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Das Känguruh als Vorbild

21.05.1997 - (idw) Universität zu Köln

Das Kaenguruh als Vorbild

Psychosoziale Betreuung von Fruehgeborenen

Ein fruehgeborenes Baby, das kaum tausend Gramm wiegt, von der geschuetzten und kontrollierten Atmosphaere eines Inkubators (Brutkasten) zu trennen, erscheint widersinnig. Wird aber waehrenddessen sein Haut-zu-Haut-Kontakt zu den Eltern gefoerdert, so verbessert sich die Situation des Kindes entscheidend. Dass solch ein Aufenthalt ausserhalb des Inkubators nicht zwingend eine Stresssituation fuer das Fruehgeborene darstellt, ergibt eine Studie von Dr. Waltraud Stening und Professor Dr. Bernhard Roth an der Klinik und Poliklinik fuer Allgemeine Kinderheilkunde der Universitaet zu Koeln. Wie wichtig Beruehrung und Zuwendung fuer Kinder sind, fuehrt ein sogenannter wissenschaftlicher Versuch des Koenigs Friedrich II deutlich vor Augen. Im zwoelften Jahrhundert erlangte er traurige Beruehmtheit, als er die natuerliche Sprache des Menschen finden wollte. Er hatte angeordnet, Neugeborene von ihren Muettern zu isolieren. Ammen sollten sie versorgen, aber sie nicht streicheln oder mit ihnen sprechen. Alle Kinder starben. So spielt auf der Fruehgeborenen- und Intensivstation der Universitaets-Kinderklinik Koeln ausser der rein medizinischen auch die psychosoziale Betreuung der Fruehgeborenen eine wichtige Rolle. Neben Massnahmen wie das OEffnen der Station fuer Eltern und Angehoerige, die Ausweitung der Besucherzeiten oder die Unterstuetzung der Muttermilchernaehrung zaehlt auch die "Kaenguruh-Methode" zu diesem Betreuungskonzept. Das sozusagen zu frueh vom Mutterleib getrennte Neugeborene geniesst dabei ein bis mehrere Stunden taeglich den Haut-zu-Haut-Kontakt zu den Eltern. Es wird dazu, mit einer Windel bekleidet und zugedeckt auf die nackte Brust der Mutter oder des Vaters gelegt. Die Kaenguruh-Methode entstand 1979 in Columbien aus einer Notsituation. Ein Mangel an Inkubatoren brachte Fruehgeborene, die noch nicht in der Lage sind, ihre Koerpertemperatur selbstaendig zu regulieren, in eine lebensbedrohliche Situation. Um Unterkuehlungen zu verhindern, beschlossen zwei Kinderaerzte in Bogota, die Mutterwaerme auszunutzen. Die Kinder wurden ihren Muettern vor die Brust gebunden. Diese Tragehaltung gab der Methode ihren Namen. Bereits Anfang der achtziger Jahre fuehrten einige europaeische und US-amerikanische Kinderaerzte die Kaenguruh-Methode in ihren Fruehgeborenen-Stationen ein. Diesmal stand aber weniger die Frage nach der medizinischen Versorgung sondern vielmehr die Foerderung der Eltern-Kind-Beziehung im Vordergrund. So wie die Methode heute auch in Koeln angewandt wird, werden z.B. verschiedene Sinneswahrnehmungen des Kindes stimuliert und geschult. Es spuert die Haut der Eltern, hoert ihre Herztoene, riecht ihren Koerper und bewegt sich mit ihnen. Aber nicht nur die Entwicklung des Kindes, auch die der Eltern wird gefoerdert. Ihre passive Beobachterrolle wird in aktive, selbstbewusste Verantwortung verwandelt. Besonders die Rolle des Vaters wird gestaerkt, falls die Mutter nach der Geburt, die meist durch Kaiserschnitt erfolgt, noch nicht in der Lage ist, zu ihrem Kind zu gelangen. Obwohl ein positiver Einfluss auf die Entwicklung des Kindes ausser Frage steht, bleibt dennoch die Gefahr der medizinischen Unterversorgung des Fruehgeborenen. Dr. Stenings Untersuchungen an der Universitaets-Kinderklinik gingen dieser Frage nach. Vertraeglichkeitsstudien ergaben, dass durch Einsatz der Kaenguruh-Methode weder eine Stresssituation noch der befuerchtete Abfall der Koerpertemperatur auf seiten des Saeuglings eintraten. Die Anwendung dieser Betreuungsmethode bedeutet fuer ein frueh vom schuetzenden Bauch der Mutter getrenntes Fruehgeborenes also keine zusaetzliche koerperliche Belastung. Vielmehr kann so schon in den ersten Lebenswochen die Beziehung des Kindes zu seinem sozialen Umfeld aufgebaut werden.

Verantwortlich: Anahita Parastar

Fuer Rueckfragen steht Ihnen Frau Dr. Stening unter der Telefonnummer 0221/463820 oder 0221/478-4372 zur Verfuegung.

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