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Skelettszintigraphie bei Kindern und Jugendlichen

04.07.1998 - (idw) Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin

Bei der Untersuchung des kindlichen Skeletts auf bösartige (maligne) Tumoren und / oder Metastasen (Tumorabsiedlungen), aber auch auf entzündliche Prozesse oder traumatische Veränderungen hin spielt die Skelettszintigraphie - so das Ergebnis einer aktuellen Studie an der Ludwig-Maximilians-Universität München - eine immer wichtigere Rolle. Im Gegensatz zu Röntgen-CT und Magnetresonanztomographie (MRT), die beide oft erst die im späteren Krankheitsverlauf auftretenden morphologischen Veränderungen darstellen können, macht die Szintigraphie bereits die frühen Veränderungen im Knochenstoffwechsel sichtbar. Zudem sind - ohne zusätzliche Strahlenbelastung - problemlos Ganzkörperuntersuchungen möglich. Moderne Radiopharmazeutika gewährleisten, daß die entstehende Strahlenexposition stetig weiter gesenkt werden kann. Sie liegt heute mit 5,8 mSv/MBq applizierter Aktivität deutlich unterhalb der Strahlenbelastung, die bei einer Röntgen-Computertomographie auftritt. Da sich die Mengen der injizierten Substanz lediglich im Nanogrammbereich bewegen, können zudem allergische Reaktionen oder ein Einfluß auf den kindlichen Stoffwechsel ausgeschlossen werden. Auch eine Sedierung (Ruhigstellung) der kleinen Patienten ist nur in seltenen Fällen notwendig.

Skelettszintigraphie

Zum Einsatz kommt bei der Skelettszintigraphie heute das Radiopharmazeutikum Technetium-Phosphonat, das mit nur sechs Stunden eine recht kurze physikalische Halbwertszeit besitzt. Das Phosphonat wird nach der Injektion in den Blutkreislauf oberflächlich an den Knochen angelagert, wobei das Ausmaß dieser Anreicherung abhängig ist von der Dicke des Knochens, seiner Durchblutung und vor allem von der Aktivität der Umbauvorgänge in der Knochensubstanz. Nicht-adsorbiertes Technetium-Phosphanat wird nach kurzer Zeit über die Nieren wieder aus dem Körper ausgeschieden.
Ein großer Vorteil der Skelettszintigraphie gegenüber allen anderen Verfahren ist die Möglichkeit einer Untersuchung des gesamten Körpers ohne jegliche zusätzliche Strahlenbelastung. Selbst bei örtlich begrenzten Fragestellungen empfiehlt sich daher ein Ganzkörperscan, um auch bisher unbekannte, weitere Herde aufspüren zu können. Soll also beispielsweise ein Entzündungsherd näher untersucht werden, bedeutet es keinerlei Mehraufwand, sicherzustellen, daß sich nicht anderswo weitere Herde im Skelett gebildet haben. Zur genaueren Untersuchung einzelner Skelettregionen lassen sich Schichtaufnahmen in der sogenannten "Single-Photon-Emission-Computed-Tomographie" (SPECT) anfertigen. Dieses Verfahren - in der Darstellung vergleichbar der Röntgen-CT - erlaubt eine detailliertere, überlagerungsfreie, dreidimensionale Darstellung ausgewählter Skelettareale.
Thema der Studie an der Ludwig-Maximilians-Universität war zum einen die Darstellung der Hauptanwendungsgebiete der Skelettszintigraphie bei Kindern und Jugendlichen. Überprüft werden sollte aber auch der Stellenwert als Ganzkörpermethode bei gut- und bösartigen Knochentumoren sowie entzündlichen Knochenerkrankungen.
Anhand von 150 Skelettszintigraphien bei jugendlichen Patienten wurden die zuvor mittels der MRT und Röntgen-CT erhobenen Untersuchungsbefunde in Bezug auf Lage, Anzahl und Charakterisierung überprüft. Dabei litten 46 Prozent der Kinder und Jugendlichen an Krebs, 34 Prozent an entzündlichen Erkrankungen und 16 Prozent wiesen traumatische Veränderungen auf. Nur fünf Prozent der Patienten wurden mit Verdacht auf einen gutartigen Knochentumor überwiesen.

