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Von der Wanderbühne zur kulturellen Einrichtung: Bremer Theatergeschichte

25.03.1997 - (idw) Universität Bremen

PRESSEMITTEILUNG DER UNIVERSITAET BREMEN - Nr. 052 / 25. Maerz KUB

Von der Wanderbuehne zur kulturellen Einrichtung

Bremer Theatergeschichte von den Anfaengen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

Zunaechst waren es englische und hollaendische Schauspielgruppen, nach Ende des Dreissigjaehrigen Krieges auch deutsche Gruppen, die auf ihren Reisen durch Norddeutschland zogen. Auf schnell zusammengezimmerten Buehnen brachten sie ihre Stuecke auf Marktplaetzen oder in Scheunen zur Auffuehrung. Das "fahrende Volk" wurde aber vom Buergertum und einer wachsamen Obrigkeit mit Misstrauen betrachtet und als "unnuetzes Gesindel" angesehen. Dazu gehoerten beispielsweise "Komoedianten, Seiltaenzer, Marionettenspieler, Quacksalber, kuenstliche Pferde, Missgeburten und allgemein Leute, die verbotene aergerliche und verdaechtige Dinge vor Geld sehen lassen". Erst in der zweiten Haelfte des 18. Jahrhunderts etablierte sich die Schauspielkunst in festen Haeusern. Zur Jahrhundertwende begann das Publikum, das Theater als Kunst- und Bildungseinrichtung anzusehen und dort auch Unterhaltung zu suchen.

Fuer seine Arbeit "Nur zwei Jahre Theater, und alles ist zerruettet: Bremer Theatergeschichte von den Anfaengen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts" erhielt Michael Rueppel den Bremer Studienpreis als beste geisteswissenschaftliche Dissertation der Universitaet Bremen 1995/96. Erschienen ist das Buch jetzt als Band 9 der "Neuen Bremer Beitraege", die von den Professoren Hans-Wolf Jaeger und Gert Sautermeister herausgegeben werden. Mit dieser Untersuchung wird eine Etappe Bremischer Kulturgeschichte lebendig. Es ist die erste Gesamtdarstellung zur Bremischen Theatergeschichte bis zum Jahre 1800. Michael Rueppel zeigt in seiner Studie die literatur- und sozialgeschichtlichen Zusammenenhaenge einer Epoche auf, in der sich das Theater als feste Einrichtung etablierte. Dabei beruecksichtigt er die politischen und wirtschaftlichen Zusammenhaenge ebenso wie die gesellschaftlichen Prozesse und religioesen Einstellungen.

Der Autor untersucht die spezifischen Probleme des Theaters am Beispiel der freien Hansestadt Bremen und setzt sie in Bezug zur allgemeinen Theatergeschichte jener Zeit. Bremen ist fuer seine negative Haltung gegenueber der Buehne ein bekanntes Beispiel. Nach Ansicht des Autors ist die Hansestadt aber nicht als Einzelfall, sondern mehr als exemplarisches Beispiel zu werten. Er hinterfragt auch die gaengige Ansicht, dass Bremen noch bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts als "hoffnungslos rueckstaendig" in seiner Entwicklung anzusehen ist. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass weder die Geistlichkeit von den Ideen der Aufklaerung unbeeinflusst war, noch sich der Bremer Rat gegen das "fahrende Volk" religioeser Argumente bediente. Er weist nach, dass der gesellschaftliche Wandel, der sich auch in Institutionen, wie etwa Freimaurerlogen oder Lesegesellschaften dokumentiert, in Bremen genauso wie in anderen Staedten anzutreffen ist.

Die Bremer Buerger hatten eine hoechst widerspruechliche Beziehung zum Theater: Auf der einen Seite sollte es Tugendschule sein, andererseits wurde es aber der Unmoral bezichtigt. Auch wenn die aeltere Generation sich im Theater amuesierte, so hatte sie doch Angst vor einem verderblichen Einluss des Theaters auf die Moral der Jugend. Diese "Doppelmoral" des Buergertums stand im Zusammenhang mit der Spannung zwischen Gefuehl und Vernunft, die das "aufgeklaerte" 18. Jahrhundert wie kein anderes praegte. Die Diskussion um ein Theater wurde auch von Generationskonflikten beeinflusst: Auf der einen Seite die Eltern, die auf alte Werte und Traditionen pochten, und auf der anderen Seite die Kinder, die mit ihrer Theaterleidenschaft der Enge der alten Wertvorstellungen zu entfliehen versuchten. Fuer den Bremer Rat waren die Schauspielgruppen ein von aussen in die Stadt eindringender Unruhefaktor. Komoedianten zoegen dem fleissigen Handwerker nur das Geld aus der Tasche. Trotzdem war es manchmal angebracht, zwecks besserer Kontrolle das "fahrende Volk" in die Stadt zu lassen.

Die haeufig anzutreffende Auffassung, dass die Kirche ihre Interessen unter Androhung "ewiger Hoellenqualen" durchsetzte, wird vom Autor korrigiert. Zweifellos waren bei den Anfeindungen der Geistlichkeit gegen das Theater auch Konkurrenzaspekte mit im Spiel. Die Geistlichkeit opponierte besonders heftig gegen eine "Sittenlehre", die nicht von der Kanzel, sondern von der Buehne gepredigt werden sollte. Das Argument, dass eine Schaubuehne gleichzeitig auch als Sittenschule fungiere, musste ja gerade diejenigen herausfordern, die sich allein fuer die Propagierung von Moral und gottgefaelligem Leben zustaendig fuehlten. Die Tugendlehre sollte nun nicht mehr durch strenge, rationale Unterweisung erfolgen, sondern durch eine unverbindliche, Vergnuegen bereitende Unterhaltung. Interessant ist, dass die Prediger ihre Argumente gegen das Theater mit einer Schrift des franzoesischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau untermauerten, einem Theoretiker der Aufklaerung, dessen Positionen alles andere als klerikal zu nennen sind.

