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Feine Unterschiede zwischen Ost und West

22.05.1997 - (idw) Technische Universität Chemnitz

Die feinen Unterschiede zwischen Ost und West

Die ueber 40jaehrigen tun sich schwer mit den Veraenderungen

CHEMNITZ. "Ost ist Ost und West ist West, und niemals werden die zwei zusammenkommen", dichtete der Literatur-Nobelpreistraeger Rudyard Kipling um die Jahrhundertwende. Auch wenn er damit den Orient und Europa meinte: Nicht wenige Deutsche glauben, dass dies ebenfalls fuer Deutschland-Ost und -West zutrifft.

Sollte sich die Prognose von Willy Brandt "Jetzt waechst zusammen, was zusammengehoert" nur sieben Jahre nach der Wende als falsch herausstellen?

Dieser Frage sind nun erstmals die Soziologen Prof. Dr. Ditmar Brock und Goetz Lechner von der TU Chemnitz-Zwickau in einer grossangelegten Untersuchung nachgegangen. Das Ergebnis, das selbst die Wissenschaftler ueberraschte: Die Ostdeutschen unter vierzig Jahren unterscheiden sich in ihrem Lebensstil nicht von ihren westdeutschen Altersgenossen. Anders die AElteren, sie haben oft Schwierigkeiten, sich an die neue Zeit anzupassen. Die Forscher waehlten fuer ihre Untersuchung Chemnitz aus, "weil diese Stadt in jeder Hinsicht typisch ist fuer die neuen Bundeslaender", so Lechner. Ob Arbeitslosenzahlen, Plattenbausiedlungen, veroedete Innenstaedte, riesige Einkaufszentren am Stadtrand oder der Zusammenbruch der Industrie - da ist nur wenig, was Chemnitz von anderen Staedten der ehemaligen DDR unterscheidet. Die Ergebnisse der Untersuchung lassen sich deshalb auf die gesamten neuen Bundeslaender uebertragen. "Erst jetzt konnten wir eine solche Studie durchfuehren, weil es im Osten vor einigen Jahren einfach nicht moeglich war, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln. Aber mittlerweile gibt es auch hier Kneipen, Restaurants und Kinos fuer jeden Geschmack, teure und weniger teure Klamottenlaeden und ein breite Auswahl an Lebensmitteln. Damit ist ein Vergleich moeglich", erlaeutern die Wissenschaftler. Rund 2000 Frageboegen mit jeweils fast 700 Fragen verschickten sie an die Chemnitzer Buerger, fast 900 kamen ausgefuellt zurueck - eine fuer ein derartiges Projekt unglaubliche Resonanz. Als Vergleichsstadt im Westen diente Nuernberg, wo der Soziologe Gerhard Schulze vor einigen Jahren eine aehnliche Untersuchung durchgefuehrt hatte. Dort hatte er damals eine fuer den Westen der Bundesrepublik mittlerweile typische "Erlebnisgesellschaft" vorgefunden. Schulze fand in Nuernberg drei grosse Muster in Lebensstil und Freizeitverhalten der Menschen: das Einfach-, das Spannungs- und das Hochkulturmuster. Wer dem Einfachmuster anhaengt, sieht sich gern Volksmusik oder -theater, Quizsendungen und grosse Shows im Fernsehen an, waehrend das Spannungsmuster mehr auf Rock- und Pop-Musik und auf Action- filme steht. Typisch fuer das Hochkulturmuster ist dagegen das Interesse an klassischer Musik; Menschen, die diesem Muster zuneigen, tun auch am meisten fuer ihre persoenliche (Weiter-)bildung und wenn sie fernsehen, dann meist Kulturmagazine wie etwa "aspekte". Die gleichen Muster fanden die Soziologen auch in Chemnitz - mit einem kleinen, aber wichtigen Unterschied: Die "Ossis" sind wacher, bewusster. Waehrend sich naemlich in der West-Untersuchung nur die Hochkulturleute fuer Politik und Wirtschaft interessierten, sind es in Chemnitz durchgaengig alle Muster. Auch das Verhaeltnis der einzelnen Muster zueinander ist etwas anders - Einfach- und Spannungsmuster stehen in einem groesseren Gegensatz zueinander als im Westen. Meist ist die Zugehoerigkeit zu einem dieser Muster zudem mit bestimmten seelischen Grundeinstellungen verbunden. Die Anhaenger des Einfachmusters etwa sind oefter ueberzeugt, sie koennten an ihrer Lage nichts aendern. In der Regel faellt es ihnen auch schwerer, sich veraenderten Bedingungen anzupassen; haeufig fuehlen sie sich hilflos und ohnmaechtig. Wer dem Hochkulturmuster zuneigt, denkt dagegen oft ueber sich selbst nach und neigt dazu, andere zu beherrschen. Die letzte