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Prof. Dr. Karl Otmar Freiherr von Aretin 75 Jahre

10.07.1998 - (idw) Technische Universität Darmstadt

Festvortrag von Prof. Dr. Winfried Schulze, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, zum 75. Geburtstag von Prof. Aretin am 15. Juli 1998, 18.00 Uhr, in Hörsaal 053 im Audimax-Gebäude der TU Darmstadt, Karolinenplatz 5, 64289 Darmstadt.

Professor Dr. Karl Otmar Freiherr von Aretin 75 Jahre

Am 2. Juli 1998 vollendete Prof. Dr. Karl Otmar Freiherr von Aretin das 75. Lebensjahr. Aus diesem Anlaß lädt der Präsident der TUD den derzeitigen Vorsitzenden des Wissenschaftsrat, Prof. Dr. Winfried Schulze, zu einem Festvortrag. Prof. Schulze spricht

am Mittwoch, dem 15. Juli 1998, um 18.00 Uhr, Hörsaal 053, Audimax-Gebäude der TU Darmstadt, Karolinenplatz 5, 64289 Darmstadt

über die "Kulturwissenschaften zwischen Selbstverständlichkeit und Nützlichkeit" und reflektiert damit nicht nur abstrakt eine Frage von hoher aktüller Bedeutung, sondern umreißt zugleich ganz konkret die Rolle von Aretins an der TUD. An ihr hatte er von 1964 bis 1988 den Lehrstuhl für Zeitgeschichte inne. In diese Zeit fiel der Umbau der TH und damit der Fakultät für Kultur- und Staatswissenschaften, die Gründung des Instituts für Geschichte, die Aufnahme der Lehramtsstudiengänge, der Streit um die Hessischen Rahmenrichtlinien und vieles andere mehr.
An allen diesen Vorgängen hat von Aretin nicht nur mitgewirkt in des Wortes plattester Bedeutung, sondern er hat eingegriffen, sich zu Wort gemeldet, die Richtung mitbestimmt. Die Zeit nicht nur beobachtend und kommentierend mitzuerleben, sondern gestaltend in sie einzugreifen, also zu handeln - das haben ihm Familientradition und Erziehung nahegelegt, nahe und ferne Verwandte vorgelebt. Der Vater bekämpfte als Redakteur der "Münchner Neuesten Nachrichten" Hitler schon lange vor 1933 und saß deshalb von März 1933 an 14 lange Monate im KZ Dachau, der Schwiegervater, Henning von Tresckow, zählte zu den aktivsten Verschwörern und büßte dafür nach dem 20. Juli 1944 mit dem Leben. Wer solches aus der Nähe erfährt, betreibt Geschichtswissenschaft nicht nur in der Absicht, "zu zeigen, wie es eigentlich gewesen", für den hat das Fach Geschichte einen prinzipiell kritischen und erzieherischen Auftrag. Von Aretin selbst ist dem persönlich niemals ausgewichen. In Zeitung, Rundfunk und Fernsehen hat er seit seiner Promotion für eine zeitnahe Geschichtswissenschaft geworben. Nach seiner Berufung an die TH setzte er gemeinsam mit seinem Kollegen Eugen Kogon durch, daß angehende Gewerbe- und Sozialkundelehrer auch Studienleistungen in Zeitgeschichte zu erbringen haben. Die Entwurf gebliebenen Hessischen Rahmenlichtlinien schließlich bekämpfte er, weil das Fach Geschichte mit seinem unverzichtbaren Auftrag der Selbstvergewisserung und Aufklärung in einer Gesellschaftskunde untergehen sollte, die die Vergangenheit nur noch als Steinbruch für Argumente betrachtete. "Niemand wird es uns ersparen, daß wir mit uns selber fertig werden", schrieb er 1982 den Schulreformern ins Stammbuch.
Zeitgeschichte ist von Aretin also gewissermaßen buchstäblich auf den Leib geschrieben. Als Zeithistoriker hat man ihn nach Darmstadt geholt und die Geschichte zwischen 1919 und 1945 gehört zu den bevorzugten Gegenständen seiner Beschäftigung mit der Vergangenheit. Seine beiden engsten Mitarbeiter am Institut für Europäische Geschichte haben 1993 seine wichtigsten Beiträge unter dem Titel "Nation, Staat und Demokratie in Deutschland" herausgegeben und damit Kollegen und Lesern in Erinnerung gerufen, wie wichtig für von Aretin die Auseinandersetzung mit dem "Dritten Reich" und seiner Vorgeschichte seit jeher ist.
