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Rätselhafte Krankheit bei wilden Wisenten aufgeklärt

16.04.1998 - (idw) Forschungsverbund Berlin e.V.

16. April 1998

Berliner Forscher helfen Europas letzten Wildrindern

Schwere Fortpflanzungsstoerungen bei freilebenden Wisenten in Bialowieza (Polen)

Ein Team aus dem Institut fuer Zoo- und Wildtierforschung (IZW) ist der raetselhaften Krankhheit auf der Spur - Ob auch Wisentkuehe und Hausrinder betroffen sein koennen, bedarf weiterer Forschungen

Eine schwerwiegende Erkrankung maennlicher Wisente im Nationalpark Bialowieza (Polen) beschaeftigt seit etwa 15 Jahren die Fachwelt. Pathologische Veraenderungen im Genitalbereich fuehren im fortgeschrittenen Stadium zu Harninkontinenz, Deckunlust, Abmagerung und auch zum Tod. Betroffen sind nicht nur erwachsene Wisentbullen, sondern auch 2 bis 3 Jahre alte Jungbullen und sogar Bullenkaelber.

Entstehung und Verlauf dieser Veraenderungen waren bislang ungeklaert. Sowohl die Frage nach dem Erreger als auch nach dem Uebertragungsweg blieb trotz langjaehriger Bemuehungen offen. Charakteristisch fuer das Krankheitsbild sind Veraenderungen im Bereich der Vorhaut (Praeputium) und des Penis mit Verklebungen der Pinselhaare, eitrigen Entzuendungen und tiefgreifenden Nekrosen (Absterben des Gewebes). Da die erkrankten Bullen fuer die Vermehrung ausfallen und somit das genetische Spektrum der auf nur 7 reinbluetige Tiere zurueckgehenden Herde noch weiter eingeengt wird, muss von Bestandsgefaehrdung einer bedrohten Tierart ausgegangen werden.

Wie heute in Berlin mitgeteilt wurde, ist es einem interdisziplinaeren Forscherteam im Institut fuer Zoo- und Wildtierforschung (IZW) nach gut einjaehriger Arbeit gelungen, dem raetselhaften Krankheitsgeschehen am groessten europaeischen Saeugetier auf die Spur zu kommen. Eindeutig konnten Alpha-Herpesviren als Verursacher der Primaerinfektion nachgewiesen werden, die dann durch bakterielle Entzuendungen ueberlagert wird und zum Absterben des Gewebes im Genitalbereich der Bullen fuehrt. Dafuer spricht die erstmals gelungene Anzucht eines zytopathogenen Virus aus der Milz von einem 1997 erlegten Wisent sowie die von Forschungsgruppenleiter Dr. Kai Froelich (ohne H!) gezeigte elektronenmikroskopische Aufnahme mit Herpesvirus-Partikeln. Die Aufschluesselung der Virus-DNA durch Sequenzierung belegte, dass es sich um ein Alpha-Herpesvirus (BHV-1) handelt. Der Nachweis gelang durch das Zusammenwirken von Mikrobiolgen, Pathologen, Immunolgen, Elektronenmikroskopikern und Reproduktionsbiologen des IZW.

Das IZW-Team arbeitet eng mit Spezialisten der Polnischen Akademie der Wissenschaften und der Freien Universitaet Berlin zusammen. Nachdem der Verursacher gefunden ist, konzentrieren sich die Anstrengungen darauf, die Gefahr der Uebertragung durch Hausrinder zu erforschen (mit Spezialisten der Tierklinik fuer Fortpflanzung der Freien Universitaet Berlin) und eine medizinische Abwehrstrategie zu entwickeln.

Hintergrund: Im polnischen Nationalpark Bialowieza leben gegenwaertig ca. 250 Wisente (Bison bonasus). Der Bialowieza-Urwald erstreckt sich auf beiden Seiten der polnisch-weissrussischen Grenze auf einer Flaeche von ca. 150 000 ha. Der Nationalpark besteht aus einem Laub/ Mischwaldkomplex und ist eines der urspruenglichsten Waldoekosysteme Europas. Der heutige Wisentbestand im Nationalpark Bialowieza (rund 250 Tiere) wie auch der Weltbestand in Tierparks und Reservaten (ca. 3200 Tiere nach Schaetzung von Kristian Wendt, Praesident des Schwedischen Komitees zur Erhaltung des Europaeischen Wisents) geht auf eine Gruenderpopulation von 12 verbliebenen Wildtieren zurueck, von denen nur 7 reinbluetige Flachlandwisente (Bison bonasus bonasus) waren. Ende der 80er Jahre wurden die ersten kranken Tiere in der polnischen Herde entdeckt.

Was ist ein Wisent?

Zu den Bovinae (Rinderartigen) gehoeren vier Gattungen:

- Bisone und Wisente (Bison)

- Asiatische Bueffel (Bubalus)

- Afrikanische Bueffel (Syncerus)

- eigentliche Rinder (Bos)

In der Gattung der Bisone und Wisente sind der amerikanische Bison und der europaeische Wisent die beiden einzig verbliebenen Arten der urspruenglichen Grossgruppe der Wildrinder. Sie sind aus ihrem gemeinsamen Ursprungsgebiet im Himalayagebiet in getrennten Wanderzuegen bis Europa und Amerika gezogen. In menschlicher Obhut sind fruchtbare Kreuzungen der beiden Arten moeglich.

In ihrem Aeusseren unterscheiden sie sich jedoch deutlich, wobei der Wisent, das schwerste landlebende Saeugetiere Europas, nicht so gedrungen wirkt und die kraeftigen Beine auch laenger sind als beim Bison. Der Wisent erreicht eine Schulterhoehe von 180 bis 200 cm; das Gewicht eines starken Bullen betraegt bis zu 1 Tonne, das der Kuehe bis 600 kg. Ein erwachsenes Tier benoetigt taeglich rund 60 kg an frischem Pflanzenfutter. Der Wisent gehoert zum evolutional spaetentwickelten Wiederkaeuer-Ernaehrungstyp der Gras- und Rauhfutterfresser.

Beim Wisent wird zwischen dem Flachlandwisent und dem Bergwisent (Kaukasuswisent) unterschieden. Der Wisent ist Anfang des Jahrhunderts in freier Wildbahn ausgerottet worden und hat als Art nur in Zoos ueberlebt.

Ansprechpartner im IZW: Dr. Kai Froelich, Tel.: 030/51 68-728, Fax: 030/51 26-104; http://izw.fmp-berlin.de/IZW


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