Eigenschaft hat er mit dem Spannungsmuster gemein, fuer dessen Angehoerige im UEbrigen ein abwechslungs- und genussreiches Leben am wichtigsten ist. All diese typischen Einstellungen sind im Ost-Hochkulturmuster allerdings viel weniger stark ausgepraegt als in Nuernberg, beim Spannungsmuster dagegen staerker, so ein Ergebnis der Studie. Beim Einfachmuster fand sich dagegen kein groesserer Unterschied zwischen Ost und West. Fuer jedes dieser Grundmuster sind auch bestimmte Stiltypen oder Milieus charakteristisch: Der Unterhaltungstyp, der Selbstverwirklichungstyp, der Harmonietyp, der sich nach Zusammengehoerig-keit sehnende Typ und der nach Hoeherem strebende Typ. Es sind diese fuenf Stile, die das soziale Umfeld ausmachen, zu dem jemand gehoert. Klammert man die Neigung zu bestimmten Mustern einmal aus, ist die Sucht nach Harmonie in Ost und West der vorherrschende Stil - in Chemnitz freilich weniger als in Nuernberg (34 gegen 39 Prozent). Dafuer sind im Osten besonders die "jungen" Stile Selbstverwirklichung und Unterhaltung deutlich staerker vertreten. Das Streben nach hoeheren Werten ist dagegen trotz gleicher Bildungsverteilung in Chemnitz geringer. Auch eine bestimmte Kombination von Alter und Bildung ist fuer jeden dieser Stile typisch. Und die ist meist leicht zu erkennen: Alter sieht man, Bildung merkt man. Juengere Leute unter 40 etwa neigen zum Unterhaltungsstil, wenn sie niedrig bis mittel gebildet sind, bei hoeherer Bildung dagegen zum Selbstverwirklichungsstil. Dies ist in Chemnitz sogar noch etwas staerker der Fall als in Nuernberg - die jungen "Ossis" sind also bereits in der "Erlebnisgesellschaft" angekommen. Die aelteren Ostdeutschen passen freilich nicht in dieses Schema: bei ihnen haengt der Lebensstil nicht von der Bildung ab, wie eine genaue Analyse der Daten zeigte. Denn Harmoniesucht, eigentlich typisch fuer das Einfachmuster, haben im Osten auch die Haelfte der Angehoerigen des Hochkulturmusters mit hoher Allgemeinbildung - und denen muesste eigentlich das Streben nach Hoeherem wichtiger sein. Im Westen tendierte dagegen nur ein Viertel des Hochkulturmusters in Richtung Harmonie. Dafuer begeistern sich, ganz gegen die Erwartung, Ostler mit eher niedriger Allgemeinbildung fuer Hoeheres. "Eine Folge der sozialistischen Bildungspolitik", resuemiert Lechner. Die naemlich wollte das "buergerliche Bildungsmonopol" brechen - Arbeiter- und Bauernkinder wurden bei Abi und Studium bevorzugt. Ihren von der Herkunft gepraegten Lebensstil dagegen behielten sie meist bei. Immerhin die Haelfte der fuer eine Harmoniesucht eigentlich "zu hoch" Gebildeten stammte aus einfachen Verhaeltnissen und hatte einen besseren Schulabschluss als ihre Eltern. Andererseits pflegen Kinder des klassischen Bildungsbuergertums, denen hoehere Abschluesse in den 50er und 60er Jahren zum Teil verwehrt wurden, dennoch nicht unbedingt den Stil ihrer Eltern. Ebenfalls interessant: Fast 40 Prozent der Mitglieder des Hochkulturmusters zaehlen sich selbst zur Unter- und zur Arbeiterschicht, obwohl sie tatsaechlich nicht dazugehoeren - bei den gleich hoch Gebildeten der anderen Gruppen war es gerade mal jeder Fuenfte. "Bildung" habe in der DDR eben etwas voellig anderes bedeutet als im Westen, so die Chemnitzer Soziologen. Die Ost-Eliten liessen sich daher nicht nach den im Westen ueblichen Massstaeben einordnen. Die Wissenschaftler halten deshalb die aelteren Angehoerigen des Ost- hochkulturmusters fuer "rueckwaertsorientiert" - normalerweise haetten sie stattdessen, wie ihre westlichen Entsprechungen, "aufstiegsorientiert" sein muessen. Zudem, so Lechner und Brock, sei das Schielen nach hinten auch ein Zeichen fuer ein neues Herausbilden von Gegensaetzen inmitten der Gesellschaft.

Weitere Informationen: Technische Universitaet Chemnitz-Zwickau, Philosophische Fakultaet, Fachgruppe Soziologie, Reichenhainer Str. 41, 09107 Chemnitz, Prof. Dr. Ditmar Brock, Tel. 03 71/5 31-24 85, Fax 03 71/5 31-44 51; Dipl.-Soz. Goetz Lechner, Tel. 03 71/5 31-27 04.


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