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Frauen finden in der Heroenhalle keinen Platz

11.07.2002 - (idw) Freie Universität Berlin

Bislang hat die Geschichtswissenschaft Heldinnen vernachlässigt.

Heldentum gehört auch in unserer Gegenwart zur politischen Alltagskultur. Tapferkeit, Kampfeskraft und Wagemut sind nur einige der typischen Attribute, die nach der weit verbreiteten öffentlichen Meinung einem Helden zugeschrieben werden. Männlich und voller Tatendrang sollte er sein. Weibliche Helden sind in der traditionellen Geschichtsschreibung eher die Ausnahme. Die feministische Wissenschaft hat sich mit diesem Thema bislang schwer getan. Das erklärt sich unter anderem daraus, dass dem Heldenkonzept der Zusammenhang mit Krieg, Patriarchat und Männlichkeit immanent ist. So die Meinung von Claudia Ulbrich und Waltraud Heindl, Herausgeberinnen und Mitautorinnen der Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft L'Homme. Frauen finden in der "Heroenhalle" meist keinen Platz oder nur dann, wenn sie von allgemein Männern zugeschriebenen Tugenden angetrieben werden. Dies wird durch die bekannteste Nationalheldin Jeanne D'Arc verdeutlicht. In der Vergangenheit und in der Gegenwart zeichneten und zeichnen sich die unterschiedlichsten Helden- und Heldinnenkonstruktionen ab, was Beiträge von Karin Liebhart, Béla Rásky und anderen verdeutlichen, die in der Ausgabe "HeldInnen" der Zeitschrift L'Homme zusammengetragen und veröffentlicht worden sind.

Karin Liebhart und Béla Rásky stützen die These der männlichen Dominanz hinsichtlicht der Heldensagen. In Zusammenhang von Held und Nation spüren sie in der österreichischen und ungarischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart etliche mutige Freiheitskämpferinnen auf, die als Heldinnen hätten konstruiert werden können. Beide Staaten orientieren sich bei der Heldenkonstruktion am Bild des klassischen männlichen Helden, wobei der ungarische Held deutlich national, der österreichische Held eher regional konstruiert wird.

Vor allem in Österreich soll auch in jüngster Zeit Frauen die Rolle der "stillen" Heldin des Alltags zugeschrieben werden. So führte die Haiderregierung in Österreich den so genannten "Eva-Preis" ein, der Frauen auszeichnen soll, die sich in der Pflege vieler Kinder bzw. behinderter oder kranker Angehöriger besonders hervorgetan haben.

Ein ganz anderes Heldenbild zeigen Silke Satjukow und Rainer Gries am Beispiel der russischen Kosmonautin Valentina Wladimirowna Tereschkowa. Sie ist nach Meinung der Autoren der Versuch, eine "sozialistische" Heldin zu kreieren und sollte dem weiblichen Teil der sozialistischen Gesellschaft als Vorbild dienen. Die eher typisch männlichen Attribute wie Mut, Tüchtigkeit und Fleiß, die Valentina Wladimirowna Tereschkowa in Heldinnenerzählungen zugeschrieben werden, sind als geschlechtsneutrale Werte der sozialistischen Gesellschaft gedacht. Das diese Idealvorstellung vielmehr eine Scheingleichheit postulierte, war in der sozialistischen Gesellschaft kein Thema gewesen.

Nicht um die Konstruktion, sondern um die Produktion einer Heldin geht es im Fall von Katharina II. Ruth Dawson nimmt die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erschienen Texte und Bilder als Indiz dafür, dass Katharina II. bereits zu ihren Lebzeiten zum Star, zur Berühmtheit (celebrity) gemacht wurde. Wie bei der Darstellung des Helden oder der Heldin wird ein Wunschbild erzeugt, das in ungreifbarer Ferne zu sein scheint. Anders als beim Helden liegt aber gleichzeitig die Betonung auf dem Gewöhnlichen, Trivialen und Alltäglichen, wodurch eine scheinbare Nähe zu dem Identifkationsobjekt (dem Star) erzeugt wird. Macht und Reichtum werden bei einem weiblichen Star bedeutend mehr sexualisiert als bei ihren männlichen Pendants. Was Ruth Dawson dahingehend deutet, dass Macht und Weiblichkeit nach der herkömmlichen allgemeinen Wertvorstellung nicht ohne weiteres vereinbar sind. Auch hier treten demnach wieder geschlechterspezifische Unterschiede auf. Die Darstellung von Katharina II. als sexuell unersättlich und machtbesessen dient zur Bestätigung von Ruth Dawsons These.

Am Ende des 20. Jahrhunderts zeichnet sich neben der herkömmlichen Helden-/Heldinnen-konstruktion eine spezifische Form der celebrity ab. Verkörpert wird sie über Stars der Popkultur. Die neuen weiblichen Kultfiguren des Pop heißen nicht länger Heldinnen, sondern Ikonen. Sie bestimmen das Bild, das sich die Welt von ihnen machen soll, selbst.

Sie bedienen sich der Mode und der Kosmetik, um ihre Weiblichkeit in übersteigerter Form in Szene zu setzen. Anette Baldauf sieht in der neuen weiblichen Selbstinszenierung das Spiel mit dem weiblichen Rollenmuster, eine neue ironische Handhabung der traditionellen Weiblichkeitskonzepte. Gemeinsam mit den Kosmetikfirmen, den Modedesignern und den Barbiepuppenerzeugern betreiben diese Ikonen des Pop ein grandioses Konzept der Vermarktung. Die Ikonen werden von der Industrie als Modell gebraucht, so die Meinung der Autorin. Das total vermarktete künstliche Weiblichkeitsideal und seine Protagonistinnen entpuppen sich somit, laut Anette Baldauf, als Bündnispartnerinnen der ausbeutenden Schönheitsindustrie, die sich der modernen Weiblichkeitskonstruktion bedient.

Das auch die Wissenschaft nicht ohne "HeldInnen" auskommt, zeigt Natalie Zemon Davis, die die Frage nach dem Verhältnis zwischen Feminismus und Heldenkonstruktion zum Anlass genommen hat, eine kleine Lebensgeschichte zu schreiben, in der sie zeigt, wie sich ihre Einstellung zu Heldinnen im Laufe ihres Forscherinnenlebens verändert hat.

von Susanne Lettau

Literatur:

L'Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft, 12. Jg. 2001, Heft 2 mit dem Titel "HeldInnen"; herausgegeben von Waltraud Heindl und Claudia Ulbrich

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Claudia Ulbrich, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Friedrich-Meinecke-Institut, Koserstr. 20, 14195 Berlin, Tel.: 030 / 838-54380, E-Mail: ulbrich@zedat.fu-berlin.de
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