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Schwangerschaftsabbruch: Was die Waagschale senkt

25.11.1997 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Sozialwissenschaften: Analyse der Protokolle von Gespraechen in Nuernberger Beratungsstellen Schwangerschaftsabbruch: Was die Waagschale senkt

Als individuelle Notlage, aus der es keinen anderen Ausweg gibt, erleben Frauen ihre Situation, wenn sie sich zu einem Schwangerschaftsabbruch entschliessen. Aus der Sicht der Sozialwissenschaften aber koennen sich typische Gemeinsamkeiten herauskristallisieren. In ihrer Diplomarbeit am Lehrstuhl fuer Soziologie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultaet der Universitaet Erlangen-Nuernberg hat Vera Bauernschmitt Protokolle analysiert, wie sie fuer jedes Gespraech zur Schwangerenkonfliktberatung anzufertigen sind. Angaben zur aktuellen Lebenssituation, zum sozialen und kulturellen Umfeld und zu den Gruenden dieser Entscheidung liessen sich buendeln und ermoeglichten es, Zielgruppen zu bestimmen, die fuer Hilfsangebote und vorbeugende Programme - wie verstaerkte Sexualaufklaerung - in Frage kommen.

Im Mai 1993 schuf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts die Grundlagen fuer die bis heute uebliche Praxis in der Anwendung des § 218 StGB. Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen wollen, ohne straffaellig zu werden, sind demnach verpflichtet, zuvor eine staatlich anerkannte Beratungsstelle fuer Schwangerschaftsfragen aufzusuchen.

Vom Zeitpunkt dieses Urteils an bis zum Ende des Jahres 1995 wurden an den Beratungsstellen der Stadt Nuernberg 1.720 Gespraeche mit Frauen gefuehrt, die eine Abtreibung in Betracht zogen. Die Protokolle dieser Gespraeche, die im Gesundheitsamt der Stadt Nuernberg aufbewahrt werden, lieferten der sozialwissenschaftlichen Studie das Material fuer eine computergestuetzte Inhaltsanalyse.

Jedes Beratungsgespraech muss nach einem vorgegebenen Schema protokolliert werden. Aufgezeichnet werden das Alter der Frau, Familienstand und Nationalitaet, die Kinderzahl, die Anzahl bisheriger Schwangerschaften und eventuelle vorhergehende Abbrueche. Anhand dieser Angaben liessen sich Merkmale ausmachen, die in der Untersuchungsgruppe deutlich staerker vertreten sind als in einer Vergleichsgruppe von Frauen, die Kinder zur Welt bringen. Unverheiratete junge Deutsche, Auslaenderinnen im Alter von ueber 25 Jahren und - unabhaengig von der Nationalitaet - Frauen, die das 35. Lebensjahr bereits ueberschritten haben, moechten demnach einer ungewollten Schwangerschaft besonders haeufig ein Ende machen.

Gesundheit, Alter, Geld

Auch fuer die Motivation dieses Wunsches liefern die Beratungsprotokolle eine Datengrundlage. 19 moegliche Kategorien fuer die vorgetragenen Begruendungen sind vorgegeben. Eine Analyse ist allerdings hier besonders darauf angewiesen, dass auf die Eintragungen der protokollfuehrenden Beraterin Verlass ist.

Bei der Betrachtung der Motive gewinnen die drei oben genannten Gruppen noch schaerfer an Profil. Bis zu 21jaehrige ledige Deutsche halten sich oft fuer zu jung, ein Kind grosszuziehen. Frauen, die aelter als 35 Jahre alt sind, tendieren eher wegen gesundheitlicher Probleme zum Abbruch. Dass finanzieller Druck ihnen keine Wahl lasse, geben am haeufigsten die Auslaenderinnen an. Vor allem tuerkische Frauen nennen Geldmangel als Grund dafuer, dass sie in ihrer derzeitigen Situation keinen Nachwuchs wollen. Das kulturelle und soziale Umfeld einer Frau spiegelt sich in hohem Masse in den recht verschiedenartigen Gruenden wider, die den Entschluss zu einem Schwangerschaftsabbruch ausloesen, wie ein Vergleich zwischen mehreren Gruppen zeigte. Probleme in der Partnerbeziehung beispielsweise bestimmen deutsche Frauen weit eher dazu, ein Kind nicht auszutragen. Auffaellig ist ausserdem, dass junge Auslaenderinnen unter 22 Jahren sehr viel staerker unter dem Druck von Partner oder Familie stehen als die deutschen Frauen derselben Altersklasse.

Als sinnvollen Ansatzpunkt fuer das Ziel, die Zahl der Schwangerschaftsabbrueche zu verringern, empfiehlt die Studie, unerwuenschte Schwangerschaften von vornherein moeglichst zu vermeiden. Die Alternative - hoehere Huerden vor der Abtreibung - waere fuer viele Betroffene unzumutbar und wuerde wohl auch kaum einen gesellschaftlichen Konsens finden.

Um zu erklaeren, wie eine Frau schwanger werden kann, ohne es zu wollen - angesichts der Verhuetungsmoeglichkeiten ein scheinbar irrationales Verhalten - wird die Nutzentheorie auf die Verhuetungsproblematik uebertragen. Risiken bei der Verhuetung einzugehen, stellt sich demnach als komplexes Ergebnis mehrerer Kosten-Nutzen-Abwaegungen dar, als subjektiv rationale Entscheidung. Um die Waagschale zugunsten der Verhuetung zu senken, muessten deren Kosten vermindert werden - im finanzieller wie in sozialer, biologisch-medizinischer und jeder anderen Hinsicht, die in den Entscheidungsprozess eingeht. Die Studie traegt dazu bei, dass Aufklaerungs- und Beratungsprogramme besser auf spezielle Zielgruppen zugeschnitten werden koennen.

Kontakt: Dr. Reinhard Wittenberg, Lehrstuhl fuer Soziologie, Findelgasse 7 - 9, 90402 Nuernberg, Tel.: 0911/5302 -699, Fax: 0911/5302 -660, E-mail: wittenberg@wiso.uni-erlangen.de


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