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Telearbeit

01.09.1997 - (idw) Institut Arbeit und Technik

13. Juni 1997

Telearbeit: Neue Chancen fuer die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder eine neue Sackgasse fuer Frauen? IAT-Untersuchung zu den Auswirkungen neuer Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Beschaeftigungssituation von Frauen

Die Telearbeit am Computer zu Hause wird in den naechsten Jahren weiter erheblich zunehmen. Ob diese Arbeitsform aber tatsaechlich die Patentloesung fuer das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist, bleibt fraglich. Fuer die Telearbeiterinnen "mit der einen Hand am Computer, der anderen am Kochtopf" koennte sich die Mehrfachbelastung noch verschaerfen. "Keinesfalls kann Telearbeit Ersatz fuer ausreichende Kinderbetreuungsangebote sein. Und wenn nicht auch Maenner zu nennenswerten Anteilen Telearbeit leisten werden, koennte sich Telearbeit als neue Sackgasse fuer Frauen erweisen," vermuten IAT-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

In einer umfangreichen Studie des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen) im Auftrag des Gleichstellungsministeriums NRW wurden die Auswirkungen neuer Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Beschaeftigungssituation von Frauen untersucht. Fuer den Bereich der Telearbeit gehen Prognosen von bis zu rund drei Millionen potentiellen Telearbeitsplaetzen in Deutschland aus. Experten schaetzen, dass Telearbeit in jedem dritten Unternehmen grundsaetzlich moeglich ist und dass innerhalb dieser Unternehmen rund neun Prozent der Beschaeftigten davon betroffen sein koennten. Fuer Nordrhein-Westfalen entspraeche das einem Potential von rund 99.000 Telearbeitsplaetzen.

Die Telearbeit in Deutschland wird in den naechsten zehn und mehr Jahren zu einer gaengigen Arbeitsform werden, die gleichberechtigt neben anderen Formen der Erwerbsarbeit steht, schaetzen Experten, die im Rahmen der Studie befragt wurden. Die groessten Chancen werden dabei der alternierenden Telearbeit - nicht nur zu Hause, sondern auch im Unternehmen - eingeraeumt. Vor allem Frauen werden die grosse Mehrheit des Telearbeitspersonals stellen, da sich an der geschlechtsspezifischen Aufteilung der Familienarbeit bis heute nur wenig geaendert hat und Frauen aus Gruenden der Vereinbarkeit von Beruf und Familie eher an Telearbeit interessiert sind.

Eine wichtige Frage ist deshalb, welche Formen der Telearbeit sich durchsetzen werden - sozial abgesicherte Formen in qualifizierten Arbeitsbereichen oder schlecht abgesicherte Formen wie etwa geringfuegige Beschaeftigung, Scheinselbstaendigkeit und Werkvertraege. 84,4 Prozent der befragten Experten halten es in den naechsten zehn Jahren fuer absehbar, dass Telearbeit zur verstaerkten Aufloesung bisher arbeitsvertraglich abgesicherter Beschaeftigungsverhaeltnisse fuehren und den Status der (Schein)-Selbstaendigkeit als Erwerbsform beguenstigen wird. Von schlecht abgesicherter Telearbeit ohne regulaeres Arbeitsverhaeltnis scheinen dabei tendenziell eher diejenigen betroffen zu sein, die zuvor noch nicht in einem "normalen" Arbeitsverhaeltnis im Betrieb standen.

Aehnliches gilt auch fuer den Aufstieg in Fuehrungspositionen. Zwar halten es 55,3 Prozent der befragten Experten fuer moeglich, dass auch die Chefs kuenftig einen Teil ihrer Arbeit zu Hause am Computer ableisten. Doch ebenso wie der Mechanismus des "Aufstiegs durch Praesenz" bis heute haeufig verhindert, dass Teilzeitbeschaeftigte die Chance erhalten, in Fuehrungspositionen aufzusteigen, steht dies auch fuer Beschaeftigte in Telearbeit zu befuerchten. Wenn Frauen unter den Telearbeitenden voraussichtlich die Mehrheit stellen werden, haben sie kaum Aufstiegschancen, die Telearbeit koennte sich als "neue Frauenfalle" erweisen.

Darueber hinaus koennte die Telearbeit fuer die betroffenen Frauen auch erhebliche Nachteile in ihrer sozialen Sicherung bedeuten. Zwar eroeffnen die neuen technologischen Moeglichkeiten zusaetzliche Chancen fuer Frauen, Beruf und Familie besser zu vereinen und Zeiten der Nichterwerbstaetigkeit zu reduzieren. Andererseits wirkt sich der verstaerkte Drang in ungeschuetzte Arbeitsverhaeltnisse auch negativ auf die soziale Sicherung aus. Welche Effekte letztlich ueberwiegen, haengt auch davon ab, wie die zukuenftige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt beschaeftigungs-, sozial-, arbeitsmarkt-, tarif- und personalpolitisch gestaltet und flankiert wird, so die IAT-Studie. Von besonderer Bedeutung ist darueber hinaus die soziale Infrastruktur wie z.B. Kinderbetreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen. Im internationalen Vergleich hat zumindest Westdeutschland hier einen erheblichen Nachholbedarf.

Fuer weitere Fragen stehen Ihnen zur Verfuegung:

Karin Scharfenorth (1707-163) Dr. Claudia Weinkopf (1707-142) Ileana Hamburg (1707-265) Martina Klein (1707-284) Juergen Nordhause-Janz (1707-118) Alexandra Fuzinski


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