"Nur zwei Jahre Theater, und alles ist zerruettet" - auf diese Formel laesst sich die Anklage Rousseaus gegen die Einfuehrung des Schauspiels bringen. Rousseau war der Ansicht, "dass das Schauspiel fuer ein verdorbenes Volk gut ist und schaedlich, wenn dieses selbst gut ist." Die gesellschaftlichen Moralvorstellungen wuerden davon "zerruettet" werden. Der Philosoph vertrat mit seiner bekannten Forderung "Zurueck zur Natur" eine zivilisationskritische Haltung. Das Theater gehoerte seiner Meinung nach zu den unnatuerlichen Auswuechsen einer verfeinerten Grossstadtkultur. Ebenso argumentierte man in Bremen: Theater sei keine Angelegenheit einer sittenstrengen kleinen Stadt, sondern Sache der Hoefe und verderbter Grossstaedte wie Paris und London. Rousseaus Beschreibung einer Theaterauffuehrung entbehrt aus heutiger Sicht nicht einer gewissen Komik: "...eine kleine Zahl von Leuten, die in einer dunklen Hoehle truebselig eingesperrt ist, furchtsam und unbewegt in Schweigen und Untaetigkeit verharrend".

Die kritische Haltung Rousseaus spiegelt die Schwierigkeiten wider, die das buergerliche Publikum und auch die Geistlichkeit im Zeitalter der Aufklaerung mit dem Theater hatten. Gemeinsam wurde der Kampf gegen die "gefaehrliche Sinneslust" gefuehrt, denn beide Seiten wollten das "fahrende Volk" unter Kontrolle halten und "Fremden" den Zutritt zur Stadt nur erlauben, wenn sie Geld einbrachten. Diese Vorbehalte sollten sich erst aendern, als die Schauspielkunst in festen Haeusern etabliert war und materiellen Gewinn abwarf. Hinzu kommt, dass die Freizeit noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts allein der "christlichen Andacht" gewidmet war. Hauptzweck der Feiertage sollte der "edlere Gebrauch der menschlichen Geisteskraefte" sein. Fuer die Kirche war es ein weiteres AErgernis, dass die bremische Bevoelkerung sich nun lieber dem eigenen Amuesement widmete, anstatt die "Haende zum Gebet zu falten". Das Theater wurde als "verderblicher Muessiggang" der Freizeit diskreditiert.

Im Mittelpunkt des Publikumsinteresses stand die schauspielerische Leistung, weniger der Inhalt. Das Theater setzte sich folglich als "Anstalt des Vergnuegens" durch und nicht als moralische Institution. Politische Ambitionen hatte es nicht: Im Zeitalter der Franzoesischen Revolution wurde es nur genehmigt, um die Stadtgespraeche in unverfaengliche Bahnen zu lenken. Waehrend das Schauspiel hier vor allem in der Funktion gesehen wurde, Unruhen beim Volk zu daempfen, fand sich aber auch das gegenteilige Argument: Durch Tragoedienauffuehrungen koennten Hassgefuehle gegen die Regierung noch zusaetzlich genaehrt werden.

Dass es schliesslich in Bremen doch ein Theater gab, ist dem Umstand zu verdanken, dass das Beduerfnis nach Unterhaltung parallel zum Reichtum der Kaufleute wuchs. Das zunehmende Interesse der Kaufmannschaft an wissenschaftlich-technischen und sozialen Fragen erweiterte den Kreis der aufgeklaerten Buerger, die informiert sein und mitreden wollten. Das goldene Zeitalter des Handels brachte auch den ersten Theaterbau in Bremen zustande: 1792 auf der Ostertorsbastion. Viele, die zu Wohlstand gekommen waren, wollten mit ihrem Geld nun nicht nur gemeinuetzig wirken, sondern auch einen entsprechenden Lebensstil pflegen. Ende des 18. Jahrhunderts wurden Rousseaus Warnungen vor den Gefahren des Luxus in Bremen nicht mehr so ernst genommen. Auch von Seiten der Geistlichkeit wurde in Bremen nun keine Kritik mehr am Theater geuebt. Sie hatte in den neunziger Jahren erheblich an Einfluss verloren und beklagte die "Irreligiositaet unter allen Staenden".

Rueppels Arbeit zeichnet sich durch sein systematisches Vorgehen aus. Als spannender wissenschaftlicher Erzaehler laesst er die Leserschaft an den Bemuehungen der Bremer fuer oder gegen das Theater teilnehmen. Er benennt neue Namen und Daten und ueberblickt einen weit laengeren Zeitraum, als es bislang geschah. Seine Untersuchung ist nicht nur spezielle Institutionsgeschichte des Theaters, sondern auch ein Stueck Bremer Stadtgeschichte. Zugleich liefert Rueppels Schrift einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der Aufklaerungsepoche im ganzen.

Michael Rueppel: "Nur zwei Jahre Theater, und alles ist zerruettet: Bremer Theatergeschichte von den Anfaengen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts". Heidelberg (Universitaetsverlag C. Winter) 1996

Weitere Auskuenfte erteilt: Michael Rueppel, Telefon: 0421 / 3479353


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