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Kultur und Krankheit

05.08.1998 - (idw) Universität zu Köln

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Schizophreniefälle in Deutschland und Nigeria

Um die Heilungsaussichten Schizophreniekranker ist es in den Entwicklungsländern häufig besser bestellt als in modernen In-dustrienationen. Dem liegt eine größere Toleranzbereitschaft bezüglich abweichender Verhaltensweisen zugrunde. Im Verständ-nis vieler Völker ist zudem die Grenze zwischen Traum und Wirk-lichkeit verwischter als bei uns. Dies ermöglicht es den Kran-ken, ihr Gesicht zu wahren und sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Zu diesem Ergebnis gelangt Dr. Susanne Schmitz in einer Studie, die am Zentrum für Neurologie und Psychiatrie der Universität zu Köln erstellt wurde.

Durch den Vergleich deutscher und nigerianischer Schizophrenie-patienten zeigt die Medizinerin, daß die Art, wie die Betroffe-nen ihr Leiden erleben, je nach der Kultur, in der sie leben, divergiert. Halluzinationen werden von deutschen Schizophrenen überwiegend als bedrohlich und krankheitszugehörig empfunden. Nigerianer berichten diesbezüglich eher von positiven Erfahrun-gen, denn Visionen spielen in ihrer Kultur auch bei Gesunden eine große Rolle.

Symptome wie Schlaf-, Appetit- oder Denkstörungen, Wahnerschei-nungen und Halluzinationen kommen bei beiden Patientengruppen gleichermaßen vor. Unter den Halluzinationen überwiegen die akustischen, bei den Nigerianern dicht gefolgt von solchen vi-sueller Art. Die häufigste Form des Wahns ist der Verfolgungs-wahn. Dabei fühlen sich die nigerianischen Patienten überwie-gend durch reale Personen direkt oder auf magischem Wege be-droht. Die Deutschen peinigt die Furcht vor anonymen politi-schen Institutionen oder Umweltkatastrophen. Während religiöse Inhalte die Wahnvorstellungen der Nigerianer stark prägen, ten-dieren sie bei den Deutschen gegen Null.

Mit der Religionsausübung, wie übertriebenem Fasten und
Beten, bringen Angehörige in Nigeria oft auch den Krankheits-ausbruch in Verbindung. Daneben sind soziale Konflikte - etwa neidische Nachbarn, die hexerisch tätig werden - und Normbrü-che, wie die Beleidigung der Ahnen, als Krankheitsursache von großer Bedeutung.

Ihre Suche nach Lebenssinn, geben einige deutsche Patienten als mögliche Krankheitsursache zu Protokoll. Probleme am Arbeits-platz, der Verlust des Partners, traumatische Kindheitserleb-nisse oder pathologische Ursachen kommen ebenfalls häufig zur Aufzählung. Im wesentlichen haben sich die Patienten mit diesen Aussagen, so Dr. Schmitz, medizinisch-wissenschaftliche Er-kenntnisse zu eigen gemacht, die in unserer Kultur zum Allge-meingut geworden sind.

An der Krankheitseinsicht mangelt es den nigerianischen Patien-ten gänzlich. Bei den Deutschen ist sie - als wichtigste Vor-aussetzung um als genesend zu gelten - fast ausnahmslos vorhan-den.
Die Erkrankung drückt sich bei den Nigerianern subjektiv stär-ker in körperlichen Beschwerden, wie z.B. Kopfschmerzen, aus. Ihren Vorstellungen gemäß, bilden Körper und Psyche eine un-trennbare Einheit. Im Gegensatz dazu spielen körperliche Be-schwerden bei den deutschen Patienten eine untergeordnete Rol-le.

Dafür überwiegt bei diesen eine negative Gemütslage, während unter den Nigerianern nicht wenige eher heiter gestimmt sind. Allerdings ist hier das Aggressivitätspotential höher als bei der deutschen Vergleichsgruppe.

Eine starke Tendenz zum sozialen Rückzug läßt sich - nach Auf-fassung von Dr. Schmitz - bei beiden Patientengruppen beobach-ten. Aufgrund spezieller Lebensbedingungen in der Großfamilie, ist es den nigerianischen Schizophrenen jedoch nicht möglich, sich ebenso konsequent in die Isolation zu begeben wie die deutschen Kranken.

Verantwortlich: Sylvia Jumpertz

Für Rückfragen steht Ihnen Dr. Dr. Hambrecht unter der Telefon-nummer 0221/478-6098, Fax-Nummer 0221/478-5593 und der Email-Adresse: sekretariat.psychiatrie@uni-koeln.de zur Verfügung.

Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.htm).

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