil der Kleie dient aber als Tierfutter, denn Wiederkaeuer wie etwa Kuehe koennen den Stoff problemlos verwerten. Dennoch gibt es genug Kleie; der Markt ist uebersaettigt, die Preise sind niedrig. Der Anstoss zur Entwicklung des neuen Verpackungsmaterials kam denn auch folgerichtig von zwei Mueller-Bruedern der oekologisch ausgerichteten Rollemuehle in Waldkirchen im Erzgebirge. Die wussten, wohin man sich wendet, wenn man ein technisches Problem loesen will: An die Experten der Chemnitzer Uni. Wie man denn die Abfall-Kleie am besten nutzen koenne, wollten sie von den Ingenieuren wissen. Und die fanden schnell eine Loesung. Doch von der Zusammen- arbeit zwischen Uni und regionaler Wirtschaft profitieren nicht nur die Mueller, sondern auch die von Arbeitslosigkeit besonders gebeutelte Erzgebirgsregion. "Wenn die Kleiepolster erst marktreif sind, werden wir sie hier herstellen und so Arbeitsplaetze schaffen", gibt sich Thomas Rolle, Geschaeftsfuehrer der Muehle, ueberzeugt.

Die Chemnitzer Entwicklung wird bisher von der Bundesstiftung Umwelt in Osnabrueck mit einem Stipendium fuer Thomas Ansorge unterstuetzt. Bald jedoch, so hoffen die Wissen- chaftler, wird das Projekt auch regulaer gefoerdert werden. Ein entsprechender Antrag ist schon gestellt. Einen kleinen Wermutstropfen allerdings gibt es: Die Verpackungsverordnung verlangt auch fuer biologisch abbaubare Materialien einen Entsorgungsbeitrag. Der freilich faellt mit etwa 20 Pfennig pro Kilo vergleichsweise moderat aus - oekologisch strittig ist er dennoch. "Aber es steht eine Novellierung der Verpackungsverordnung an. Wir hoffen, dass diese Bestimmung dann wegfaellt", so Ansorge.

Autor: Hubert J. Giess

Weitere Informationen: Technische Universitaet Chemnitz-Zwickau, Fakultaet fuer Maschinenbau und Verfahrenstechnik, Reichenhainer Str. 70, 09107 Chemnitz, Prof. Klaus Nendel, Telefon 03 71/5 31-23 23, Fax 03 71/5 31-22 83, Dipl.-Ing. Thomas Ansorge, Telefon 03 71/5 31-49 33 oder auf der Terratec vom 4. bis 7. Maerz in Leipzig, Halle 4, Stand "Forschungsland Sachsen", B 02.


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