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Wie Phenole aus Pflanzen die Nieren passieren

10.02.1998 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Von epidemiologischen Untersuchungen ist bekannt, dass pflanzliche Phenole die Haeufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken koennen. Derart positiv auf die Gesundheit soll sich einer Studie zufolge auch der massvolle Genuss von Rotwein auswirken.

Vor allem letztere Erkenntnis war es, welche die Forschung ueber die phenolischen Inhaltsstoffe von Nahrungspflanzen oder daraus hergestellter Produkte weltweit stimuliert hat. Im Mittelpunkt steht die Suche nach den aktiven Substanzen: Handelt es sich um Verbindungen, die schon in der Pflanze vorkommen, oder um deren Metabolite?

Die moeglichen Wirkungen von biogenen Arzneimitteln, die pflanzliche Phenole enthalten, werden nicht nur aus epidemiologischen Daten abgeleitet. Meistens werden auch Untersuchungen im Reagenzglas durchgefuehrt, wie Dr. Markus Veit vom Lehrstuhl fuer Pharmazeutische Biologie der Universitaet Wuerzburg erlaeutert: Bei solchen Versuchen beeinflussen pflanzliche Phenole eine Reihe von Enzymen des Menschen. "Aus derartigen Enzym-Modellen werden dann haeufig in nicht statthafter Weise Wirksamkeiten abgeleitet und pflanzlichen Phenolen eine Reihe von pharmakologischen Wirkungen zugeschrieben, ohne dass Untersuchungen am Menschen durchgefuehrt wurden", kritisiert Dr. Veit. Es sei derzeit noch nicht einmal bekannt, ob die getesteten Substanzen nach oraler Aufnahme ueberhaupt fuer den Koerper verfuegbar sind.

Um entsprechende Untersuchungen zum aktiven Prinzip von Arzneipflanzen und daraus hergestellten Arzneimitteln vorzubereiten, hat Dr. Veit eine Pilotstudie durchgefuehrt. Dabei wurde exemplarisch untersucht, wie bestimmte Phenole (Kaffeesaeurekonjugate und Quercetinglykoside) nach oraler Aufnahme ueber die Nieren ausgeschieden werden. Getestet wurde ein Extrakt aus Schachtelhalmkraut, weil sich dieses sehr gut als Modell eignet: Sein Phenolmuster ist typisch fuer eine Reihe von Arzneipflanzen, es entspricht aber auch dem wichtiger Nahrungspflanzen wie dem Kopfsalat.

An der Studie beteiligten sich neun Maenner und zwei Frauen im Alter von 23 bis 37 Jahren. Diese Freiwilligen hielten ueber einen Zeitraum von neun Tagen eine flavonoidfreie Kost ein. Am vierten Tag wurde der Urin als Referenzwert bestimmt, weil die interessierenden Metabolite auch durch den Abbau koerpereigener Substanzen entstehen koennen. An den drei folgenden Tagen tranken die Probanden dann jeweils fuenfmal 1,0 Gramm eines standardisierten Schachtelhalmextraktes in Form eines Teeaufgusses. Das war in dieser Zeit die einzige Flavonoidzufuhr. Die sich anschliessende zweitaegige Wash-out-Phase beruecksichtigte den zeitverzoegerten Metabolismus.

Dr. Veit: "In keinem Fall konnten Flavonoide unveraendert oder in konjugierter Form im Urin nachgewiesen werden, was wir als einen Hinweis auf einen weitgehenden Abbau durch die Mikroflora im Darm deuten." Eine endgueltige Klaerung der Frage, ob Flavonoide oder nur deren im Darm entstehende Metabolite resorbiert werden und somit fuer eine Wirkung verantwortlich sein koennen, waere nur ueber Blutanalysen zu erreichen. Sie sollen ein wichtiger Bestandteil der anschliessenden Arbeiten sein.

Im Rahmen der Studie wurden auch sehr grosse interindividuelle Schwankungen festgestellt: Die Menge der ausgeschiedenen Metabolite war laut Dr. Veit stark unterschiedlich. Offenbar beeinflusst eine Reihe von Parametern die Aufnahme, Verteilung und Ausscheidung der verabreichten Phenole. Auch solche Parameter wollen die Forscher in weiterfuehrenden Untersuchungen charakterisieren. Die Untersuchungen werden mit Fertigarzneimitteln aus Weissdorn (Blueten, Blaetter und Fruechte von Crataegus-Arten), Artischocke (Blaetter von Cynara scolymus), Goldrute (Kraut von Solidago-Arten) sowie verschiedenen Lebensmitteln durchgefuehrt.

Schliesslich erwaehnt Dr. Veit einen ganz anderen, jedoch hochinteressanten Aspekt zur Wirkung der Flavonoide aus Nahrungspflanzen: Unter dem Einfluss erhoehter UV-Strahlung aendert sich das Muster der Blattflavonoide. Dies koennte sich auf die Effekte auswirken, die nach der Aufnahme pflanzlicher Nahrung zu erwarten sind. Dabei betont der Wuerzburger Wissenschaftler, dass eine hoehere UV-Strahlung offenbar zu einem Komponentenspektrum fuehre, das zumindest bei Reagenzglas-Versuchen pharmakologisch aktiver ist und somit eventuell zu einem besseren Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen beitragen koennte. Dies waere wohl der erste positive Aspekt, den man der Abnahme des stratosphaerischen Ozons und der damit verbundenen Zunahme der UV-Strahlung abgewinnen koennte.

Kontakt: Dr. Markus Veit, Telefon (0931) 888-6162, Fax (0931) 888-6182, E-Mail: veit@botanik.uni-wuerzburg.de


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