Bösartige Tumoren mit Beteiligung des Knochens und /oder Metastasierung

69 Kinder wurden wegen maligner Tumoren und/oder Metastasen untersucht. Dabei konnten in 72 Prozent der Fälle nicht nur die MRT-Befunde bestätigt, sondern darüber hinaus weitere Knochenbeteiligungen an anderen Stellen im Skelett gefunden werden, die bisher unentdeckt geblieben waren. Dies ist möglich, da die Skelettszintigraphie in erster Linie die unterschiedliche Aktivität des Knochenstoffwechsels und der Knochenumbauvorgänge darstellt. Diese Aktivität jedoch ist in von Tumoren betroffenen Skelettarealen erheblich höher als in gesundem Knochengewebe und erscheint im späteren Bild dementsprechend deutlich intensiver (heller oder dunkler, je nach Darstellungsweise). Für die kleinen Patienten bedeuten diese neuen Informationen unter Umständen, daß eine andere als die bisher vorgesehene Therapie die optimalen Heilungschancen birgt. Rechtzeitig erkannt, kann nun eine exakt auf das Krankheitsbild des einzelnen Kindes zugeschnittene Behandlung geplant werden.

Entzündliche Weichteil- und Skelettveränderungen

51 Kinder und Jugendliche wurden mit Verdacht auf entzündliche Erkrankungen wie etwa Osteomyelitis oder Polyarthritis untersucht. Um entzündliche Weichteil- von entzündlichen Prozessen im Knochen hochempfindlich und relativ spezifisch unterscheiden zu können, kommt hier die sogenannte Mehrphasen-Skelettszintigraphie zum Einsatz (im Gegensatz zur "einfachen" Untersuchung, bei der die Verteilung des markierten Phosphanats im Skelett lediglich einmal, zwei bis vier Stunden nach der Injektion aufgenommen wird). Mit Hilfe dieser Mehrphasentechnik kann - kurz nach der Injektion des Radiopharmakons - neben den Knochenumbauvorgängen - auch die arterielle und venöse Versorgung des Knochengewebes sichtbar gemacht werden Diese Informationen erlauben eine Aussage über Lokalisation und Intensität entzündlicher Prozesse. Dadurch war nicht nur die gewünschte Differenzierung zwischen Knochen- und Weichteilentzündung, sondern auch eine Verifizierung weiterer Herde bei Verdacht auf Vorliegen einer multifokalen Osteomyelitis (an mehreren Stellen des Skeletts gleichzeitig auftretende Osteomyelitis) problemlos möglich. Auch hier haben die Ergebnisse wieder erheblichen Einfluß auf die optimale Therapieplanung.

Traumatisch bedingte Skelettveränderungen

Auf traumatisch bedingte Skelettveränderungen wurden 24 Kinder untersucht. In diesem Bereich spielt der Nachweis von Kindesmißhandlungen eine wichtige Rolle. Denn nicht selten stehen die ermittelnden Behörden vor dem Problem, daß das betroffene Kind aus Angst behauptet, seine aktuellen, äußerlich sichtbarenVerletzungen rührten von einem Unfall, etwa von einem Sturz von der Treppe her. Die Skelettszintigraphie macht es möglich, auch länger zurückliegende Knochenbrüche und damit mehrfach aufeinanderfolgende Traumatisierungen hochempfindlich zu dokumentieren. Daher hat das Ganzkörperscreening auf dem Gebiet des Nachweises von Kindesmißhandlungen mehr und mehr an Bedeutung gewonnen, auch wenn allein skelettszintigraphisch eine Differenzierung zwischen einer Kindesmißhandlung und einem Trauma anderer Ursache nicht abschließend möglich ist.
Ein anderes Einsatzgebiet der Szintigraphie sind Verletzungen mit lokalisierter Schmerzsymptomatik, die im Röntgenbild nicht sichtbar gemacht werden können. Auch hier kann die Skelettszintigraphie aufgrund ihrer weniger morphologisch, sondern vielmehr funktionell orientierten Darstellung wertvolle Hinweise auf das Vorliegen von traumatischen Skelettveränderungen liefern. Typische Beispiele sind Rippenfrakturen und Frakturen des Steißbeins, aber auch Spiralfrakturen der langen Röhrenknochen, die durch Röntgen oft nur schwer erfaßbar sind.

Dr. Sinikka Held, Prof. Dr. Klaus Hahn

Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin, Klinikum Innenstadt der
Ludwig-Maximilians-Universität München

Weitere Informationen bei:
Prof. Dr. Klaus Hahn
Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin
Klinikum Großhadern
Marchioninistraße 15
81377 München
Tel. 089/7095-4610 oder 7095-4611

Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin e.V.
Heike Jordan, Pressereferentin
Im Hassel 40
37077 Göttingen
Tel. 0551/376447, Fax 376453
e-mail: heike.jordan@t-online.de


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