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Wo Goethe und Hegel zu Tee sassen

16.06.1997 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

FSU-Mediendienst

Wo Goethe und Hegel beim Verleger Frommann zu Tee sassen: ,Genuiner Ort" wird fuer die Uni Jena rekonstruiert

Jena (16.06.97) Ein Kleinod der Jenaer Stadt- und Kulturgeschichte soll wieder instandgesetzt und sinnvoll genutzt werden: Das Frommannsche Haus am Fuerstengraben, zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Zentrum des gesellschaftlichen und geistigen Lebens, wird fuer rund zehn Millionen Mark saniert und soll nach der Jahrtausendwende das Institut fuer Germanistische Literaturwissenschaft sowie das Kunsthistorische Seminar mit Kustodie der Uni Jena beherbergen. Der Beginn der Arbeiten ist fuer diesen Herbst geplant; die Baukosten werden durch die Wuestenrot Stiftung mit 1,5 Millionen Mark unterstuetzt, und den Rest teilen sich Bund und Freistaat zur Haelfte.

Fuer die Universitaet bedeutet die UEbernahme des Anwesens, das aus fuenf Haeusern und einem grossen Garten besteht, nicht bloss einen rein praktischen Zuwachs um 1.144 qm Hauptnutzungsflaeche in zentraler Lage, sondern vor allem einen ungeheuren ideellen Gewinn. Denn hier initiierte der bedeutende Verleger und Buchhaendler Carl Friedrich Ernst Frommann (1765-1837) einen literarischen und philosophischen Zirkel ersten Ranges und hatte auch Teile seiner Produktionsstaetten vor Ort. Johann Wolfgang Goethe etwa, ein vertrauter Freund des Hauses, der zu den haeufigen Gaesten der Frommannschen Teestunde zaehlte, empfahl Johann Peter Eckermann mit den Worten: ,Es wird Ihnen in diesem Kreise gefallen, ich habe dort schoene Abende verlebt. Auch Jean Paul, Tieck, die Schlegel, und was in Deutschland sonst Namen hat, ist dort gewesen und hat dort gerne verkehrt."

Zu dieser illustren Runde des klassisch-romantischen Geisteslebens gehoerten ebenso der Komponist Karl Friedrich Zelter, die idealistischen Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, und als im Oktober 1806 die Schlacht bei Jena gegen die Napoleonischen Invasoren tobte, fluechtete sich der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel, lediglich das fertige Manuskript seiner ,Phaenomenologie des Geistes" im Gepaeck, ins Frommansche Haus. Frommanns Sohn Friedrich Johann, der spaetere Mitbegruender des Boersenvereins des Deutschen Buchhandels, erinnerte sich an fruehe Lateinstunden: ,Ich bin gewissermassen einer von Hegels ersten Schuelern, denn er nahm mich einmal zwischen seine Knie und liess mich `mensa' deklinieren."

Verstaendlich, dass sich die Jenaer Germanisten darauf freuen, kuenftig an solch geschichtsmaechtiger Staette residieren zu duerfen. Schliesslich setzte sich einer der ihren, Prof. Dr. Klaus Manger, vehement fuer die Rekonstruktion der Gebaeude ein: ,Die ersten UEberlegungen, dieses Anwesen fuer die Universitaet nutzbar zu machen, wurden im Oktober 1992 geboren", erinnert er sich heute, ,jetzt wird eine Vision Realitaet." Als einen ,genuinen Ort, dessen fruchtbare geistige Atmosphaere uns besonders inspirieren wird", sieht auch Institutsdirektor Prof. Dr. Gerhard R. Kaiser das Frommannsche Anwesen. Die Nachbarschaft zum Institut fuer Philosophie in der Zwaetzengasse, zum kuenftigen Bibliotheksneubau mit den dann dort unterzubringenden historischen Literaturbestaenden, aber auch die Arbeit der Germanisten Tuer an Tuer mit den Jenaer Kunsthistorikern ist eine verlockende Aussicht.

Die wechselvolle Baugeschichte des Frommannschen Anwesens geht bis ins Mittelalter zurueck. Der mehrfach umgebaute Hauptfluegel wurde im 19. Jahrhundert um Torhaus und Zenkersches Haus ergaenzt. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen die Haeuser Nr. 14 und 16 hinzu. In der DDR-Zeit wurde das kunsthistorisch wertvolle Ensemble fuer Wohnungen genutzt, nach der Wende erhielten es 1992 die ehemaligen Eigentuemer zurueck, von denen es 1994 der Freistaat Thueringen fuer seine Landesuniversitaet erwarb. Eine Schwammsanierung hatte bereits die Stadt Jena vornehmen lassen, nun erfolgt die Rekonstruktion des Anwesens im Sinne der Zeit um 1800.


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