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Neue Graduiertenkollegs

10.06.1997 - (idw) Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt (Main)

Johann Wolfgang Goethe-Universitaet Frankfurt am Main

WO ES SICH ZU GRABEN LOHNT

Zwei neue Graduiertenkollegs an der Goethe-Universitaet foerdern Nachwuchs fuer die Wissenschaft / Erstmals Brueckenschlag zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Faechern

FRANKFURT. Die einen haben mit ihrer Forschung schon im April dieses Jahres begonnen, bei den anderen laufen die Vorbereitungen fuer den Start im Oktober auf Hochtouren: Die beiden neuen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligten Graduiertenkollegs ,Archaeologische Analytik" und ,Neuronale Plastizitaet: Molekuele, Strukturen, Funktionen" bieten jungen Nachwuchsforschern die Moeglichkeit, sich gemeinsam mit Professoren auf wissenschaftliches Neuland zu begeben.

Unter dem Titel ,Archaeologische Analytik" arbeiten seit April erstmals in einem Graduiertenkolleg an der Goethe-Universitaet Archaeologen und Historiker mit Geowissenschaftlern, Meteorologen und Mineralogen zusammen. Eine ,Ueberwindung von Erkenntnisbarrieren der gegenwaertigen Archaeologie und neue Arbeitsfelder fuer die Geophysik" erhofft sich der Sprecher des Graduiertenkollegs, Fruehgeschichtler Joachim Henning, von diesem Brueckenschlag zwischen den sonst isoliert forschenden Disziplinen. Zwar ist die Archaeologie schon seit laengerem auf Ergebnisse naturwissenschaftlicher Analysen von Funden angewiesen. Doch durch die systematische, institutionalisierte Zusammenarbeit der Disziplinen versprechen sich die beteiligten Wissenschaftler Anregungen und Erkenntnisfortschritte fuer alle Fachgebiete. Dazu gehoert auch die genauere historische Einordnung von Alltagsgeraeten, Fundmuenzen und anderen Gegenstaenden aus der Antike, die bislang von den Archaeologen vor allem durch ihre Machart datiert wurden. Nun sollen chemisch-mineralogische Analysen mit hochspezialisierten Geraeten Antwort darauf geben, woher die Rohstoffe fuer den Toepferton stammten.

Zwei weitere Schwerpunktprojekte des Graduiertenkollegs widmen sich der Siedlungsarchaeologie im Neolithikum und Fruehmittelalter. Auch hier versprechen sich die Archaeologen von der Zusammenarbeit mit den Naturwissenschaftern eine bessere Kenntnis ueber Differenzierungen in den Siedlungsstrukturen und vor allem auch deren zeitlichen Verlaeufen. War es in einem groszen Fundstellengebiet bislang schwer zu beurteilen, ob sich eine Anlage ueber Jahrhunderte entwickelt hatte, soll die genauere Datierung durch dendrochronologische Analysen (d.i. die Altersbestimmung vorhistorischer Funde durch Analyse der Jahresringe von Holzresten) neue Aufschluesse ueber das Siedlungsverhalten der Bewohner geben. Zugleich ersparen die Geophysiker ihren Kollegen von der Archaeologie manche kostspielige Flaechenausgrabung: Durch Stromstoesze und Messungen von Erdmagnetismus koennen sie ermitteln, wo es sich zu graben lohnt. Andererseits sind die Naturwissenschaftler nicht blosz Zulieferer fuer ihre Kollegen aus den Geisteswissenschaften. Fuer die Geowissenschaftler bedeutet es vielmehr eine Herausforderung, neue Methoden an archaeologischem Material zu erproben und damit Geschichte mit Hilfe der Naturwissenschaften zu erforschen.

Gegraben und geforscht wird in Pompeji und Mainz, in Nordhessen, Brandenburg und voraussichtlich bald auch in Bulgarien, wo eine der groeszten fruehmittelalterlichen Siedlungsanlagen des Balkans zu finden ist. Das Graduiertenkolleg, das zunaechst fuer drei Jahre bewilligt, aber insgesamt auf neun Jahre konzipiert ist, wird mit 1,7 Mio. Mark gefoerdert; dabei werden die geistes- und naturwissenschaftlichen Forscher etwa mit gleichen Teilen der Foerdersumme bedacht, wodurch ein gleichberechtigtes Zusammenarbeiten gesichert wird.

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Im Oktober startet das zweite, ebenfalls zunaechst fuer drei Jahre eingerichtete Graduiertenkolleg, das sich unter dem Titel ,Neuronale Plastizitaet: Molekuele, Strukturen, Funktionen" wissenschaftlich damit beschaeftigen wird, wann, wodurch und wie es zu Veraenderungen im Nervensystem kommt. Das Finanzvolumen, das durch den Bund und das Land Hessen aufgebracht wird, betraegt fuer die ersten drei Jahre nahezu 1,3 Millionen Mark.

