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Durchbruch für NS-Bewegung

17.06.1998 - (idw) Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH

NS-Bewegung: Vom "Auf und Ab" zum Durchbruch

Themen von öffentlichen Veranstaltungen wechselten

Berlin (wbs) Nicht mit Antisemitismus und Rassismus gestaltete die NS-Bewegung Ende der zwanziger Jahre, als sie ihren Siegeszug antrat, vor großem Publikum ihre Propaganda, sondern mit Themen wie den Reparationsverträgen ("Young-Plan"), der "nationalen Unterdrückung" sowie "Kommunismus und Sozialismus". Wie aus einer Analyse von 1.116 öffentlichen Versammlungen der NSDAP in der Zeit von 1925 bis 1930 hervorgeht, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) jetzt vorlegt, wandelten sich die Nationalsozialisten von einer bloß skandalisierenden Protestbewegung zu einer Partei mit nachhaltigem Anspruch, politische und wirtschaftliche Probleme zu lösen.

Nach der Wiedergründung 1925 machte die NSDAP zunächst weder in der Mitglieder- noch in der Wählerentwicklung große Fortschritte. Wie das nationalistische Lager insgesamt, befand sich die NS-Bewegung sogar im Abwärtstrend, wie die Reichstags- und Landtagswahlen vom Mai 1928 zeigen. Aber schon Ende 1929 bezeichnete die Münchner Polizeidirektion die NSDAP als "Volkspartei des Protests" und sprach von ihrem bemerkenswerten Aufschwung, der sich dann in den Wahlen von 1930 niederschlug.

In der damaligen Zeit ohne die heutigen Massenmedien propagierte die NS-Bewegung ihre Problemdeutungen vorrangig in politischen Veranstaltungen. Diese mußten - nach einer Direktive der Parteiführung - im "Völkischen Beobachter", der Parteizeitung, annonciert werden. In einem Forschungsvorhaben der WZB-Abteilung "Öffentlichkeit und soziale Bewegungen" wurden nun derartige Ankündigungen in der Sparte "Aus der Bewegung" für den Zeitraum von Februar 1925 bis September 1930 inhaltlich analysiert.

Insgesamt wurden 7.125 Ankündigungen zu 3.146 verschiedenen Veranstaltungen in München registriert. Rund die Hälfte (1.551) betraf interne Parteitreffen; die anderen 1.595 kündigten öffentliche Versammlungen an, von denen wiederum 1.116 jeweils Thema und Redner nannten.

Die Untersuchungsfrage der WZB-Wissenschaftler lautete, ob der "Erfolg" der NS-Bewegung mit der Veränderung propagierter Themen und Themen-Kombinationen zusammenhängt. Dazu wurden die 1.116 Vortragsthemen inhaltsanalytisch erfaßt und in 24 Kategorien klassifiziert.

Die Ergebnisse zeigen deutliche Veränderungen bei den Themenschwerpunkten der öffentlichen Veranstaltungen, für die geworben wurde. Ein Bezug zur eigenen NS-Bewegung und das Wort "national" kommen am häufigsten vor. Erstaunlich sind jedoch vor allem die Karrieren von Themen über die Zeit - besonders die "Gewinner" und "Verlierer".

Die auffälligsten Verlierer sind die Themen "Rasse" und "Judentum", die die NS-Propaganda am Ende der 20er Jahre nicht mehr zur Etablierung eines eigenen politisch relevanten Profils nutzte. Dieser verblüffende Befund scheint mit den Thesen Daniel Goldhagens über die lange Geschichte eines umfassenden und radikalen Antisemitismus in Deutschland schwer vereinbar.

Deutliche Gewinner sind Themen, die sich mit den Reparationsverträgen beschäftigen - hier insbesondere die Agitation gegen den Young-Plan, der Deutschland unterdrücke -, die die "NS-Politik als Chance" für die Lösung nationaler Probleme propagieren und jene Themen, die sich mit dem "Kommunismus und Sozialismus" befassen.

Hatte die NSDAP zunächst auf antisemitische Propaganda und Diskriminierung anderer gesetzt, so gelang es ihr insbesondere durch ihr Auftreten gegen den Young-Plan, sich zum zukunftsfähigen Wahrer deutscher Interessen und zum "Retter in der Not" zu stilisieren. Aus dem "Auf und Ab" der NS-Bewegung erfolgte schließlich bei der Reichstagswahl 1930 der Durchbruch - auch aufgrund geänderter Formen und Inhalte ihrer Öffentlichkeitsarbeit.


"Konjunkturen der NS-Bewegung", in: WZB-Mitteilungen, Heft 80 (Juni 1998), S. 31 - 34
Helmut K. Anheier, Friedhelm Neidhardt, Wolfgang Vortkamp, Konjunkturen der NS-Bewegung, 39 S.
(WZB-Bestellnummer FS III 98-104)

Weitere Informationen:
Professor Friedhelm Neidhardt, Telefon: 030-25 49 15 01


Den Text dieser Pressemitteilung gibt es auch in elektronischer Form über den "informationsdienst wissenschaft" (idw) sowie auf den Internet-Seiten des WZB:

http://idw.tu-clausthal.de/
http://www.wz-berlin.de
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