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Mathe-Unterricht in Thüringen flexibler als in Bayern?

24.06.1998 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jenaer Studie liefert erste Anhaltspunkte

Jena. (24.06.98) Lernen Thüringer Schüler besser rechnen als bayerische? - "Für qualitative Bewertungen ist der Datenpool unserer Fallstudie zu schmal", faßt der Jenaer Mathematikdidaktiker Prof. Dr. Bernd Zimmermann die Ergebnisse eines kleinen DFG-Projekts zusammen, "aber es gibt Anhaltspunkte dafür, daß der Unterricht von Freistaat zu Freistaat anders organisiert ist." Gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Rainer Dörr hat Zimmermann den Mathe-Unterricht in sechs Thüringer und bayerischen Schulen untersucht, um Fragestellungen und Forschungshypothesen zu erarbeiten. "Unsere Studie ist keine Felduntersuchung, vor globalen Behauptungen müssen wir uns hüten", warnt er.

Dennoch gab es überraschende Resultate. So war der Unterricht in den vier ausgewählten Regelschulen in Jena, Kahla und Dorndorf insgesamt offener und flexibler gestaltet als in den beiden Bamberger Vergleichsschulen, und es wurde mehr im Klassenverband geübt als durch Hausaufgaben; die bayerischen Realschüler pauken zielgerichteter auf Prüfungen hin.

Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien unterscheiden sich nur unwesentlich durch "terminologische Gewohnheiten", aber die Lehrpraxis ist doch anders. So wird an den untersuchten Schulen in Bayern eher deduktiv vorgegangen, das heißt: Der Lehrer entwickelt neuen Stoff an Hand von Definitionen und Sätzen, die anschließend in Übungsaufgaben überprüft werden; in den vier Thüringer Schulen hingegen erarbeitet man ma-thematische Regeln lieber gemeinsam induktiv an Beispielen. "Ich möchte das weder als gut noch als schlecht bewerten", bleibt Zimmermann vorsichtig, "denn gesicherte Erkenntnisse darüber, wie sich das etwa auf die Motivation oder die Leistung der Schüler auswirken könnte, haben wir bei unserem Ansatz nicht gewinnen können." Auch sein Mitarbeiter Rainer Dörr will die Jenaer Studie nicht zur Lehrerschelte mißbraucht sehen. "Für den Lernerfolg spielen komplexe Faktoren eine Rolle, die Analyse des Unterrichtsaufbaus gibt Hinweise, kann aber noch nicht Basis eines idealtypischen Konzepts sein."

Klar ist jedoch beiden Wissenschaftlern, daß beim bundesdeutschen Mathematikunterricht einiges im argen liegt. Zuletzt hatten die deutschen Schüler in der Third International Mathematics and Science Study (TIMMS) erschreckend schwach abgeschnitten. "Wir müssen befürchten, daß die Grundlage für naturwissenschaftliches Studieren und Forschen in einem Maße verlorengeht, daß wir weltweit nicht mehr konkurrenzfähig sind", warnt Zimmermann. Zwar seien nach seiner Beobachtung die Schüler in den neuen Bundesländern robuster und durchsetzungswilliger und besäßen ein besseres Stehvermögen, ob sie aber damit Vorbilder für ihre westdeutschen Kameraden sein könnten, will Zimmermann nicht pauschal behaupten.

"Ich sehe grundsätzlich - in Ost wie West - Defizite in der Lernkultur", beschreibt er das Dilemma. Einmütig beklagen Zimmermann und Dörr, daß die Lerndisziplin durch Freizeitangebote und Fernsehen, die die Kinder eher in eine Konsumhaltung bringen, abgenommen hat. Und moderne Methoden, die ein aktiv-entdeckendes Lernen fördern, sind gerade im Mathe-Unterricht weder hüben noch drüben weit verbreitet. "Veränderungen brauchen erfahrungsgemäß einen langen und dornigen Weg - vom schwierigen kultusministeriellen Kon-sensbildungsprozeß bis zu möglichen Empfehlungen für die Schulpraxis", so Zimmermann, "unsere Studie ist da nur ein kleiner Schritt."

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Bernd Zimmermann, Tel.: 03641/946491
e-mail: bezi@mathematik.uni-jena.de

Friedrich-Schiller-Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Wolfgang Hirsch
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel.: 03641/931031
Fax: 03641/931032
e-mail: h7wohi@sokrates.verwaltung.uni-jena.de
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