"In Erinnerung gerufen" deswegen, weil von Aretin selber dieser Einsicht zwei Hindernisse in den Weg gelegt hat. Erstens hat er nämlich niemals eine Monographie zu diesem Zeitabschnitt verfaßt und Bücher, auch wenn sie unsere Erkenntnis eher bündeln als voranbringen, bleiben bekanntlich besser in unserem Gedächtnis haften als noch so wichtige Aufsätze. Die Zeit zur Monographie hat von Aretin einfach gefehlt, denn Bücher - dies ist der zweite Grund - widmete er vorzugsweise einer anderen Epoche: dem Alten Reich, wie sein letztes, dreibändiges, ein ganzes Forscherleben bilanzierendes Werk heißt, d.h. die gut 150 Jahre zwischen Westfälischem Frieden und Untergang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im Jahre 1806. Es ist nicht übertrieben, wenn man feststellt, daß die Aufwertung, die diese von den Historikern so lange vernachlässigte Epoche nach 1945 erfahren hat, zu einem erheblichen Teil auf das Konto von Aretins geht. Heute ist die Frühe Neuzeit eine eigene, fest etablierte Spezialdisziplin geworden, gut organisiert, mit eigener Zeitschrift versehen und in Büchern, Bildbänden und Ausstellungen breites Interesse der Öffentlichkeit erfahrend. Als von Aretin 1946 in München mit dem Studium begann, war das vollkommen anders. Von seinem Lehrer, dem berühmten Franz Schnabel, fand er weder in dieser noch in anderer Hinsicht Förderung. Es war auch hier die Erfahrung der Zeitgeschichte. Mangelnde Verfassungstreue, unfähige Kabinette, Großmachtstreben und Teilungspolitik - das waren - und sind bis heute - die Kategorien, mit denen von Aretin die Geschichte der Frühen Neuzeit erfaßt. Er holte sie aus verstaubten Archiven und vergilbten Buchrücken und präsentierte sie lebendig, d.h. im Hinblick darauf, was Größe und Versagen von Monarchen, Ministern und Diplomaten für die Summe deutscher Geschichte bedeutet haben. Diese Summe ist eine in föderaler Organisation aufgehobene Rechtsordnung, die weder Despotie noch Hegemonie erlaubte bzw. vertrug und die von Napoleon dank verantwortungsloser, wie es bei von Aretin immer wieder heißt, Vorarbeit der letzten habsburgischen und preussischen Monarchen zerstört worden ist.
Wem die Geschichte des Alten Reiches ans Herz gewachsen ist, dem ist die Beschränkung auf nationale Standpunkte ein Greuel. Daß von Aretin deshalb 1968 im Nebenamt - das Wort umschreibt nur unzureichend, was er auch in dieser Funktion in einem viertel Jahrhundert geleistet hat - Ko-Direktor des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz wurde, ist daher nicht nur Ergebnis persönlicher Verbindungen (ohne die Karrieren unmöglich bleiben), sondern liegt in der Logik seines wissenschaftlichen Interesses. Hier hat von Aretin wissenschaftlich und wissenschaftspolitisch Bahnbrechendes geleistet, namentlich was die Anbahnung von Kontakten mit Südost- und Osteuropa betrifft. Verbindungen hat er angeknüpft und Nachwuchskräfte nach Mainz eingeladen, als wäre er ein Zeitgenosse des Fürsten Kaunitz. Für den Eisernen Vorhang war da wenig Platz und daß die Universität Posen ihm 1984 als erstem Deutschen den Ehrendoktor verliehen hat, zeigt mehr als vieles andere, wie wichtig seine Brückenschläge gerade in jenen Zeiten geschlossener Grenzen waren.
Den Ruf nach Köln hat von Aretin 1970 abgelehnt, den Ruf nach München hat er nie erhalten, aber seine heimliche Liebe gehört Italien. Dorthin ist er unter heute unvollstellbaren Bedingungen erstmals 1947 gereist, über das Papsttum - eine freilich mehr als nur italienische Institution - hat er 1970 ein in orthodoxen katholischen Kreisen anstößig wirkendes Buch vorlegt und über Reichsitalien, jenes Archipel kaiserlicher Lehen und anderer Gerechtsame, hat er eine Monographie schreiben wollen. Geworden ist daraus die dreibändige Darstellung "Das Alte Reich", die Summe seines Forschens als Frühneuzeithistoriker.
Das kleine Institut für Geschichte ist dankbar und stolz zugleich, zu seinen Mitgliedern eine so ausgezeichnete Persönlichkeit zählen zu dürfen und wünscht Prof. von Aretin für seine weiteren Vorhaben Glück und Gesundheit.

Christof Dipper

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