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Gerechtigkeit als innerdeutsches Problem - Studie

07.05.1998 - (idw) Universität Trier

,Gerechtigkeit als innerdeutsches Problem" Studie untersucht psychologische Folgen der deutschen Wiedervereinigung

An der Universitaet Trier entstand im Fach Psychologie eine Studie, die psychologische Folgen der deutschen Wiedervereinigung untersucht. Im Mittelpunkt des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit 1994 finanzierten Projekts ,Gerechtigkeit als innerdeutsches Problem" stehen Einstellungen Ost- und Westdeutscher zu den Lebensbedingungen im wiedervereinigten Deutschland. Konkret geht es um die Frage, ob die Lebensbedingungen in Ost und West als ungleich gut wahrgenommen werden, fuer wen unterschiedlich gute Lebensbedingungen ein Gerechtigkeitsproblem darstellen und ob wahrgenommene Ungerechtigkeiten das Wohlbefinden und die seelische Gesundheit beeintraechtigen.

Die Studie wurde erarbeitet von Prof. Dr. Manfred Schmitt, der zwischenzeitlich auf die Professur fuer Psychologische Methodenlehre, Psychodiagnostik und Evaluationsforschung an die Otto-von-Guericke-Universitaet Magdeburg gewechselt ist, und seinen Mitarbeitern. Das Projekt wird aber bis auf weiteres in Trier weitergefuehrt. Inzwischen liegen wichtige Befunde zu dieser Frage vor, deren Ergebnisse hier zusammenfassend aufgefuehrt werden:

1. Ost- und Westdeutsche schaetzen die berufliche Situation im Osten als deutlich schlechter ein und bewerten diese Schlechterstellung des Ostens als ungerecht.

2. Westdeutsche haben ein besseres Bild von den Ostdeutschen als von sich selbst. Bei Ostdeutschen ist es umgekehrt. Ihr Bild von sich faellt deutlich positiver aus als ihr Bild von Westdeutschen.

3. Im Vergleich zu Westdeutschen sind Ostdeutsche nach objektiven Kriterien im Berufsleben vielfaeltig benachteiligt. 4. Mit Blick auf die Situation im Berufsleben ueberwiegen in Ost und West die beiden Gefuehle Angst und Hoffnungslosigkeit. Beide Gefuehle sind im Osten deutlich staerker ausgepraegt als im Westen.

5. Die Lebenszufriedenheit Ostdeutscher ist in vielen Bereichen schlechter als jene Westdeutscher. Dennoch sind das allgemeine Wohlbefinden und die seelische Gesundheit in beiden Landesteilen gleich gut.

6. Das allgemeine Wohlbefinden sinkt in dem Masse, in dem eine Person sich ueber die Zukunft im Berufsleben aengstigt und auf die besseren beruflichen Bedingungen im anderen Landesteil neidisch ist. Auch Schuldgefuehle ueber gute eigene berufliche Moeglichkeiten bedeuten ein Risiko fuer die seelische Gesundheit. Stolz auf die gute berufliche Situation im eigenen Landesteil hingegen schuetzt das Wohlbefinden. Diese Zusammenhaenge gelten in Ost und West.

7. Weiterhin haengt die seelische Gesundheit von der Lebenszufriedenheit von vier wichtigen Lebensbereichen ab: der Zufriedenheit mit sich selbst, der Zufriedenheit mit der persoenlichen beruflichen Situation, der Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit, der Zufriedenheit mit der Partnerschaft oder Ehe.

8. Schliesslich traegt das Bild, das man von den Mitmenschen im eigenen Landesteil hat, zur seelischen Gesundheit bei. Ein kollektives Selbstbewusstsein schuetzt das Wohlbefinden. Dieser Zusammenhang erklaert moeglicherweise den ueberraschenden Befund, dass Ostdeutsche trotz groesserer objektiver und subjektiver Belastungen nicht weniger seelisch gesund sind als Westdeutsche. Kompensierend wirkt bei Ostdeutschen moeglicherweise das ausgepraegt kollektive Selbstbewusstsein.

9. Im Rueckblick ist das Wohlbefinden Westdeutscher waehrend der letzten zehn Jahre kontinuierlich gestiegen. Bei Ostdeutschen gab es einen Einbruch in den Jahren 1991 und 1992. Seitdem steigt das Wohlbefinden kontinuierlich an.

10. Zwischen Gerechtigkeitsurteilen und Gefuehlen besteht ein deutlicher Zusammenhang: Wer den eigenen Landesteil im beruflichen Sektor ungerechterweise als benachteiligt erlebt, reagiert mit Angst und Neid. Da diese beiden Gefuehle mit dem allgemeinen Wohlbefinden und der seelischen Gesundheit besonders eng zusammenhaengen, kann geschlossen werden: Wahrgenommene Ungerechtigkeiten im wiedervereinigten Deutschland gefaehrden die seelische Gesundheit.

11. Schuldgefuehle wegen der relativ besseren beruflichen Bedingungen im eigenen Landesteil motivieren Westdeutsche zu Solidaritaet und Verzichtsbereitschaft zugunsten des Ostens.


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