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Ökosystem Bergregenwald

27.06.1997 - (idw) Universität Ulm

26.6.1997

Der Mensch und der tropische Bergregenwald

In Ecuador erforschen Ulmer Botaniker die Regeneration gestoerter OEkosysteme

Ihren einzigartigen Reiz und ihre grosse biologische Bedeutung verdanken die tropischen Waelder nicht zum geringsten Teil ihrer Vielfalt: einer unvergleichlichen Fuelle von Individuen, Arten und perfekt aufeinander eingespielten Lebensgemeinschaften, kurz dem, was der Biologe als "hohe Biodiversitaet" bezeichnet. Der Tropenwald seinerseits reagiert als Ganzes wie ein gigantischer Mega-Organismus auf Stoerungen seiner Umwelt oder seiner inneren Balance.

Seit der Mensch begonnen hat, die tropischen Waelder mehr oder weniger systematisch zu erschliessen - manche nennen es ausbeuten -, sind zu den naturgegebenen Stoerungen die anthropogenen Eingriffe gekommen: Besiedlung, Holzgewinnung, Landwirtschaft und Bergbau hinterlassen ihre Spuren. Nicht jede pflanzliche oder tierische Spezies und nicht jedes oekologische Teilsystem ist in gleicher Weise befaehigt, sich von solchen Stoerungen zu erholen. Das hat unter anderem mit ihrer Faehigkeit zur Stoffaufnahme und -speicherung, ihrer klimatischen Toleranz und ihrer Autonomie oder Abhaengigkeit von intakten Wechselbeziehungen zu anderen Arten, zum Beispiel bei der Fortpflanzung mit Hilfe von Insekten als Bestaeubern, zu tun. Je differenzierter solche Wechselbeziehungen ausgebildet sind, desto hoeher ist der Grad ihrer Empfindlichkeit gegenueber stoerenden Einfluessen.

Wie die dadurch ausgeloesten Reaktionen im einzelnen aussehen, darueber gibt es bis heute nur vage Vermutungen. Diesem Mangel abzuhelfen, startete Anfang Juni 1997 ein neues Projekt der Abteilung Spezielle Botanik der Universitaet Ulm, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) fuer zunaechst zwei Jahre unterstuetzt wird. In den tropischen Bergwaeldern Ecuadors erkunden Abteilungsleiter Prof. Dr. Gerhard Gottsberger und sein Team, gemeinsam mit Kollegen aus Bayreuth und Erlangen, den Einfluss anthropogener Turbationen auf Fortpflanzung und Ausbreitung der Pflanzen und auf das Leben der Epiphyten und der Epiphyllen, der winzigen pflanzlichen Stamm-, Ast- und Blattbesiedler.

"Hot Spot" der Evolution

Zwischen der Ecuador-Expedition und Gottsbergers bisherigen Projekten in Franzoesisch-Guayana und Brasilien besteht ein enger inhaltlicher Zusammenhang. Ein Vergleich des Bergregenwaldes hier mit den Tieflandregenwaeldern dort soll Aufschluss ueber die Stoeranfaelligkeit der unterschiedlichen OEkosyteme geben. Ausserdem hoffen die Botaniker, besonders sensible Arten als Zeigerpflanzen fuer Stoerungen identifizieren und allgemeine Kenndaten fuer die objektive Charakterisierung gestoerter und ungestoerter tropischer (Berg-)Waelder festlegen zu koennen.

Die ecuadorianischen Pendents der Ulmer Abteilung rekrutieren sich aus den Universitaeten von Loja und Quito. In San Francisco, angrenzend an den Podocarpus-Nationalpark im Sueden Ecuadors, wurde im Maerz dieses Jahres eine neue Forschungsstation eroeffnet, die nun Operationsbasis der Forscher sein wird. Das Gebiet selbst, in dem Fauna und Flora der Anden, des Amazonas und der pazifischen Gegenden zusammentreffen, gehoert zu den tier- und pflanzenreichsten Gegenden der Erde. Gottsberger und seine Kollegen forschen hier an einem der "Hot Spots" der biologischen Evolution und Differenzierung.

Einzigartige Pflanzensammlung

Besonders freut den Ulmer Speziellen Botaniker, dass die deutschen Arbeitsgruppen einstimmig beschlossen haben, saemtliche Pflanzenproben nach Ulm zu senden. Das Ulmer Herbarium erhaelt damit nicht allein die Chance, eine einzigartige Pflanzensammlung aus einem hochinteressanten Gebiet aufzubauen, der Obere Eselsberg wird darueber hinaus zum Knotenpunkt der einschlaegigen Forschungsdiskussion, da hier, in enger Zusammenarbeit mit ecuadorianischen Instituten, die Herbarbelege bearbeitet, gegebenfalls an Spezialisten weitergeleitet und saemtliche Daten ueber die Flora des Untersuchungsgebietes im Ulmer Datenbanksystem SysTax gespeichert und allen weiteren deutschen oder ecuadorianischen Arbeitsgruppen zur Verfuegung gestellt werden.


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