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Europaweite Studie zur Tumorbekämpfung beginnt

22.01.1998 - (idw) Universität Essen (bis 31.12.2002)

22. Januar 1998

Europaweite Studie zur Tumorbekämpfung beginnt

Am Donnerstag, 29. Januar, wird Europa-Kommissarin Edith Cresson an einem Forschungsreaktor im niederländischen Petten bei Amsterdam eine Bestrahlungsanlage zur Behandlung von Tumorpatienten eröffnen. Diese Anlage ist sowohl medizinisch wie im Hinblick auf die hier stattfindende internationale Zusammenarbeit richtungweisend.

In Petten sollen zunächst 40 Patienten behandelt werden, die an einem besonders heimtückischen Hirntumor leiden, dem bislang als unheilbar geltenden Glioblastom. Die Erkrankten nehmen damit gleichzeitig an einer Studie zur praktischen Erforschung der sogenannten Bor-Neutroneneinfang-Therapie teil.

Nachdem erhebliche, den Beginn der europaweiten Zusammenarbeit verzögernde, administrative Hindernisse überwunden wurden, kann dieses erste multinationale Projekt auf europaweiter Ebene jetzt unter Beteligung Neurochirurgischer Kliniken aus fünf Ländern anlaufen. Die beteiligten Kliniken aus Amsterdam, Bremen, München, Graz, Nizza und Lausanne schicken ihre Glioblastom-Patienten nach Petten. Untergebracht werden die Tumorkranken für die Dauer der Therapie am Krankenhaus der Freien Universität VU in Amsterdam, von wo aus sie täglich zum Behandlungszentrum gebracht werden. Dort übernehmen Strahlentherapeuten unter Leitung von Privatdozent Dr. Wolfgang Sauerwein und Strahlenphysiker unter Leitung von Professor Jürgen Rassow vom Essener Universitätsklinikum die Behandlung. Die Gemeinsame Forschungsstelle (GFS) der Europäischen Kommission leistet zusammen mit der Stiftung Energieforschung der Niederlande wissenschaftliche und technische Unterstützung beim Betrieb des Reaktors. Koordiniert wird das Projekt, das aus Mitteln des BIOMED-II-Programms der Europäischen Kommission finanziert wird, von der Universität Bremen.

Rund zehn Jahre dauerten die Vorbereitungen auf den Beginn der Studie. Die europäischen Wissenschaftler haben sich dabei, wie der Leitende Oberarzt an der Essener Strahlenklinik, Privatdozent Dr. Wolfgang Sauerwein, in einer Pressekonferenz berichtete, zunächst auf Arbeitsergebnisse aus Amerika und Japan gestützt. Bereits 1938 wurde die Idee publiziert, die Reaktion zwischen langsamen (thermischen) Neutronen und Nukliden für die Strahlenbehandlung zu nutzen. Die Neutronen werden von den Nukliden absorbiert, dabei wird ionisierende Strahlung freigesetzt. Wenn es gelingt, eine solche Reaktion ausschließlich im Tumorgewebe zu erzeugen, wäre bei optimaler Schonung des gesunden Gewebes die Abtötung der Tumorzelle möglich.

Von Beginn an konzentrierten sich die Überlegungen auf ein spezielles Bor-Isotop (10B), von dem man wußte, daß seine Neutroneneinfangreaktion mit hoher Wahrscheinlichkeit auftritt. Die dabei erzeugte ionisierende Strahlung aus einem Helium- und einem Lithiumkern hat im Gewebe nur ein hundertstel Millimeter Reichweite, was dem Durchmesser einer Säugerzelle entspricht. Auf dieser kurzen Strecke entfaltet die Strahlung aber eine sehr große Zerstörungskraft. Eine einzige Reaktion reicht aus, um eine Tumorzelle zu töten.

Bevor dieses Wissen für die Tumortherapie eingesetzt werden konnte, mußten zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Es mußte gelingen, das benötige Bor-Isotop im Tumorgewebe anzureichern, und es mußte eine Strahlungsquelle zur Verfügung stehen, die eine ausreichende Zahl geeigneter Neutronen produziert. Das ist bislang nur in einem Forschungsreaktor möglich, wie ihn sich die an der Europa-Studie beteiligten Wissenschaftler jetzt in Petten zunutze machen können.

Erste Versuche, die amerikanische Wissenschaftler in den fünfziger Jahren mit der Neutroneneinfangtherapie unternahmen, endeten trotz der Schlüssigkeit der Theorie im Desaster. Heute gilt als gesichert, daß die damals zum Einsatz gekommenen Substanzen ungeeignet und die physikalischen Voraussetzungen unzureichend waren. In den achtziger Jahren aber gelang es in Japan, mit der Neutroneneinfangtherapie in Einzelfällen das gegen jede andere Therapieform äußerst resistente Glioblastom zu heilen. Entsprechende Berichte veranlaßten verschiedene europäische Arbeitsgruppen, sich dem Thema ihrerseits mit erhöhter Aufmerksamkeit zuzuwenden und dabei miteinander zu kooperieren.

Die in Petten anlaufende Studie soll nun wesentliche weiterführende Informationen über die Anwendbarkeit der Neutroneneinfang-Therapie bringen.

Hinweis: Sollten Sie Interesse haben, an der Eröffnung der Bestrahlungsanlage in Petten teilzunehmen, verständigen Sie bitte möglichst möglichst kurzfristig die Pressestelle der Universität Essen (Telefon: 02 01/ 1 83-20 85). Wir werden dann veranlassen, daß Ihnen eine Einladung und Hinweise zum Programm pünktlich zugeschickt werden.


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