Im menschlichen Gehirn gibt es etwa eine Billion Nervenzellen, eine Zahl, die mehr als 100 mal so hoch ist wie die Zahl der Menschen auf der Erde. Diese Nervenzellen sind auf aeuszerst geordnete Weise miteinander verbunden, wodurch die komplexen Leistungen des Gehirns erst moeglich werden. Die Verbindungen zwischen Nervenzellen sind keine festen Verdrahtungen, sondern sie unterliegen Veraenderungen, die waehrend der kindlichen Entwicklung, bei Lernvorgaengen, bei Regenerationsprozessen nach Verletzungen und bei altersbedingten Degenerationserscheinungen auftreten. Der Befund, dasz Nervenzellen ihre Eigenschaften situationsbedingt veraendern, wird "Neuronale Plastizitaet" genannt.

Das Graduiertenkolleg ist thematisch eng an den seit fuenf Jahren existierenden Frankfurter Sonderforschungsbereich 269 ("Molekulare und zellulaere Grundlagen neuronaler Organisationsprozesse") angelehnt, mit dem eine enge fachliche Zusammenarbeit angestrebt wird. Im Graduiertenkolleg soll dem wissenschaftlichen Nachwuchs, d.h. Doktoranden und Postdoktoranden, die Gelegenheit gegeben werden, im Rahmen von eigens auf das Kolleg abgestimmten Forschungs- und Studienprogrammen eine Zusatzausbildung zu bekommen, die ueber die Taetigkeit im Labor hinausgeht und eine breite, fakultaetsuebergreifende Foerderung gewaehrleistet. Diese Zusatzausbildung wird gezielt fuer eine spaetere wissenschaftliche Taetigkeit in den Neurowissenschaften ausgerichtet sein, wodurch schlieszlich auch die Berufsaussichten der Kollegiaten auf diesem Sektor verbessert werden sollen.

Zwoelf Doktoranden und zwei Postdoktoranden erhalten durch Stipendien finanzielle Unterstuetzung fuer ihre Forschungsprojekte, zehn weitere Doktoranden koennen als Kollegiaten ohne Stipendium am Programm teilnehmen. Insgesamt wird das Kolleg somit 24 Kollegiaten betreuen. Das Studienprogramm sieht unter anderem Kolloquien, Workshops, eine Ringvorlesung und Industriebesuche vor. Es wird unter der Leitung von Prof. Eckhard Friauf von 12 Frankfurter Hochschullehrern durchgefuehrt, die in den Fachbereichen Medizin und Biologie der Universitaet und am Max-Planck-Institut fuer Hirnforschung arbeiten und ein forschungsrelevantes Lehrprogramm zusammengestellt haben.

Wie seinem Titel zu entnehmen ist, konzentriert sich das Forschungsprogramm des Kollegs auf molekularbiologische, anatomische und physiologische Arbeitsbereiche, zwischen denen ein intensiver Informationsaustausch stattfinden soll. Bundesweit existieren zur Zeit ca. sechs Graduiertenkollegs mit neurowissenschaftlicher Thematik, eines davon ist das Frankfurter ,Neuronale Plastizitaet: Molekuele, Strukturen, Funktionen".

Bewerben fuer die Aufnahme ins Kolleg ,Neuronale Plastizitaet: Molekuele, Strukturen, Funktionen" als Doktorand koennen sich Naturwissenschaftler mit abgeschlossenem Hochschulstudium oder Medizinstudenten mit erstem Staatsexamen. Bewerbungsschlusz ist der 22. Juni 97.

FRADUIERTENKOLLEGS WIE WISSENSCHAFTLICHER NACHWUCHS GEFOERDERT WIRD

Graduiertenkollegs sind von Bund und Laendern finanzierte und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft verwaltete langfristige Einrichtungen an Hochschulen, die der Foerderung und Ausbildung des graduierten wissenschaftlichen Nachwuchses dienen. Dazu bieten Graduiertenkollegs Stipendiatenplaetze fuer Doktoranden und Postdoktoranden an, die in einem gemeinsamen Forschungs- und Studienprogramm eine interdisziplinaere Zusatzqualifikation erhalten.

An der Goethe-Universitaet gibt es derzeit acht Graduiertenkollegs: zu den Themen ,Europaeische mittelalterliche Rechtsgeschichte, neuzeitliche Rechtsgeschichte und juristische Zeitgeschichte", ,Psychische Energien bildender Kunst", ,Theoretische und experimentelle Schwerionenphysik", ,Chemische und biologische Synthese von Wirkstoffen", ,Proteinstrukturen, Dynamik und Funktion" sowie den Schwerpunkten der beiden neu bewilligten Kollegs.

Weitere Informationen zum Graduiertenkolleg ,Archaeologische Analytik" erteilt der Sprecher des Kollegs: Prof. Dr. Joachim Henning Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften Seminar fuer Vor- und Fruehgeschichte Arndtstr. 11 Tel. 069/798-22220, 23327

Weitere Informationen zum Graduiertenkolleg ,Neuronale Plastizitaet: Molekuele, Strukturen, Funktionen" http://www.klinik.uni-frankfurt.de/Graduiertenkolleg oder beim Sprecher des Kollegs: Prof. Dr. E. Friauf, Zentrum der Physiologie am Universitaetsklinikum (Fax: 069/6301-6023; E-mail: Friauf@em.uni-frankfurt.de ).

Mit besten Grueszen

Pia J. Barth Pressereferentin


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