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Artenvielfalt im Regenwald der Anden

28.04.1998 - (idw) Justus-Liebig-Universität Gießen

Nr. 34, 28. April 1998

Europäische Union fördert Projekt am Zentrum für regionale Entwicklungsforschung

Der Ostabhang der Anden gilt als eine der Regionen mit der weltweit höchsten Artenvielfalt, aber auch die Verlustrate an Arten erreicht hier weltrekordverdächtige Ausmaße. Unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten ist der Artenverlust schon gründlich erforscht worden, gleichzeitig sind sich aber alle einig, daß der Umweltschutz häufig an den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen eines Landes scheitert. Da wirkt es sonderbar, daß Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler nur selten an ökologischen Forschungsprojekten beteiligt sind. Die Europäische Union fördert deswegen ein Projekt unter Federführung des Zentrums für regionale Entwicklungsforschung mit 700.000 ECU (ca. 1,4 Millionen Mark), an dem außerdem die Universität von Córdoba in Spanien und Forschungszentren in Bolivien und Ecuador beteiligt sind.

Die drei südamerikanischen Länder Ecuador, Peru und Bolivien haben am Osthang der Anden eine Reihe von Regenwaldschutzgebieten eingerichtet. Der Regenwald endet jedoch nicht schlagartig an der Grenze der Naturparks, sondern geht langsam in die von Menschen genutzte Fläche über. Diese "Pufferzonen" interessieren die Forscher, in denen vor allem die Konflikte zwischen dem Naturschutz, den nachdrängenden Siedlern, dem Tourismus und dem Interesse am Abbau von Bodenschätzen ausgetragen werden. In jedem Land werden für das Projekt zwei Schutzgebiete ausgewählt, die einmal hoch am Andenabhang und einmal am Übergang zum Amazonasbecken liegen.

Als Indikator für die Artenvielfalt sollen Moose dienen, die empfindlich auf Veränderungen in der Umwelt reagieren. So wird zum Beispiel beim Holzeinschlag das Kronendach im Regenwald lichter: Moosarten, die sich früher in den Baumkronen angesiedelt hätten, sind dann eher in Bodennähe zu finden. Solche "Biomonitoring"-Verfahren sind in Europa zur großflächigen und kostengünstigen Kartierung von Schadstoffen schon länger üblich, scheiterten in Südamerika aber bisher an der mangelnden Artenkenntnis in den hierfür geeigneten Gruppen der Moose und Flechten. In den letzten Jahre hat es jedoch beträchliche Fortschritte gegeben. Für das Projekt wird der Botaniker Dr. Uwe Drehwald, zur Zeit Göttingen, eingestellt, der seine Doktorarbeit an den Iguazú-Wasserfällen in Argentinien über Moose geschrieben hat.

Von der Universität Córdoba kommt der Sachverstand für sogenannte "Agroforst-Systeme". Was auf einen flüchtigen Blick noch wie unberührter Urwald aussieht, kann trotzdem schon vielfältig für die Gewinnung von Kautschuk, Chinin aus Chinarinde und andere Arzneimittel genutzt werden. Unter den schattenspendenden Bäumen werden Äcker bestellt, Gemüse angebaut und Vieh gehalten. Naturschutz hat dann keine Akzeptanzprobleme in der einheimischen Bevölkerung, wenn die Menschen erkennen, daß er in ihrem Interesse liegt. So kann es durchaus sinnvoll sein, einen der Landschaft angepaßten Tourismus zu entwickeln, der für die Einheimischen neue Einkommensmöglichkeiten schafft.

Der freie Berater Dr. Klaus Gierhake koordiniert von Bolivien aus die politikwissenschaftliche Forschung. Er wird ermitteln, wie sich die politischen und gesellschaftlichen Unterschiede der drei Andenländer auf die ökologisch gesehen ziemlich ähnlichen Schutzgebiete auswirken. So werden eher zufällige, sehr landesspezifische Forschungsergebnisse ausgeschlossen, wie sie bisher noch die sozialwissenschaftliche Literatur dominieren. Gründe für die Übernutzung oder Zerstörung von Landschaft sind die überkommenen gesellschaftlich-politischen Machtstrukturen, die geringe Wertschätzung der Kenntnisse der einheimischen Bevölkerung über angepaßte Nutzungsformen, kurzfristig angelegte Politikziele und das Fehlen einer fachübergreifenden Entwicklungsplanung. In allen Ländern herrscht ein immenser Bevölkerungsdruck auf die Naturschutzgebiete. Deshalb gibt es hier das Berufsbild des professionellen Siedlers, der eine Urwaldfläche rodet, urbar macht, einen Landtitel dafür erwirbt und dann weiterverkauft. Wie dringend die Forschungsergebnisse gebraucht werden, zeigt die weitgehende Ablehnung des ersten Entwurfs für einen "Masterplan zur Schutzgebietsentwicklung in Peru".

Die Koordinierung des Projekts liegt bei Dr. Reinhard Kaufmann vom Zentrum für regionale Entwicklungsforschung. Er ist von Hause aus Biologe und hat viele Jahre in Kolumbien mit biologischen und agrarökonomischen Arbeiten verbracht. Das Zentrum wird mit dem Tropeninstitut und dem Zentrum für kontinentale Agrar- und Wirtschaftsforschung zu einem "Zentrum für internationale Entwicklungs- und Umweltforschung" zusammengelegt, für das das Projekt der Europäischen Union einen hervorragenden Einstand bietet. Von den Projektmitteln bleiben rund 200.000 ECU (ca. 400.000 DM) in Gießen.

"Dies ist ein exzellentes Projekt, hoch-innovativ und gut organisiert, aber sehr ehrgeizig," so bewertete die Europäische Union den Projektantrag aus Gießen und vergab die Note A1. Die Union tritt zunehmend als Drittmittelgeber in Erscheinung. Mit ihrer eigenfinanzierten Forschung will sie sich Kompetenz gegenüber anderen Forschungsträgern und für ihre eigenen Entwicklungshilfeprojekte erarbeiten. Grundsätzlich sind immer Forschungsinstitutionen aus vielen Ländern und Disziplinen beteiligt. Gerade dieser multidisziplinäre Ansatz hat in Südamerika keine Tradition - und selbst in Europa ist es noch ungewöhnlich, daß Natur- und Sozialwissenschaftler zusammenarbeiten. Im übrigen wäre es falsch, so zu tun, als ob der Umweltschutzgedanke in Europa erfunden worden wäre. Die Erhaltung der Flußeinzugsgebiete hat zum Beispiel in Südamerika eine lange Tradition. Hier hatte man sich schon längst an der naturräumlichen Gliederung orientiert, als bei uns die Zuständigkeit für Boden-, Luft-, Wasserschutz etc. noch aufgesplittert war. Vielleicht läßt sich am südamerikanischen Beispiel auch noch einiges für Europa lernen.

Kontaktadresse:

Dr. Reinhard Kaufmann, Zentrum für regionale Entwicklungsforschung, Otto-Behaghel-Straße 10, 35394 Gießen, Telefon 0641 / 99-12700, Fax 0641 / 99-12709


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