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Sozialwissenschaften:Karrieren von Frauen und Männern in der Mathematik

20.07.1998 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Haben Frauen von vornherein eine andere Laufbahn im Kopf als Männer, wenn sie ein Mathematikstudium beginnen? Unterscheiden sich die beruflichen Lebenswege von Mathematikern und Mathematikerinnen in auffallender Weise, und wenn das so ist, welche Erklärungen lassen sich dafür finden? Die Volkswagen-Stiftung hat einer interdisziplinären Projektgruppe in Erlangen und Kaiserslautern eine Summe von knapp 700.000 Mark zur Erforschung dieser Thematik für zunächst drei Jahre gewährt. Geschichtliche Daten werden dabei ebenso analysiert wie die Situation und die Perspektiven derjenigen, die heutzutage ein Mathematikstudium abschließen.

Mit einer Eröffnungsveranstaltung wird das Projekt mit dem Titel "Frauen in der Mathematik - Determinaten von Karriereverläufen in der Mathematik unter geschlechtsvergleichender Perspektive" am 14. Juli 1998 in Kaiserslautern vorgestellt. Es steht unter der Leitung von Prof. Dr. Helmut Neunzert, Fachbereich Mathematik der Universität Kaiserslautern, der 1991 als einer der Initiatoren der Sofia-Kovalevskaia Gastprofessur hervortrat, und Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm, die an der Universität Erlangen-Nürnberg den in Bayern einzigen Lehrstuhl für "Sozialpsychologie, unter besonderer Berücksichtigung der sozialpsychologischen Frauenforschung" inne hat.

Berufskarrieren in der Mathematik, vom Beginn unseres Jahrhunderts bis zu seinem Ende betrachtet, sollen Auskunft darüber geben, welche Faktoren fördernd bzw. hemmend wirkten. Die Erkenntnisse der Untersuchung zu nutzen, um praktische Maßnahmen einleiten zu können, die Frauen den Weg in entsprechende Karrieren erleichtern, ist zwar nicht der Inhalt, sicher aber ein Ziel des Vorhabens.
Das Projekt zeichnet sich aus

* durch seine Interdisziplinarität, die Zusammenarbeit von Forschenden auf den Gebieten der Mathematikgeschichte, Sozialpsychologie und Mathematik;

* durch den geschlechtsvergleichenden Ansatz, der im deutschsprachigen Bereich erstmals auf Berufskarrieren in der Mathematik angewendet wird;

* durch das kombinierte historiographisch-sozialpsychologische Vorgehen, wobei längerfristige Determinanten eines geschlechtsdifferenten Verhaltens gegenüber der Mathematik von kurzfristigen Einflußgrößen unterschieden werden sollen; dabei geht es darum, nach Konstanten bei der Wahl von Mathematik als Studienfach und Beruf sowie nach schneller veränderlichen Größen - z.B. in Abhängigkeit von der veränderten Rolle der Frau - zu fragen.


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Die historische Komponente wird von der Mathematikhistorikerin Renate Tobies bearbeitet, die im SS 1993 die Sofia-Kovalevskaia Gastprofessur in Kaiserslautern bekleidete und im Rahmen eines Projektes des Landes Rheinland-Pfalz neue Methoden erprobte. Während die bisherigen historiographischen Arbeiten von ihrem Ansatz her auf Studien über einzelne Mathematikerinnen beschränkt waren, beruht der geschlechtsvergleichende Ansatz auf der Analyse personenbezogener Archivakten von 21 Universitäten sowie der Deutschen Hochschulschriften. In den drei Jahren werden zunächst die der Berufskarrieren von weiblichen und männlichen Promovenden bei führenden Mathematikern im Vergleich ausgewertet und die Berufswege der Absolventinnen und Absolventen der Mathematik statistisch erfaßt.


Familienfreundlicher Lehrberuf?

Die sozialpsychologische Seite untersucht Dipl. Psych. Martina Schradi in Erlangen, wo unter der Leitung von Prof. Abele-Brehm bereits seit mehreren Jahren über die berufliche Laufbahnentwicklung unter geschlechtsvergleichender Perspektive geforscht wird. Entsprechend entwickelte Modelle sollen erstmals spezifisch auf Absolventinnen und Absolventen der Mathematik angewandt werden. Ausgehend von qualitativen Interviews sollen Fragebogendaten im Rahmen einer Längsschnittstudie ausgewertet werden. Die Analyse wird sich auf ca. 1.000 Abschließende an den Universitäten Erlangen, Kaiserslautern, Berlin sowie an weiteren Universitäten beziehen.

Ausgangspunkt für das interdisziplinäre Unternehmen ist ein gemeinsam erarbeitetes inhaltsanalytisches Raster, das sowohl die historiographische als auch die sozialpsychologische Untersuchung trägt. Die Forschungsziele sind als Hypothesen formuliert; sie beziehen sich sowohl auf die aktuelle Situation als auch auf den historischen Vergleich und sollen auf der Basis der Forschungsergebnisse einer objektiven Prüfung unterzogen werden.

So ist z.B. eine Hypothese, daß diejenigen Frauen, die sich für Mathematik interessieren, das Fach weniger in Richtung auf eine wissenschaftliche Karriere studieren. Die bevorzugte Wahl des Lehramtstudiums zu Beginn des Beobachtungszeitraumes war vornehmlich durch das Streben nach materieller Sicherheit motiviert. Gegenwärtig wird diese Wahl offensichtlich durch die Hoffnung auf bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie bestimmt.

Es wird erwartet, daß dieses interdisziplinäre Projekt letztendlich die Ursachen für die Tatsache, daß Frauen in mathematischen Berufen unterrepräsentiert sind, aufhellen wird. Und natürlich besteht auch die Hoffnung, daß sich aus den Erkenntnissen Vorschläge für die Verbesserung der Situation ergeben werden.

* Kontakt:

Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm, Lehrstuhl Sozialpsychologie, Bismarckstraße 6, 91054 Erlangen,
Tel.: 09131/85 -2307, Fax: 09131/85 -2951, E-Mail: abele@phil.uni-erlangen.de
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