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Gefühlvolle Wissenschaft

11.07.1996 - (idw) Universität zu Köln

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Gefuehlvolle Wissenschaft

Koelner Mediziner entwickelt Theorie der Gefuehle

Unsere Gesellschaft ist kein 'gefuehlloser Moloch', sondern fordert im Gegenteil gerade den nuetzlichen und oekonomischen Umgang mit Gefuehlen. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Karsten Wolf in einer Studie, die an der Klinik und Poliklinik fuer Neurologie und Psychiatrie der Universitaet zu Koeln entstand.

In unserer technisierten, modernen Gesellschaft scheinen Gefuehle oft sinnlos und stoerend, denn sie lassen sich weder berechnen noch in ein funktionales System pressen. Auf der anderen Seite fordert die Gesellschaft individuelle Persoenlichkeiten, die sich jedoch nur entwickeln koennen, wenn Gefuehlen Raum gewaehrt wird. Je freier unsere Gesellschaft wird, desto schwerer gelingt es dem Einzelnen, mit seinen Gefuehlen umzugehen. Der Mediziner, der zuvor Germanistik, Philosophie und Sport studiert hatte, stellte fest, dass vom Einzelnen zwar ein angemessener Umgang mit seinen Gefuehlen gefordert wird, dass jedoch wenig Moeglichkeiten geboten werden, dies zu erlernen.

Aufwertung und Verstaendnis der Gefuehle kann dem Einzelnen moeglicherweise etwas bieten, was dieser in Sekten sucht. Die Sekte vermittelt ein Gefuehl von emotionaler Geborgenheit. Ihre Mitglieder bedienen sich einer ganz eigenen Sprache. An Nicht-Mitglieder kann die mystische Erfahrung der Sekte demnach nicht vermittelt werden.

Dr. Wolf fand heraus, dass Sektenmitglieder dem falschen Glauben erliegen, innerhalb der Sekte werden mehr Gefuehle produziert als in der vernunftsbestimmten Welt ausserhalb der Sekte. Dies liegt daran, dass Sektenmitglieder keine Abstufungen innerhalb ihrer Gefuehlswahrnehmungen kennen, die sich jedoch bei Nicht-Mitgliedern feststellen lassen. Zudem betont die Studie, dass die These, nur persoenlichkeitsschwache Menschen seien sektengefaehrdet, falsch ist. UEbertreibende Darstellung und Suggestion koennen auch starke Persoenlichkeiten in den Bann extremer Religionsgemeinschaften ziehen.

Unsere Gesellschaft ist nach Auffassung von Dr. Wolf nicht arm an Gefuehlen. Die einzelnen Menschen haben nur nicht gelernt, richtig mit ihnen umzugehen. Gefuehle spiegeln die Wirklichkeit in ihrer ganzen Vielfalt wider. Oft sind sie die erste Bewusstseinsstufe bei Problemsituationen. Gleichzeitig beinhalten sie Ansaetze zu Loesungen, aus denen der Einzelne je nach Situation die vorteilhafteste auswaehlt. Wird dieser Mechanismus nicht geschult, kann es zu pathologischen Zustaenden kommen. Die Theorie der Gefuehle verfolgt das Ziel, Gefuehlen einen Sinn zuzuschreiben, ihren Wert zu erhoehen. Somit wird ein Ansatz zum Verstaendnis der Krise des Individuums geleistet. Gefuehle stellen fuer Dr. Wolf keine Bedrohung, sondern fuer den Einzelnen eine Chance dar, Lebenskrisen zu ueberwinden.

Fuer Rueckfragen steht Ihnen Dr. Karsten Wolf am 12. Juli 1996 unter der Telefonnummer 0221/478-6123 oder 478-6124 zur Verfuegung.

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