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Ausgliederung aus der Psychiatrie

27.01.1998 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Wuerzburger Wissenschaftler begleiten das Projekt in Bayern

Geistig behinderte Langzeitpatienten, die zum Teil seit Jahrzehnten in der Psychiatrie untergebracht sind, sollen dort nicht laenger bleiben - so will es der Freistaat Bayern. Das grossangelegte Projekt wird von Paedagogen der Universitaet Wuerzburg wissenschaftlich begleitet.

Die Betroffenen in den psychiatrischen Einrichtungen stecken in einem relativ starren Alltagsrhythmus mit wenig tagesstrukturierenden Angeboten. Sie haben kaum Rueckzugsmoeglichkeiten, Privatsphaere und Privatbesitz, wie zum Beispiel eigene Kleidung. All das steht in krassem Gegensatz zu den Leitzielen des Staates, die da lauten: Selbstbestimmung und Normalisierung. Der letztgenannte Punkt bedeutet, dass Menschen mit einer Behinderung moeglichst aehnliche Lebensbedingungen und Wahlmoeglichkeiten wie nicht behinderte Menschen haben sollten.

Um eine solche Normalisierung zu erreichen, werden derzeit alle geistig behinderten Langzeitpatienten aus den psychiatrischen Kliniken Bayerns ausgegliedert. Dabei handelt es sich um etwas mehr als 700 Menschen. Die Ausgliederung selbst erfolgt unter der Regie und nach dem Rahmenkonzept der bayerischen Bezirke: Demnach sollten geistig Behinderte, die nicht auf eine Behandlung im Krankenhaus angewiesen sind, in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe versorgt werden. "Enthospitalisierung", dieses Schlagwort steht ueber dem Projekt.

Was bringt eine solche Enthospitalisierung? Walter Strassmeier, Professor fuer Geistigbehindertenpaedagogik an der Universitaet Wuerzburg und Leiter der wissenschaftlichen Begleitung: "Bisherige Projekte haben ergeben, dass insbesondere das Problemverhalten der Betroffenen - vor allem aggressive und autoaggressive Verhaltensweisen - unter den veraenderten Lebensbedingungen haeufig abgebaut werden kann." Zudem sei ein oft erstaunlicher Erwerb zum Beispiel von sozialen Kompetenzen moeglich. Aber die Betroffenen entwickeln auch die Faehigkeit, sich selbst zu versorgen, etwa was Hygiene und Koerperpflege angeht, und fuer ihr Eigentum zu sorgen - schliesslich ist es fuer die ausgegliederten Patienten eine ganz neue Erfahrung, persoenlichen Besitz zu haben und sich um diesen kuemmern zu muessen.

Prof. Strassmeier arbeitet bei dem Projekt mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Bettina Lindmeier sowie 16 Wuerzburger und 7 Muenchener Studierenden zusammen. Ihre Aufgabe ist es, Zahl und Aufenthaltsort der Betroffenen zu bestimmen und deren Eigenschaften - Diagnose, Auffaelligkeiten, Kompetenzen und Hilfebedarf - sowie Veraenderungen zu dokumentieren, vor allem, was den Kompetenzerwerb im Zusammenhang mit der Ausgliederung betrifft. Es geht aber auch darum, die Qualitaet der Versorgungsstrukturen zu beurteilen, in denen die geistig Behinderten aufgenommen werden. All diese Arbeiten werden im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums fuer Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit durchgefuehrt.

Die Aufgabe gestaltet sich nicht leicht. Weil jeder Bezirk die Enthospitalisierung in Eigenregie betreibt, sind nach Angaben von Prof. Strassmeier Zeitplaene und Wahl der aufnehmenden Einrichtungen unterschiedlich. So war zum Beispiel in einigen Bezirken die Enthospitalisierung bei Beginn der wissenschaftlichen Begleitung bereits abgeschlossen, waehrend in anderen Bezirken nicht einmal sicher sei, dass es ueberhaupt zu Ausgliederungen kommen wird. Ausserdem sei durch die Veraenderungen im Zusammenhang mit der Pflegeversicherung und zunehmend kleineren Finanzspielraeumen die Tendenz vorhanden, nach kostenguenstigen Loesungen zu suchen. Diese seien aber nicht immer geeignet, die Lebensqualitaet der Betroffenen wesentlich zu verbessern.

Durch diese unuebersichtliche und uneinheitliche Situation konnten die Wissenschaftler nicht, wie urspruenglich geplant, nur ein einziges Erhebungsinstrument einsetzen. Nun sind eine Vollerhebung, Quotenstichproben zu speziellen Fragestellungen sowie Einzelfallstudien noetig. Die Enthospitalisierung der Patienten soll Ende 1998 abgeschlossen sein. Um aber die wissenschaftliche Begleitung sinnvoll auswerten zu koennen, muss sie laut Prof. Strassmeier ueber diesen Termin hinaus fortgefuehrt werden. Nur so koennen laengerfristige Entwicklungen der ehemaligen Patienten dokumentiert werden.

Kontakt: Prof. Dr. Walter Strassmeier, Telefon (0931) 888-4850, Fax (0931) 888-4837, E-Mail: spa1029@mail.uni-wuerzburg.de


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