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Die Macht der Banken

14.09.1995 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Bochum, 14.09.1995, Nr. 140

Die Macht der Banken

Rund 200 Jahre Geschichte deutscher Kreditinstitute

Mit neuen Erkenntnissen aus den Archiven der Ex-DDR

Wer hat die eigentliche Macht im Staate? Die Banken oder die Politik? Lange Zeit tat sich die Wissenschaft schwer, den Einfluss der Banken auf die OEkonomie zu bestimmen und zu bewerten. Zu gross waren die Forschungsluecken zur Bankengeschichte in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Die juengere Forschung kann jedoch mittlerweile endlich auf die Archive der ehemaligen DDR zurueckgreifen und eine Zwischenbilanz vorlegen. Das unternimmt die Publikation ,Banken, Konjunktur und Politik.: Beitraege zur Geschichte deutscher Banken im 19. und 20. Jahrhundert.", die von Manfred Koehler und Keith Ulrich (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl fuer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Ruhr-Universitaet Bochum) herausgegeben wurde und an der mehrere Wissenschaftler der RUB mitgearbeitet haben. Aufgegliedert in vier Unterteile, beginnend mit dem 19. Jahrhundert, ueber die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis hin zu ,Neuen Entwicklungen", beziehen die elf Autoren sowohl historische als auch aktuelle Gesichtspunkte in ihre Betrachtungen ein.

Die Veroeffentlichung umfasst rund 200 Jahre Bankgeschichte, allerdings legen die Autoren den Schwerpunkt ihrer Untersuchungen auf die Zeit vom Beginn des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Gerade dieser Zeitraum konnte in der Vergangenheit wegen der schlechten Zugaenglichkeit zu Privatarchiven und den Archiven der ehemaligen DDR nur ungenuegend erforscht werden. Obwohl sich die Publikation auf die deutsche Geschichte bezieht, wird in einem Beitrag der Blick auch auf das englische Bankwesen gerichtet, dessen Geschichte frueher einsetzte und sich anders entwickelte. Das 19. Jahrhundert wird beispielhalft unter dem Aspekt der Beziehung zwischen dem Koelner Bankhaus Oppenheim und dem Aachener Revier sowie dem des Kapitalexports vor 1914 behandelt. Die Verflechtung von Banken und Industrie in der Weimarer Republik, ihre Zusammenarbeit und ihre Auseinandersetzungen sind ebenso Thema des Buchs wie die Rolle der Kreditinstitute waehrend der grossen Wirtschaftskrisen: Waren die Banken die Gewinner oder die Verlierer der Inflation? Der Kollaps der Mark hat dem Bankgewerbe keine ,goldenen Jahre" verschafft, gleichwohl haben aber die meisten Kreditinstitute diese Zeit relativ gut ueberstanden. Vor allem die Berliner Grossbanken profitierten bei der Anlage ihrer Mittel vom Waehrungsverfall, schafften es, ihre Expansionsbestrebungen fortzusetzen und sicherten so ihre Position im Bankwesen. Die Banken im Nationalsozialismus waren starken Regulationen seitens des Staates ausgesetzt. Mitherausgeber Manfred Koehler verdeutlicht diese Eingriffe anhand des Kommunalkredits. Mit der Verabschiedung der ,Nuernberger Rassengesetze" setzte auch die Verdraengung der juedischen Banken ein. Keith Ulrich verdeutlicht das am Beispiel des juedischen Privatbankhauses Simon Hirschland. Er zitiert dazu u.a. den Artikel ,Der Privatbankier und seine Aufgaben im neuen Staat" des zum Leiter der Fachgruppe der Privatbankiers aufgestiegenen Bankiers Schroeder: "Dass es wie in der gesamten Wirtschaft so auch innerhalb des Privatbankierstandes noch das Rassenproblem zu loesen gilt, versteht sich von selbst." Beispielhaft zeigt der Beitrag, wie juedische Banken aufgrund dieser vorgeschobenen rassenpolitischen Argumente ,arisiert" wurden, beim Fall des Privatbankhauses Simon Hirschland zur Privatbank Burkhardt.

Den Bogen zur Gegenwart schlaegt Stephan Paul (Fakultaet fuer Wirtschaftswissenschaft der RUB) im letzten Kapitel: Er fragt - nicht nur provokativ - "Wozu braucht man noch Banken"? Darin nimmt er die gegenwaertige Diskussion ueber die "zunehmende Verbriefung von Finanzbeziehungen ('Sekurization') auf, die langfristig zu einer teilweisen und sogar vollstaendigen Ausschaltung der Banken fuehre ('Disintermediation')".

Manfred Koehler; Keith Ulrich (Hg.), Banken, Konjunktur und Politik: Beitraege zur Geschichte deutscher Banken im 19. und 20. Jahrhundert, Klartext Verlag Essen, 1995 (ISBN 3-88474-241-8).


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