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Moralische Werte in der Gesellschaft

18.04.1998 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

FSU-Mediendienst

Soziologen-Tagung an der Uni Jena: Moralische Werte muessen die Gesellschaft zusammenhalten

Jena (18.04.) UEber 60% der tuerkischen Jugendlichen in Berlin-Kreuzberg begeben sich gar nicht mehr auf Lehrstellensuche. - Ein Indiz dafuer, dass eine interkulturelle Integration in Deutschland immer schlechter funktioniert. Die Folgen sind absehbar: Die (Selbst-)Ausgrenzung und Ghettoisierung sozialer Randgruppen birgt einen gesellschaftspolitischen Sprengstoff, der sich etwa in Jugendkriminalitaet und Bandenkriegen entladen kann. Diese alarmierenden Thesen praesentierte an diesem Wochenende der Bielefelder Soziologe Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer auf einer Tagung der Deut-schen Gesellschaft fuer Soziologie, Sektion "Politische Theorien", an der Friedrich-Schiller-Universitaet Jena.

Zum Thema "Fundamentalismus, Kommunitarismus, Universalismus" hatte Tagungspraesident Prof. Dr. Hans-Joachim Giegel (Jena) geladen. Welche Rolle moralische Werte noch in unserer modernen, ausdifferenzierten Industriegesellschaft spielen und wie sich die sozialen Subsysteme - z. B. Wirtschaft und Gesundheitswesen - ethischen Gerechtigkeitsprinzipien unterziehen lassen, stand im Mittelpunkt der Diskussion. Dass Menschen immer eine Wertebindung entwickeln, dass aber die gesellschaftliche Moral attraktiver werden muesse, um durchgesetzt werden zu koennen, unterstrich Prof. Dr. Hans Joas (Berlin) in seinem Eroeffnungsvortrag.

Eine unkontrollierte Verselbstaendigung der Teilsysteme nach nicht gesellschaftlich legitimierten Prinzipien trage bedenkliche Folgen. Darauf wies Dr. Volker Schmidt (Mannheim) hin. Der Behauptung, dass Marktgesetzmaessigkeiten alles von selbst regeln wuerden, wollte sich der Mannheimer Soziologe keinesfalls anschliessen: Auch die Wirtschaft und die Medizin brauchten gesellschaftliche Wertmassstaebe, die sie nicht eigenmaechtig konstruieren duerften.

Vielmehr muesse ein Prozess in Gang gesetzt werden, nach dem der Gerechtigkeitssinn des Ein-zelnen in politisches Handeln umschlage und zur Kontrolle und zur Integration der gesellschaftlichen Subsysteme fuehre, beschrieb Dr. Hartmut Rosa (Jena) einen denkbaren Weg aus dem Dilemma. Die Frage, nach welchem Solidaritaetsreglement unser Gemeinwesen zu organisieren sei, muesse hoeher bewertet werden als individueller Eigennutz: "Das ist der Widerstreit zwischen dem Ich als Staatsbuerger, das sozial denkt, und dem Ich als Marktbuerger, das nach Kosten-Nutzen-Aspekten abwaegt."

Trotz unueberhoerbarer Warnungen vor einer uebertriebenen Moralisierung von Sachfragen waren sich die Soziologen beinahe einig darin, dass nur ein Kanon allgemein gueltiger und akzeptierbarer philosophischer Wertmassstaebe die moderne Gesellschaft in Frieden zusammenhalten koenne. Sonst drohe eine Zersplitterung des Gemeinwesens und ein Rueckfall in radikal-fundamentalistische Orientierungen, wie er sich bei der kulturellen Minderheit der tuerkischen Jugend in Berlin bereits andeutet.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Hans-Joachim Giegel, Tel.: 03641/945510

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